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Ein Besuch bei der Tölzer Gruppe der AA

Alkoholismus: Bis nach ganz unten

Bad Tölz - Wer den echten und eigenen Wunsch hat, mit dem Trinken aufzuhören, ist bei den Anonymen Alkoholikern willkommen. In Tölz treffen sich Gruppen dienstags, mittwochs und donnerstags. Ein Besuch.

„Es war mir klar, dass ich zu viel trinke. Aber ich habe mich nie als Alkoholiker gesehen.“ So beginnt Gregor (alle Namen geändert) seine Leidensgeschichte. „Alkoholiker, das waren für mich die Penner unter der Brücke, und das war ich ja nicht. Ich habe einfach nicht gewusst, wie diese Krankheit funktioniert.“

Die Krankheit heißt Alkoholismus, und wie Gregor sind zahllose Menschen von ihr betroffen. Wer von der Sucht loskommen will, muss oft ein Leben lang darum kämpfen. Die Gruppen der Anonymen Alkoholiker (AA) sind für viele eine wertvolle und unverzichtbare Unterstützung. In Bad Tölz finden dreimal pro Woche Gruppentreffen statt. Ebenfalls Hilfe in der Gemeinschaft finden die Angehörigen von Alkoholikern, für die es die eigenen „AlAnon“-Gruppen gibt, denn: Alkoholismus betrifft die ganze Familie.

Wie passt das zusammen: Anonymität und ein Zeitungsbericht? „Unsere Geschichten sollen weitergegeben werden“, sagt Regina. „Wir wollen, dass sich Menschen darin wiedererkennen. Wir hoffen darauf, dass sie den Weg zu uns finden, wenn sie ein Problem mit dem Alkohol haben.“ Regina ist seit 30 Jahren trocken und geht immer noch zu den wöchentlichen Treffen. „Die Gruppe hat mich gerettet“, stellt sie fest. „Hier hat mich keiner ausgelacht, verachtet, mir Ratschläge erteilt oder Vorschriften gemacht. Jeder hat einfach nur von sich erzählt.“

Die AA verstehen sich als Gemeinschaft von Männern und Frauen, die erkannt haben, dass sie ein gemeinsames Problem haben und auch anderen zur Genesung verhelfen wollen. So formuliert es die Präambel der Gemeinschaft. Man geht dabei nach den sogenannten „Zwölf Schritten“ vor, einem Programm, das aus Empfehlungen besteht, die jeder für sich so annehmen kann, wie er es braucht. Einzige Voraussetzung: der echte und eigene Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören.

Bei den AA gibt es keine Mitgliedsbeiträge und kein Vereinsregister. Alles, was in diesem Kreis erzählt wird, bleibt auch dort. Man begegnet sich auf Augenhöhe. Jeder wird gleich behandelt, ob Professor oder Bauarbeiter. Und: Jeder darf ausreden, und die anderen hören ihm zu.

Regina war mehrfachsüchtig. Sie nahm auch Beruhigungs- und Schmerzmittel. Wie alle anderen in der Gruppe musste Regina erkennen, dass in ihr eine Art Suchtstruktur angelegt ist. Normales, geselliges Trinken oder ein genussvolles Feierabendbier sind bei Alkoholikern nicht möglich. „Sucht ist Flucht“, sagt Regina. „Ich hab’ damals die Realität einfach nicht ausgehalten.“

Mit 17 entdeckte sie den Alkohol und empfand dessen Wirkung zunächst als Rettung vor ihrer vermeintlichen Lebensunfähigkeit. „Alkohol hat mich locker und gelöst gemacht. Ich fühlte mich plötzlich zugehörig. Aber das war überhaupt nicht ich.“

Das Verhängnis nahm seinen Lauf. Regina versuchte, sich zu kontrollieren. Erst ab 8 Uhr abends zu trinken, dann ab 6 Uhr. Irgendwann hatte sie die Grenze auf den Mittag vorverlegt. Dann konnte sie nicht anders, als rund um die Uhr zu trinken. „Ich hab’ es zum Schluss keine zwei Stunden ausgehalten und unter totalem Realitätsverlust gelitten. Mit der halbleeren Flasche in der Hand hab’ ich mir dann gedacht: ,Na bitte, geht doch ohne‘.“

Der Blick der Betroffenen auf ihr früheres Leben ist oft von Bitterkeit geprägt. „Trinken ist eine unfassbare Energieverschwendung“, bestätigt Gregor. Die Beschaffung des „Stoffs“, das Entsorgen der Flaschen, das immer wichtiger werdende Vertuschen der Sucht, die Scham und die vielen Lügen. „Ich hab’ ein Bier offiziell getrunken, hatte aber vorher heimlich schon drei gekippt.“

Zu schaffen machen den Kranken auch die körperlichen und psychischen Symptome, die allmählich zum Vorschein kommen. Desorientierung, Depressionen oder auch Aggressionen, ständig verkatert sein, sich total daneben fühlen. Erst wenn man weitertrinkt, hört das „Mandolinenfieber“ auf. So wird das bei fortgeschrittenem Alkoholismus auftretende Zittern der Hände bezeichnet.

„Spiegeltrinker“ funktionieren nur mit Alkohol normal, „Quartalssäufer“ trinken eine ganze Weile lang gar nichts und ziehen dann regelrechte Sauftouren durch. Zwischen diesen beiden Extremen gibt es zahlreiche Varianten. Mit dem immer massiveren „Saufdruck“ geht ein steigender Kontrollverlust einher. „Irgendwann hab’ ich alles getrunken, sogar den Spiritus, mit dem meine Frau die Fenster geputzt hat,“ sagt Gregor.

Das Teuflische am Alkohol ist, dass er einen hohen gesellschaftlichen Status genießt. Quasi bei jedem Anlass, offiziell oder privat, wird ein „Gläschen in Ehren“ gefüllt. Man trinkt „auf das Wohl“ von jemandem oder um die Stimmung zu heben. „Ich war in vielen Vereinen. Praktisch alle haben getrunken“, sagt Gregor. „Eigentlich sind wir viel zu wenige hier in unserer Gruppe. Wenn alle kämen, die eigentlich auch Alkoholiker sind, würden wir ganze Hallen füllen.“

Gregors persönliche Kehrtwende kam, als er sich umbringen wollte. Seine Frau entdeckte ihn gerade noch rechtzeitig. „Das war der Tiefpunkt.“ Für jeden kann ein anderes drastisches Erlebnis den Ausschlag zur Erkenntnis geben. Nicht mehr nach Hause finden, nicht wissen, wo man die vergangenen Tage verbracht hat, in seinen eigenen Exkrementen aufwachen, auf der Parkbank im Suff ohnmächtig werden und beinahe erfrieren, im Gefängnis landen und eben oft genug Suizidversuche – die Palette ist groß.

Wenn Alkoholiker bei der AA-Gruppe landen, haben sie oft schlimme Jahre hinter sich. Entzüge, Rückfälle. Sie sind die ganze Leiter des sozialen Abstiegs hinuntergepurzelt und haben ihre Familie, Freunde und nicht zuletzt ihre Selbstachtung verloren. Doch die Gruppe fängt sie auf. Die Atmosphäre dort ist familiär, man geht respektvoll miteinander um. „Diese Gemeinschaft hier ist mein Anker. Hier bin ich zuhause. Wenn ich eine Weile nicht komme, wird es gefährlich für mich“, hört man von den Teilnehmern.

Denn allen ist klar: Alkoholiker bleiben sie ein Leben lang. Sie müssen aktiv etwas dafür tun, um trocken zu bleiben. „Das hier ist ein einfaches Programm für komplizierte Leute“, versucht Regina das Geheimnis der AA zu erklären. Die Maxime „Ich trinke heute nicht“ nimmt dem gewaltigen Berg, der vor einem liegt, dabei die Spitze. Doch vielleicht liegt das Geheimnis auch in einer alten Binsenweisheit: „Geteiltes Leid ist halbes Leid. Geteilte Freude ist doppelte Freude.“

„Ich genieße heute meine innere Freiheit. Ich will von nichts und niemandem mehr abhängig sein“, sagt Regina. Gregor dagegen ist jeden Tag dankbar für sein neues Leben. „Ich bin heute staubtrocken, und stauben soll es auch, wenn einmal der letzte Nagel eingeschlagen wird.“ Ines Gokus

Treffen der AA-Gruppen in Bad Tölz

Jeden Dienstag um 19.45 Uhr im Pfarrheim Franzmühle (Eingang Mühlgasse); Mittwoch 19 Uhr in der Krankenpflegeschule in der Stadtklinik, Infotelefon 0 80 41/52 86 oder 0 80 42/50 99 95; und Donnerstag, 19 Uhr, Pfarrheim Heilige Familie (Siedlung).Angehörigengruppe Al-Anon, jeweils jeden zweiten und vierten Dienstag im Monat, 19.45 Uhr, Pfarrheim Franzmühle; offenes Infotreffen beider Gruppen jeden zweiten Donnerstag im Monat, 19 Uhr, Pfarrheim Heilige Familie.

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