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Schwester Edelhild ist eine von heute zwei Bewohnerinnen der ehemaligen Mann-Villa. Die beiden Frauen empfangen hier Erholung suchende Mitschwestern.

Dichter verkaufte Sommerhaus vor 100 Jahren

Ein Blick in Thomas Manns Tölzer Zuhause

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Die Türen des einstigen Sommerhauses von Thomas Mann in Bad Tölz bleiben für die Öffentlichkeit normalerweise verschlossen. Aus Anlass des Tölzer Mann-Jahrs 2017 gewährten die dort lebenden Armen Schulschwestern nun seltene Einblicke.

Bad Tölz– Nein, eine besondere Beziehung zum Werk Thomas Manns habe sie nicht. Schwester Edelhild ist gebildet, natürlich, bis zu ihrer Pensionierung arbeitete sie als Sportlehrerin in Stockholm. Für die schöne Literatur aber bringt sie keine rechte Begeisterung auf. Und so sieht es die 74-Jährige eher nüchtern, dass sie und ihre Mitschwester Gerhildis in einem Haus leben, das für Lesebegeisterte eine wahre Pilgerstätte sein könnte: in der Thomas-Mann-Villa an der Tölzer Heißstraße, in der Nähe des Klammerweihers.

In der ländlichen Idylle: Von 1909 bis 1917 verbrachten Thomas Mann und seine Familie die Sommer in Bad Tölz, wo sie sich ihr „Herrensitzchen“ gebaut hatten.

Dass hier keine Anhänger des Nobelpreisträgers ein und aus gehen, hat einen einfachen Grund: Das Haus ist seit 1926 im Besitz des Ordens der Armen Schulschwestern. Sie nutzen das Gebäude als Erholungsheim. Es gehört offiziell zum benachbarten St. Josefsheim, einem Altersruhesitz für aktuell 23 Arme Schulschwestern. In der Villa können bis zu sieben Schwestern Urlaub machen, betreut von Gerhildis und Edelhild. Für die Öffentlichkeit ist das Haus nicht zugänglich.

Heute aber machen die Schwestern eine Ausnahme. Bad Tölz hat das sonst vor Ort wenig präsente Thema Thomas Mann für sich entdeckt. Für heuer steht ein vielfältiges Programm. Vorträge, Führungen, Lesungen. Als äußeren Anlass hat man ein leicht konstruiert wirkendes Jubiläum ausgemacht: 100 Jahre ist es her, dass die Manns die Tölzer Villa verkauften. Seit 1909 hatten sie hier die Sommermonate und zweimal auch einige Wochen im Winter verbracht: Thomas, seine Frau Katia und die Kinder Erika, Klaus, Golo und Monika.

„Das einzige authentische Thomas-Mann-Haus im deutschsprachigen Raum“

Damit die Welt vom Tölzer Mann-Jahr erfährt, ist nun rund ein Dutzend Journalisten vorwiegend überregionaler Zeitungen eingeladen. Sie bekommen die seltene Chance, einen Blick ins Innere des Sommerhauses zu werfen.

Was sie zu sehen bekommen, mag sie ernüchtern. Äußerlich steht die Villa in ihrem riesigen Garten fast genauso da wie zu Manns Zeiten. Insofern sei es „das einzige authentische Thomas-Mann-Haus im deutschsprachigen Raum“, sagt 3. Bürgermeister Christof Botzenhart, der maßgeblich an der Tölzer Mann-Renaissance beteiligt ist. Das Geburtshaus in Lübeck ist abgerissen, die Villa an der Poschingerstraße in München bis zur Unkenntlichkeit umgebaut.

Im Inneren des Tölzer Sommerhauses erinnert kaum etwas an den großen Schriftsteller und die Seinen. Geblieben ist nur der Grundriss. Da ist die Veranda, der Balkon mit dem – heute zugebauten – Ausblick Richtung Berge. Damals lag die Villa einsam inmitten von Wiesen und Wäldern.

Die Gruppe tritt ins einstige Arbeitszimmer Thomas Manns. Hier also saß er und schrieb den „Tod in Venedig“, auch die ersten Kapitel von „Der Zauberberg“ und „Bekennnisse des Hochstaplers Felix Krull“. Ein schmales, hüfthohes Schränkchen hinter der Tür ist das einzige Original-Möbelstück. Die Schwestern haben eine Mikrowelle darauf platziert. Ansonsten ist das Zimmer in schlichtem Landhaus-Stil eingerichtet: Esstisch, holzvertäfelte Wände, Kommode, ein Fernseher. Die Armen Schulschwestern auf Urlaub können sich hier zwischendurch mal einen Tee machen.

Ein Grabmal für den erschossenen Collie Motz

Und trotzdem: Wer die Fantasie reisen lässt, spürt die Faszination eines Ortes, der zur deutschen Literaturgeschichte gehört. „Als Thomas Mann das Grundstück 1908 gekauft hat, stand hier kein Baum und kein Strauch“, erklärt Martin Hake, passionierter Mann-Forscher – und Nachbar der Mann-Villa. Heute prägt eine von dem Schriftsteller angelegte eindrucksvolle Allee das Gelände. Im Garten mussten die damals vier Kinder – Elisabeth und Michael wurden erst nach der Tölzer Zeit geboren – weit weg vom Arbeitszimmer spielen. Hake erzählt: „Die zweijährige Monika verlief sich einmal in den ,neuen‘ Garten. Sie weinte und fragte: ,Wer wohnt in diesem Haus?” Sie hatte die Villa nie von dieser Seite gesehen.“

Der Steinhaufen am Waldrand soll das Grabmahl des Familienhundes Motz sein. Um 1915 musste der Gärtner den alt und räudig gewordenen Collie erschießen. In der Literatur lebt Motz weiter: verwandelt in den aristokartischen Hund Parceval in „Königliche Hoheit“.

Auch explizit Tölzer Motive fanden Eingang in Manns Werk. Wohl am markantesten die Villa selbst, die sich in Gustav von Aschenbachs Landhaus im „Tod in Venedig“ spiegelt. In einem zentralen Kapitel im „Zauberberg“ gerät Hauptfigur Hans Castorp in einen Schneesturm. Die geschilderten Schneemassen hatte Mann nachweislich erst in Bad Tölz kennengelernt. In „Königliche Hoheit“ kommt ein „Bürgergarten“ vor, in „Doktor Faustus“ ein „Klammerweiher“. Und im Mittelpunkt des Essays „Herr und Hund“ steht Bauschan, Motz’ Nachfolger, den Mann am Kogel kaufte.

Seltene Einblicke in die Tölzer Thomas-Mann-Villa

Schwärmische Schilderungen der Tölzer Sommeridylle finden sich in den Erinnerungen von Klaus Mann, in „Kind dieser Zeit“ und „Der Wendepunkt“. „Ja, dies ist der Sommer“, schreibt er. „Wir sieben – zwei Eltern, vier Kinder und ein tanzender, wirbelnder Motz – auf dem Wiesenweg, langsamen Schrittes marschierend, dem Klammerweiher entgegen (. . .) Zu unserer Rechten liegt das Sommer-Städtchen, Tölz mit seinen bemalten Häusern, seinem holprigen Pflaster, seinen Biergärten und Madonnenbildern. Um uns breitet sich die Sommerwiese; vor uns ragt das Gebirge, gewaltig getürmt, dabei zart, verklärt im Dunst der sommerlichen Mittagsstunde.“

Schwester Edelhild führt die Gruppe zur Haustür. Auf dem Gang steht eine dunkelbraune Vitrine. Hinter Glasscheiben Bücher: geistliche Literatur und ein paar ältliche Thomas-Mann-Ausgaben.

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