Dr. Claus Kiehling ist seit fünf Jahren immer wieder in Nepal. Das Foto zeigt ihn „Spinal Injury Rehabilitation Center“ in Sanga. Es ist die einzige Reha-Einrichtung für Menschen mit Querschnittslähmung im ganzen Land.
+
Dr. Claus Kiehling ist seit fünf Jahren immer wieder in Nepal. Das Foto zeigt ihn „Spinal Injury Rehabilitation Center“ in Sanga. Es ist die einzige Reha-Einrichtung für Menschen mit Querschnittslähmung im ganzen Land.

Dr. Claus Kiehling (70) ist regelmäßig in Nepal im Einsatz

Ehemaliger Tölzer Chefarzt hilft in einem der ärmsten Länder der Welt

  • Veronika Ahn-Tauchnitz
    VonVeronika Ahn-Tauchnitz
    schließen

Dr. Claus Kiehling (70) hat sich nach seiner Zeit als Chefarzt der Chirurgie an der Asklepios-Stadtklinik eine neue Aufgabe gesucht. Vielleicht ist es sogar eher eine Art Berufung: Seit fünf Jahren ist der Tölzer als Freiwilliger für die „German Rotary Volunteer Doctors“ regelmäßig in Nepal im Einsatz.

Bad Tölz - „In der Organisation sind vor allem Rotarier, aber auch einige Nicht-Rotarier aktiv“, sagt Kiehling. Viele der Freiwilligen seien wie er bereits im Ruhestand. „Wir haben aber auch zunehmend jüngere Kollegen, die ihren Urlaub dafür opfern.“ Dabei wolle man nicht einfach nur kurzfristig helfen. „Unser Ziel ist es, Leute auszubilden und Nachhaltigkeit zu erreichen.“ Ärzte, Schwester, Physiotherapeuten und anderes medizinisches Personal steht dabei im Mittelpunkt. „Hilfslieferungen sind ja ganz schön. Aber wenn die Geräte in die Ecke gestellt werden, weil sie niemand bedienen oder reparieren kann, ist keinem geholfen.“

Nepal ist eines der ärmsten Länder der Welt, gebeutelt von Naturkatastrophen, aber auch Korruption

Nepal ist eines der ärmsten Länder der Welt, gebeutelt von Naturkatastrophen, aber auch Korruption, wie Kiehling berichtet. Gerade mit Blick auf Letzteres sei es wichtig, immer wieder vor Ort zu überprüfen, dass Mittel richtig eingesetzt werden und auch dort ankommen, wo sie gebraucht werden. Zweimal im Jahr versucht der Tölzer, der mittlerweile Asien-Koordinator der Organisation ist, nach Nepal zu reisen – wenn Corona das nicht gerade unmöglich macht. „Dann fahre ich von Klinik zu Klinik und lasse mir die Investitionen zeigen. Wir kontrollieren jeden Euro.“ Dabei arbeiten die „German Rotary Volunteer Doctors“ mit anderen Hilfsorganisationen zusammen.

Corona-Lage in Nepal ist „katastrophal. Die Menschen sterben wie die Fliegen an der Delatvariante“

Zum letzten Mal war Kiehling im März 2020 in Nepal. „Da hat dort noch kein Hahn nach Corona gekräht. Unsere Geschäftsführerin hat uns irgendwann angerufen und gesagt, dass wir jetzt bitte zügig zurückkommen sollen“, erinnert sich der Tölzer. Tatsächlich habe man es gerade noch so eben nach Hause geschafft. Mittlerweile sei die Corona-Lage in Nepal „katastrophal. Die Leute sterben wie die Fliegen an der Deltavariante“, sagt Kiehling. „Indien und China haben zwar je eine Million Impfdosen gespendet.“ Angesichts von 29 Millionen Einwohnern sei der Impffortschritt aber eher überschaubar. Dazu komme, dass die Pandemie die wirtschaftliche Situation des Landes weiter verschlechtert hat. „Nepal lebt vom Tourismus, der nicht stattgefunden hat.“ Zudem fehlten die Devisen, „die sonst die Sklavenarbeiter, die in den Emiraten unter übelsten Bedingungen arbeiten, ins Land bringen, sagt Kiehling.

95 Prozent der Bevölkerung sind arm

95 Prozent der Bevölkerung seien arm und lebten von dem, was auf dem eigenen Feld wächst. „Es gibt keine Kranken- oder Sozialversicherung und keine Rente.“ Wer krank ist, muss für die Behandlung bezahlen – oder es gibt keine Therapie. Kiehling zeigt ein Foto aus einem Operationssaal. Darauf zu sehen ist eine Plastiktüte, die alles Material beinhaltet, was für die OP benötigt wird. „Das muss der Patient vorher kaufen und zur Operation mitbringen“, schildert er. Auch deshalb seien die kostenlosen Behandlungen so wichtig, die in einigen Kliniken, die die Rotarier unterstützen, angeboten werden.

Es gibt nur eine einzige Reha-Einrichtung für Menschen mit Querschnittslähmung im ganzen Land

Der Tölzer Club, dem Kiehling angehört, fördert mit Unterstützung aus Tegernsee, Schliersee und Holzkirchen vor allem zwei Projekte. Bei einem geht es um die Ausbildung von Intensivkrankenschwestern. Dafür gibt es ein Austauschprogramm mit der Asklepios-Klinik. Zudem fließt Geld in das „Spinal Injury Rehabilitation Centre“ in Sanga. Es ist die einzige Reha-Einrichtung für Menschen mit Querschnittslähmung im ganzen Land, gegründet vor einigen Jahren von der Schweizer Organisation „Mountain to Mountain“. Unter anderem kaufen die Rotarier für die Betroffenen Rollstühle – und zwar in Nepal. „Für 300 Euro bekommen sie einen guten, der vor Ort in der eigenen Werkstatt angepasst wird.“ Dass die Rollstühle nicht importiert werden, sei wichtig. Denn was sollen die Menschen dort mit Hilfsmitteln, für die im Fall des Falles Ersatzteile fehlen und auch nicht beschafft werden können? Für die Zukunft sei auch noch geplant, Neurologen, Physiotherapeuten und Rehabilitationsärzte für das Projekt zu gewinnen, sagt Kiehling.

Oft dauert es lange, bis sich etwas verändert

In allen Kliniken werde zudem versucht, das Thema Umwelt zu einem zu machen. „Wir bemühen uns, in den Kliniken Mülltrennung einzuführen und das Bewusstsein zu schärfen.“ Außerdem werden einfache Müllverbrennungsöfen an den Kliniken gebaut, um den getrennten Müll auch entsprechend entsorgen zu können. Noch sei Nepal eine Wegwerfgesellschaft. „Wenn Sie dort in Flüsse schauen, wird Ihnen schlecht“, sagt Kiehling.

In Nepal etwas zu bewegen, sei oft mühselig, „Man darf seine Ansprüche nicht zu hoch stecken. Nur weil wir vier Wochen da sind, ist nicht gleich alles anders“, sagt der Tölzer. Oft brauche es fünf, sechs Besuche in einer Klinik, bis sich etwas bewege. „Seltsamerweise gibt es auch dort oft die Haltung: Das haben wir schon immer so gemacht“, sagt Kiehling und schmunzelt. Aber in „kleinen Schritten“ gehe es dann doch voran. „Plötzlich kann doch eine Geburtshilfe oder eine Kinderklinik eingerichtet werden.“

Nächster Besuch ist noch im Herbst geplant - wenn es Corona zulässt

Wenn es mit Blick auf Corona irgendwie möglich ist, möchte der Tölzer Mediziner noch diesen Herbst wieder nach Nepal reisen und schauen, wie sich die verschiedenen Projekt entwickelt haben. Und er wird weiter Vorträge bei den Rotariern halten, um Spenden für die Menschen im Schatten des Annapurna zu sammeln.

Weitere Infos über den Rotary-Club Bad Tölz stehen auf www.bad-toelz.rotary.de. Informationen über die „German Rotary Volunteer Doctors“ und die Projekte gibt es im Internet auf www.grvd.de

Bad-Tölz-Newsletter: Alles aus Ihrer Region! Unser brandneuer Bad-Tölz-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus der Region Bad Tölz – inklusive aller Neuigkeiten zur Corona-Krise in Ihrer Gemeinde. Melden Sie sich hier an.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare