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Hier liegen 228 deutsche Soldaten, darunter Herbert Petsch: der ehemalige Lagerfriedhof Marjina Roschtscha. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge sandte seinem Sohn in Bad Tölz eine Farbkopie vom heutigen Aussehen des Friedhofs zu.

„Berührender“ Blick in die Vergangenheit

Nach 74 Jahren findet ein Tölzer endlich das Grab seines Vaters

Es ist eine berührende Geschichte: 74 Jahre nach dem Ende des Zweitem Weltkriegs kann der Tölzer Peter Petsch endlich das Schicksal seines Vaters klären.

Bad Tölz– Vergangener Montag: Monatsversammlung des Historischen Vereins im Tölzer Gasthof Zantl. Zweiter Vorsitzender Christof Botzenhart gibt die Jahrestermine bekannt. Am 25. September wird es einen Vortrag über die „humanitäre Arbeit des DRK-Suchdienstes geben“. Das habe ihn einfach interessiert.

Einer in der Runde der „Historischen“ kann in diesem Moment nicht mehr an sich halten. Peter Petsch meldet sich zu Wort und erzählt davon, was ihm vor Kurzem widerfahren ist. 74 Jahre, also drei Generationen nach Ende des Zweiten Weltkriegs, hat er erstmals genaue Kunde vom Schicksal seines vermissten Vaters erhalten. Dank DRK-Suchdienst und dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

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Peter Petschs Geschichte beginnt im Januar 1945. Der noch nicht Zweijährige floh mit der Mutter und anderen Familienangehörigen aus Küstrin vor den herannahenden Russen in Richtung Westen und schließlich der Endstation Bayern. Dreimal war die Mutter zuvor in Berlin ausgebombt worden. Wo der Vater war, der immerhin Stalingrad überlebt hatte, wussten sie zu dem Zeitpunkt nicht.

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Der Berufssoldat war Oberzahlmeister in einem Bataillon des 76. Infanterieregiments. Etwa zum Zeitpunkt der Flucht seiner Familie wurde in Ungarn eine letzte Postnachricht des Vaters registriert. Sie kam nie an, erinnert sich der Sohn, der – verständlich – keine Erinnerungen an den Vater hat, zeitlebens aber von einer „inneren Unruhe“ bezüglich seines Schicksals getrieben wurde. Immer wieder erneuerte der Sohn deshalb seine Anfragen beim Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes. Als 24-Jähriger erhielt der spätere Schulleiter erstmals den Bescheid, dass der Vater am 4. Oktober 1945 in Russland gestorben sei. Woran er starb, die Umstände des Todes und der Bestattungsort, darüber schwiegen sich die Quellen seinerzeit aus. Immerhin: Für die Familie und die trauernde Mutter endete mit dieser lapidaren Todesnachricht eine lange Zeit der quälenden Ungewissheit.

Herbert Petsch fand den Tod in Kriegsgefangenschaft.

Peter Petsch hatte zwei weitere Antriebsquellen, weiterzuforschen. Zum einen das Schicksal des Großvaters Artur. Der war in der Schlacht von Verdun, der berüchtigten „Menschenmühle“ des Ersten Weltkriegs, gefallen. Erst als der Enkel mit seinem Sohn Jahrzehnte später am ausfindig gemachten Grab stand, sei dieses immer noch offene Familienkapitel zu schließen gewesen. Ein ausgeprägter historischer Forschersinn spornte ihn auch im Fall des Vaters an, weiterzusuchen. Die Perestroika und der sich daraus ergebende Zugang zu bisher unbekannten 250 000 sowjetischen Kriegsgefangenenakten brachte schließlich – mit einiger Verzögerung – den Durchbruch. Noch 2002 musste der DRK-Suchdienst auf Petschs Anfrage antworten, dass das Rote Kreuz Moskau die näheren Umstände über den Tod des Vaters „niemals bekannt gegeben hat“. 16 Jahre später erhielt der nunmehr vom Landkreis Mühldorf nach Tölz gezogene Petsch endlich die Nachricht, die er ein Leben lang ersehnt hatte. Die nunmehr gefundene und ausgewertete Akte und Karteikarte von Herbert Petsch weist aus, dass er vermutlich bei „Deutsch Brod“ nahe Prag in sowjetische Kriegsgefangenschaft geriet. Von dort wurde er in ein sowjetisches Kriegsgefangenenlager in Wladimir gebracht, wo er am 4. Oktober 1945 im Alter von 41 Jahren an einer Lungenentzündung mit einhergehender Rippenfellentzündung starb. Er wurde auf dem Lagerfriedhof bestattet.

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Wo sich dieser Friedhof befindet, das teilte Peter Petsch im vergangenen Herbst der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge auf Anfrage mit. Beigelegt war auch eine Farbkopie aus russischer Herkunft vom heutigen Aussehen des Soldatenfriedhofs Marjina Roschtscha an der Straße nach Moskau. Dieser vorausschauende Service und die Arbeit des Volksbunds hat Petsch beeindruckt. Wie der 75-Jährige überhaupt tief berührt ist vom späten Erfolg seiner Recherchen. Es beruhige ihn, dass die Fakten bekannt seien und die Lebensgeschichte des Vaters sozusagen abgeschlossen werden könne.

Wie geht es nun weiter? Peter Petsch wird es wohl aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr schaffen, nach Wladimir ans Grab des Vaters zu reisen. Obgleich: Dass es in Erlangen einen Partnerschaftsverein mit Wladimir gibt, hat der Tölzer schon recherchiert. „Wenn ich halt noch jünger wäre...“ Christoph Schnitzer

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