„Dunkel tönt’s aus dem Gehölz...“

Vor 400 Jahren begann der 30-jährige Krieg, der auch das Tölzer Land heimsuchte. Ein Mahnmal im Zeller Wald erinnert an einen Überfall.

Bad Tölz– Mit dem „Prager Fenstersturz“ begann im Mai 1618 vor 400 Jahren der „Dreißigjährige Krieg“. Was als regionaler Konflikt zwischen böhmischen Protestanten und katholischem Kaiser begonnen hatte, weitete sich zur epochalen Katastrophe aus. Weite Teile Europas wurden verwüstet und verödeten. Etwa ein Drittel der Menschen verlor durch Kriegshandlungen, Hunger und Seuchen ihr Leben. Etwa zur Halbzeit, im Mai 1632, schlug dieser Krieg auch im Tölzer Land auf.

Was sich in dieser Zeit im Tölzer Land abgespielt hat, dazu gibt es einige Literatur: Etwa von Pfarrer Georg Westermayer („Chronik von Tölz“ von 1871), dem Lenggrieser Ortshistoriker Carl Pfund (1885), Prof. Johann Nepomuk Sepp („Merkwürdiges“ 1898) und die neuere Ortschronik von Wackersberg. In den Berichten wird das Grauen und unvorstellbare Leid jener Jahre wieder lebendig.

„Dunkel tönt es aus dem Gehölz, betet’s zu Gott, mir san von Tölz.“ Dieser legendäre Spruch bezieht sich auf zwei fast identische Überlieferungen aus den Jahren 1632 und 1742, die beschreiben, wie mutige Landesverteidiger aus dem Tölzer Land die verhassten Eindringlinge im Zellerwald zwischen Tölz und Dietramszell in Partisanenmanier in einen Hinterhalt gelockt haben.

Im Mai 1632 drangen schwedische Truppen ins Oberland vor. Kurfürst Maximilian I. war aus der Residenzstadt München geflohen und hatte sein Land schutzlos den marodierenden Soldatenhaufen ausgeliefert. Bei ihren Beutezügen plünderten sie das Kloster Benediktbeuern und marterten einen Pater zu Tode, in Dietramszell erpressten sie den Klosterschatz. Sie beschossen den Markt Tölz und trieben hohe Tributzahlungen ein. Im Umland verwüsteten sie die Felder, zündeten die Höfe an, raubten alle Dinge von Wert und das Vieh.

In ihrem Zorn darüber sollen Bauern und Bürger blutige Rache genommen haben. In einem Tölzer Taufbuch jener Zeit heißt es: „1632 am Freitag nach der Auffahrt Christi, da die Schweden allhier seindt erschlagen worden.“ Was am 26. Mai 1632 genau geschah, liegt im Dunkeln. Die Überlieferung besagt, dass Bauern den Schweden bei ihrem Rückzug mit der Beute an einer unübersichtlichen Engstelle im dunklen Zellerwald auflauerten, wo die Zwieselbrücke über den Habichauer Bach führt. Sie hatten die viel besseren Ortskenntnisse. Unter hohen Verlusten sollen sie die Schweden in die Flucht geschlagen haben. Die Brücke wird seither auch „Mörderbrücke“ genannt.

Teilweise eine Legende oder doch Fakt? Für Vroni Müller, die gerade an der Gaißacher Ortschronik schreibt und dafür intensiv im Bayerischen Staatsarchiv recherchiert hat, sprechen die Quellen klar dafür. Für zuverlässig hält sie insbesondere die Forschungen des Lenggrieser Ortshistorikers Carl Pfund. 1992 haben die Ellbacher Gebirgsschützen an der Stelle einen Gedenkstein errichtet. Das Mahnmal erinnert auch an den Einfall der berüchtigten Panduren unter Oberst Trenk, die laut Westermayer am 12. April 1742 ebenfalls im Zellerwald von Bauern in einen Hinterhalt gelockt wurden. Der Adjutant Trenks, Christian Gondola, wurde getötet und in Kirchbichl begraben.

Zurück zum 30-jährigen Krieg. Der Feind blieb weiterhin gefährlich: Noch im Frühjahr 1648 – also wenige Monate vor Abschluss des Westfälischen Friedens – war die Bedrohung für das Tölzer Land riesengroß. Wie Georg Westermayer schreibt, ließ deshalb der Tölzer Rat „das Kirchensilber, die Freiheitsbriefe und andere wichtige Urkunden des Marktes, verpackt in zwei Banzen (= Fässern) und fünf Truhen“ auf dem weltabgelegenen Tiroler Bergkloster St. Georgenberg in Sicherheit bringen.

Eine unmittelbare Folge des Krieges war die Ausbreitung der Beulenpest, der die verarmte und ausgehungerte Bevölkerung keine Widerstandskraft mehr entgegenzusetzen hatte. Der „Schwarze Tod“ versetzte die Menschen in Panik. Nicht die Schweden, sondern für mehrere Monate hier zwangseinquartierte „befreundete“ katholische Truppenteile aus Spanien sollen die Pest 1634 in den Isarwinkel eingeschleppt haben. Bei den Angesteckten zeigten sich zunächst schwarze Pusteln, woraufhin binnen von Stunden der Tod eintrat.

Besonders schlimm wütete die Pest in Wackersberg, was Werner Dries in der Ortschronik von 2008 beschrieben hat: „Im Oktober 1634 erreichte die Seuche ihren Höhepunkt, im Januar 1635 kam sie zum Erliegen und ließ nach einer Überlieferung gerade einmal acht Erwachsene in Wackersberg lebendig zurück. Eine andere Überlieferung benennt fünf Familien, die überlebt hätten. Vom Grill-Anwesen wurde berichtet, dass nur zwei kleine Knaben übrig geblieben wären, die nur durch die gelegentliche Versorgung durch die Austragler vom Fürholzerhof durchgekommen seien.“

Aus diesen Jahren seien auch auffällig viele Fälle bekannt, in denen Vormunde die Anwesen verwaister Kinder verkauft haben, schreibt Dries. Auf ein Gelübde von 1634 geht der Bau der Wackersberger Pestkapelle zurück. Laut Georg Westermayer sind dort auch die Tölzer Pesttoten bestattet worden, denn die Obrigkeit hatte verfügt, dass die Toten wegen der Ansteckungsgefahr an abgelegenen Orten bestattet werden mussten.

Krieg, Hungersnot und Pest erschienen den geschundenen Menschen als wahre Apokalypse. In der kleinen Tölzer Wallfahrts-Kapelle „Maria Hilf“ auf dem Tölzer Mühlfeld flehten sie um ihr Leben. Noch hundert Jahre und vier Generationen später war das Grauen allgegenwärtig, als ab 1735 an gleicher Stelle die prachtvolle, barocke Mühlfeldkirche errichtet wurde.

Aus dem Jahr 1737 stammt das Deckenfresko des berühmten Kirchenmalers Matthäus Günther: Es zeigt Maria auf Wolken thronend und von Engeln umgeben, darunter eine Prozession. Die Darstellung soll an einen Bittgang der Tölzer Bürger im Pestjahr 1634 erinnern. Der sollte nach Gaißach führen, doch aus Furcht vor Ansteckung trieben die Gaißacher die Wallfahrer zurück. Der ebenfalls auf dem Deckenfresko abgebildete Hund soll dann die Pest nach Gaißach getragen haben. Das ist wohl nur eine Legende. Der Hund gehörte jüngsten Forschungen zufolge dem Maler. Rainer Bannier

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