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Das sechste Gebot als Messergravur galt wohl nur für Menschen, nicht für Tiere.

Ein ungewöhnliches Erbe

Ein Jagdmesser aus Alt-Tölz in Valencia

Ein ausgewanderter Tölzer erbt ein Messer, das aus dem alten Tölz stammt. Schon das ist eigentlich eine erzählenswerte Geschichte. Hinter ihr verbirgt sich auch noch eine spannende historische Geschichte.

Bad Tölz – Die sozialen Medien machen es möglich. Wo früher international eine Kontaktaufnahme teuer und aufwändig war, genügt heute ein Klick im Internet. Auf diese Weise bekam der Tölzer Kurier eine Facebook-Nachricht von Manfred Ranzi aus Valencia an der spanischen Mittelmeerküste. Und zwar mit folgender Botschaft: Der 70-Jährige hat im Nachlass seines am 27. Juli dieses Jahres verstorbenen Zwillingsbruders Rudi ein ungewöhnliches Jagdmesser gefunden. Ob wir ihm weiterhelfen könnten, fragte der gebürtige Tölzer: Was es mit dem Messer auf sich habe, was es wohl wert sei und ob jemand in Tölz Interesse daran habe.

Er selbst erzählt bei einem Telefonat, dass seine Familie ursprünglich aus Südtirol stamme. Er sei aber in Tölz geboren und in der Schlesierstraße aufgewachsen. Die Familie habe bis 1990 in der Kreisstadt gewohnt und sei dann nach Nussdorf verzogen. Sein Zwillingsbruder Rudi habe seinerzeit in der Spenglerei Scheifele (Römergasse) gelernt. Er sei als Baggerfahrer in München tätig gewesen, bevor er nach dem Tod der Eltern begonnen habe, in der Wintersaison die Welt zu erkunden. Ranzi besuchte Brasilien, lebte später in Portugal und wohnt heute im Ruhestand mit seiner Frau aus Salvador da Bahia (Brasilien) in Spanien.

Das Messer seines Bruders ist etwa 30 Zentimeter lang und hat einen Horngriff. Die Klinge ist beidseitig graviert. Auf der einen Seite hat sich der Messerbesitzer verewigt: „Anton Bär, Königlicher Posthalter in Toelz“. Auf der anderen Seite wird das fünfte Gebot zitiert: „Du sollst nicht tödten“, was wohl nur für Menschen, nicht aber für Tiere galt.

Der Mann, der dieses Jagdmesser bei sich führte, ist kein unbeschriebenes Blatt in der Tölzer Geschichte. Der 1846 in Neuhausen geborene Mesnerssohn war seit 1876 Eigentümer des späteren Moralthauses in der oberen Marktstraße. Ein Jahr später heiratete Bär Therese Buchberger aus Königsdorf. Das Paar hatte einen Sohn.

Tölzer Zwillinge: Manfred (li.) und Rudi Ranzi.

Mit dem Anwesen übernahm Bär auch die lukrative Posthalterei. Das war das Recht, der Königlichen Post in früherer Zeit Gespanne und Kutschen zur Verfügung zu stellen. Posthalter sorgten nicht nur für Posttransport und Personenbeförderung, sondern unterhielten für die Reisenden oft auch Gasthäuser (daher der heute noch häufige Name Gasthaus zur Post) und waren vermögende Leute. Das muss auch Bär gewesen sein. Als er kurz vor Weihnachten 1890 erst 44-jährig überraschend an den Folgen eines Schlaganfalls starb, trauerte die Witwe in zwei ganzseitigen Todesanzeigen im Kurier um ihn.

Mit seinem Tod begann der Abstieg der Posthalterei im heutigen Moralthaus. Therese Bär führte das Unternehmen weiter. Nachdem es immer wieder Unstimmigkeiten gab, so zitiert Stadtarchivar Sebastian Lindmeyr die Marktstraßen-Chronik von Evelyn Füssel, wurden der Witwe zunächst die Omnibusfahrten (= Kutschfahrten) nach Lenggries abgenommen. 1908 musste sie die Posthalterei abgeben.

Neuer Posthalter wurde der Tölzer „Kolberbräu“-Wirt Anton Roth, der damit einen der wichtigsten Betriebe im historischen Tölz übernahm. Noch heute ist der stolze Verweis auf die alte Posthalterei an der Fassade nachzulesen.

Im vorletzten Kriegsjahr 1917 verkaufte Therese Bär ihr Haus in der oberen Marktstraße an die Tölzer Familie Sedlmayr. Das Geschlecht der Bär verschwand damit aus der Geschichte von Tölz. Das ehemalige Stiegenbräuhaus (Marktstraße 57) ging nach diversen Besitzerwechseln 1921 ins Eigentum von August Moralt über, wurde nach Seidl-Vorbild gründlich umgebaut und heißt seitdem Moralthaus.

Infos zum Messer

Wer Interesse an dem Jagdmesser von Anton Bär hat, kann sich per E-Mail bei Manfred Ranzi rühren:
manfredranzi1@gmail.com

Christoph Schnitzer

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