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Effektvolles Licht begleitet den Auftritt von „Dreiviertelblut“ im Tölzer Kurhaus. 

„Dreiviertelblut“ im Kurhaus 

Freude an den finsteren Seiten des Lebens

Das Kurhaus war fast ausverkauft - sehr zur Überraschung von „Dreiviertelblut“-Sänger Sebastian Horn. „Es ist erstaunlich, wie viele Leute sich an so einem frühlingshaften Tag in eine Depression stürzten wollen.“ Von schlechter Stimmung konnte aber keine Rede sein.

Bad TölzDie flirrende Freude am Leben, betont durch Lieder über Tod, Verderben und Düsternis – ein Widerspruch? Oh Nein! Wer am Donnerstag im Kurhaus beim Konzert der Formation „Dreiviertelblut“ dabei war, der hat erlebt, welche überschäumende Energie in einem Programm stecket, das sich „Finsterlieder“ nennt. Das Publikum war hellauf begeistert.

Standing Ovations zum tosenden Schlussapplaus. Das haben sich die Musiker von „Dreiviertelblut“ vermutlich nicht ausgemalt, auch wenn es, wie Sänger Sebastian Horn zu Beginn bemerkte „das bestbesuchte Konzert“ bisher war. Das Kurhaus war nahezu ausverkauft. „Es ist erstaunlich, wie viele Leute sich an so einem frühlingshaften Tag in eine Depression stürzen wollen“ konstatierte Horn, der mit „Dreiviertelblut“ seine Passion gefunden zu haben scheint – neben den Bananafishbones, versteht sich.

Es war das erste Konzert der Formation in Bad Tölz, zumindest in der großen Besetzung. Die beiden „Großmeister des Düsteren“, Sebastian Horn und Gerd Baumann, scharten passionierte Musiker wie Dominik Glöbl (Trompete und Tenorhorn), Florian Riedl (Klarinette), Luke Cyrus Goetze (Lapsteel, Dobro, E-Gitarre) Benjamin Schäfer (Kontrabass) und am Schlagzeug Fishbones-Kollegen Florian Rein um sich. Alle miteinander zündeten ein schaurig-schönes Feuerwerk, das zum Schluss mit treibendem Sound von „Deifedanz“ kometengleich im Kurhaus einschlug und die Leute von den Stühlen riss.

„Party am Abgrund“ nennen sie es selbst, und die Selbstverständlichkeit, mit der die Musiker die Gegensätze und die Gemeinsamkeiten von Zwiefachen und Punksound, Jazz und Klezmer, Traditionals und atmoshärischem Synthesizer miteinander vereinbarten und sich mit großer Intensität quer durch die Genres bewegten, war atemberaubend und lautmalerisch fantasievoll. Dazu die Bühne, mal Zauberwald mal blauer Planet, von Lichttechniker Markus Schönhaber wirkungsvoll in schillernde Farben und funkelnde Effekte getaucht. Sänger Wasti Horn zelebrierte die Lieder voller Hingabe und ließ in seinen Texten keinen Zweifel offen: Es ist immer alles in allem. In der Freude steckt die Wehmut über das Ende, und das Ende geht über in die Unendlichkeit. Und wer stirbt, ist noch lang nicht tot. „Es ist der scheenste Sommer, schee und fürchterlich“ – das allein kann jeder nachvollziehen, der in lauen Nächten schon mal tausend Tode des Liebeskummers gestorben ist.

In den Liedern, allesamt in tiefstem bayerisch, regnet es oft genug, es ist finster und kalt, Würmer krabbeln auf einer Leiche herum und es werden die Wunden von Jesus besungen. Dann wieder leichtere Kost: Tanzen, trinken, die Liebste besingen und den Mai „wenns von de Apfebaam die Blütenblattl schneibt“. Sehr poetisch, heimatverbunden aber niemals musikantenstadelig. Vielschichtig und mit philosophischem Hintergrund, mystisch und manchmal kryptisch. „Schee griaßt da Fliangmoaster ausm Apfebutzenkloster“ – den Sinn muss man nicht unbedingt verstehen, kann sich aber einfach dran erfreuen.

Dass Horn und Baumann gemütsmäßig nicht im Trüben dümpeln, sondern mit den finsteren Seiten des Lebens eher humorvoll spielen, ist spürbar und macht es dem Zuhörer leicht, sich darauf einzulassen.

Überhaupt, der Abend war locker, lustig und gespickt mit entzückend skurrilen Ansagen. Ganz großes Kino für die Ohren. Ines Gokus

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