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Schwer bepackt und robust gekleidet: Binia Becker und ihr Pferd Rocky kamen am Freitag in Bad Tölz an. Die beiden laufen, so lange sie Lust haben und bleiben, wo es ihnen gefällt – eine Freiheit, um die sie oft beneidet werden. 

Wanderritt

„Ein bisschen verrückt muss man sein“

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Bad Tölz - Da staunten viele Tölzer nicht schlecht, als am Freitag Binia Becker mit ihrem Pferd Rocky – schwer bepackt und mit klappernden Hufen – in der Kreisstadt ankam. Die 60-Jährige zieht insgesamt sechs Wochen lang durch die Republik, um Land und Leute kennen zu lernen.

Wo sie am Abend landet, wann sie das nächste Mal duschen kann und ob sie zum Schlafen ein Dach über dem Kopf haben wird – Binia Becker weiß es nicht. Und es stört sie auch nicht: „Ich gehe, bis ich keine Lust mehr habe und ich bleibe, wo es mir gefällt“, sagt die 60-jährige Vermögensberaterin aus Rheinland-Pfalz, die sie seit über drei Wochen auf einem Wanderritt quer durch Deutschland befindet. Zirka 600 Kilometer hat sich in dieser Zeit zurückgelegt, pro Tag also etwa 25 bis 30 Kilometer.

Obwohl sie mit ihrem Pferd Rocky unterwegs ist, läuft Becker den Großteil des Weges zu Fuß, um den 21 Jahre alten Isländer zu schonen. Der muss nämlich schon das Gepäck und natürlich den Proviant tragen. „Außerdem hat schon Goethe gesagt: ,Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen“, zitiert Becker den großen deutschen Dichter und rückt lachend ihren Wachshut zurecht. Der hat ihr in den vergangenen Tagen gute Dienste erwiesen, als es zeitweise in Strömen regnete. Für Becker kein Grund, ihren insgesamt sechswöchigen Wanderritt abzubrechen. „Kopf runter und weiter, irgendwann hört es schon auf.“

Heiße Dusche als Luxus

Trotzdem war sie sehr froh, sich am Donnerstagabend mal wieder unter eine heiße Dusche stellen zu können. „Es hatte den ganzen Tag über geregnet, da weiß man solche kleinen Dinge zu schätzen.“ Untypischerweise hat Becker in dieser Nacht auch nicht in ihrem Zelt oder bei ihrem Rocky in der Pferdebox geschlafen, sondern in einem richtigen Bett auf Gut Bohmerhof in Wackersberg. Der Mitarbeiter einer Tankstelle hatte ihr den Reiterhof empfohlen.

Oft wird Becker auf ihrem Wanderritt aber auch von Privatleuten eingeladen. „Die Gastfreundschaft ist groß“, freut sich die 60-Jährige. Viele bieten ihr nicht nur etwas zu Essen und einen Schlafplatz an, sondern auch die Möglichkeit, ihre Kleider zu waschen. Die Kontakte ergeben sich ganz spontan: „Ich werde oft angesprochen.“ So wie einmal in einer Kirche, als das Mitglied einer Reisegruppe ihr anbot, sein Lunchpaket mit ihr zu teilen. Die 500 Gramm Müsli, die Becker zur Not im Gepäck hat, musste sie bisher kaum anrühren.

Wenn sie mit den Einheimischen ins Gespräch kommt, erzählt Becker gerne, was die Faszination dieser Art zu reisen für sie ausmacht. „Ich muss nicht irgendwann irgendwo sein und kann machen, was ich will“, schwärmt Becker. „Für mich ist das ein Abenteuer.“

Aufgebrochen ist Becker am 19. Mai in der baden-württembergische Gemeinde Efringen-Kirchen, wo im Herbst 2015 ihr letzter Wanderritt endete. Seitdem folgen sie und Rocky im Großen und Ganzen dem Bodensee-Königssee-Radweg. In zirka drei Wochen wollen sie irgendwo zwischen Passau und Hof sein, dann ist ihr Abenteuer für dieses Jahr zu Ende: Ein Pferdetransporter wird sie und Rocky zurück in die Heimat bei Bad Kreuznach bringen.

Das Ziel heißt Holland

Im nächsten Jahr will Becker erneut am Ende ihrer letzten Reise anknüpfen und sich bis zur Ostsee durchschlagen, 2018 ist Holland das Ziel, 2019 will sie den Rückweg antreten. „Ein bisschen verrückt muss man dafür schon sein“, sagt die Pferdenärrin und steckt ihrem Rocky eine Karotte zu.

Angst, sich zu verirren, hat Becker nicht. „Ich habe Geologie studiert und habe natürlich Karten, einen Kompass und ein Handy dabei.“ Auch der Umstand, dass sie alleine unterwegs ist, macht der Mutter zweier erwachsener Kinder keine Sorgen. „Ich habe mir mal sagen lassen, dass ich aussehe, als würde ich zurückschlagen“, verrät Becker und fügt lachend hinzu: „Und das würde ich wirklich.“

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