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Bei „Thanksgiving“ stand 2010 die amerikanische Fernsehserie „Desperate Housewives“ Pate. Das Bild zeigt (v. li.) Christine Hermann, Dörthe Merz, Petra Stadlmayer, Irene Melzer und Uli Liegl-Kempter.

Kultur

Ein Vierteljahrhundert die Bühne gerockt

  • Christiane Mühlbauer
    vonChristiane Mühlbauer
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Die Theater-Gruppe des Tölzer Kulturvereins „Lust“ feiert heuer ihr 25-jähriges Bestehen.

Bad TölzSicher wird sich der eine oder andere eingefleischte „Lust“-Fan jetzt die Augen reiben: Ist die Theatergruppe nicht eigentlich doch ein bisschen älter? Immerhin existiert der bekannte Tölzer Kulturverein schon seit 1984. Und ja, es ist richtig: Theater gespielt wird fast seit Anfang an. Aber 1995 wurde als „Geburtsstunde“ festgelegt, weil da eine feste Truppe zusammenkam und alles „professionalisiert“ wurde.

„Das erste Mal haben Johanna Zantl und ein paar Freunde vermutlich 1985 ein Theaterstück auf die Beine gestellt“, sagt Ludwig Retzer. Der langjährige „Lust“-Vorstand und passionierte Theaterspieler kam 1986 zum Kulturverein dazu. In diesem Jahr wurde ein Einakter von Loriot einstudiert, weiß er noch. 1989 wurden die Räume in der Alten Madlschule bezogen, wo die „Lust“ bis heute zu Hause ist. Das Theaterspiel war damals noch kein fester Bestandteil der Truppe. 1992 brachte man immerhin vier Einakter vonn Jürgen Reif auf die Bühne.

Ende 1993 entstand der Wunsch, wieder ein Theaterstück aufzuführen – gesucht wurde allerdings ein Regisseur. Ulrike Liegl-Kempter, damals schon im Verein aktiv, sagte, sie „könne ja mal ihren kleinen Bruder Alexander fragen“, erinnert sich Retzer, zumal auch dessen Freundin Gabi Rothmüller ebenfalls theateraffin sei. „Das war quasi die Geburtsstunde der beiden“, berichtet Retzer schmunzelnd. Liegl und Rothmüller beiden sind bis heute die „Haus- und Hof“-Autoren und -Regisseure der „Lust“. Damals hatte noch niemand geahnt, dass das Paar Jahre später auch zu den Schwergewichten in der bayerischen Kulturszene gehören werde.

„No Way out“ handelte 2008 von einer Theaterspielgruppe, die während der Aufführung ihres Krimis bemerkt, dass auf der Bühne nicht nur das Theaterblut fließt.

1995 wurde von Jewgeni Schwarz „Der Drache“ gespielt, 1996 folgte „Der nackte Wahnsinn“ von Michael Frayn. Für beide Inszenierungen gab es großes Lob. Und es blieben die einzigen „fertigen“ Stücke, derer sich das Ensemble bediente. Denn in den folgenden Jahren und bis heute werden bei dem Tölzer Kulturverein nur eigene Ideen und Kreationen von Liegl und Rothmüller auf die Bühne gebracht, die Rollen zugeschnitten auf die „Lust“-Schauspieler.

Als Retzer 1997 sagte, er „täte so gern Schillers ,Räuber‘ spielen, aber hier sind ja fast nur Frauen“, schrieb Liegl das Stück um, und „Die Räuberinnen“ feierten Premiere. Das Stück wurde ein Erfolg „und wird sogar noch heute an Schulen gespielt“, freut sich Retzer. 1998 folgte dann „Wagners Ring“, eine Persiflage mit Gesang und schmissigen Liedern. Damit traten die Tölzer Theaterspieler sogar in Bayreuth auf, denn Retzers Tochter Veronika, die damals dort studierte, organisierte eine Vorstellung auf einer Studentenbühne. „Die Leute haben sich köstlich amüsiert, den ganzen ,Ring’ in eineinhalb Stunden zu sehen“, sagt der pensionierte Deutsch-Lehrer schmunzelnd.

Neben Retzer und seiner Frau Karin, die seit Jahren die Kasse macht, sind Ulrike Liegl-Kempter, Christine Hermann, Petra Stadlmayer, Irene Melzer, Dörthe Merz, Elisabeth Reploh und ihr leider schon verstorbener Mann Heiner der feste Kern der Truppe. Adele Schölß wirkte als Souffleuse mit und kümmerte sich um die Kostüme. In den vergangenen Jahren kamen Nicole Fahrner und ihr Mann Andi hinzu, der sich mit Christoph Weßling und Ernst Kempter um die Bühne kümmert. Für den Ton ist seit Jahren Willi Hermann verantwortlich. „Im Prinzip sind wir ein Familienbetrieb“, sagt Ludwig Retzer schmunzelnd.

1999 wurde „Die Tür mit den sieben Schlössern“ nach einer Vorlage von Edgar Wallace ausgeführt. Anschließend ging es aber im Zwei-Jahres-Rhythmus weiter. „Der Grund war, dass wir die Stücke dann nicht mehr nur in Tölz spielten, sondern auch im ,Hinterhalt’, in der Pasinger ,Fabrik’, im Alten Kino in Ebersberg und in der ,Dekadenz‘ in Brixen“, berichtet Retzer. Die freundschaftliche Verbindung nach Südtirol besteht übrigens bis heute.

In „Wilhelm Tell“ wurde 2006 am Podest des Schweizer Volkshelden gekratzt. Eine Szene spielte sogar in der Sauna.

Nach dem Shakespeare-Klassiker „Macbeth“ 2001 folgte 2002 „Das Zwischendeck“, ein Stück, das die ganze Truppe besonders gerne mochte. Erzählt wird die Geschichte von Romeo und Julia auf einer Kreuzfahrt. Eine Lieblingsrolle von Retzer war 2018 auch das Schneewittchen in der Ärzte-Komödie „Mull“. Zum Schluss, berichtet Retzer, war nämlich das Schneewittchen der Mörder. „Und damit hatte immer niemand gerechnet.“

Das Publikum wird sich noch an „Sonne über Kalibali“ (2004) erinnern, an Wilhelm Tell (2006), „No way out“ (2008), „Thanksgiving“ (2010), „Das Hotel“ (2012), „Das Knie der Kleopatra“ (2014), „Penelope“ (2016) und „Mull: Mord und langes Leben“ (2018). Bei allen Inszenierungen haben die Schauspieler auch inhaltlich mitgewirkt. „Wenn man ein Stück spielt, merkt man, was auf der Bühne funkt und was nicht“, sagt Retzer und erinnert sich an zahlreiche Diskussionen. Manchmal wurde sogar der Schluss eines Stückes verändert.

So richtig schief ging auf der Bühne selten was. Außer eines beinahe schweren Unfalls von Heiner Reploh bei einem Gastspiel im Geltinger „Hinterhalt“ sei nie was passiert, sagt Retzer. „Auch keine großen Texthänger. Die konnten wir immer geschickt überspielen.“ Eine doppelte Besetzung für Krankheitsfälle gibt es bei der „Lust“ nicht: „Wir stehen alle auf der Bühne, so lange es geht.“

Deshalb scharren die Schauspieler auch jetzt mit den Hufen. Die Premiere des neuen Stücks über König Ludwig fiel am 13. März mit dem Ausbruch der Corona-Krise zusammen. Eventuell kann das Ensemble sie Ende April oder Anfang Mai nachholen, aber das ist noch nicht sicher. „Wir versuchen, den Text nicht zu vergessen und werden vor dem neuen Termin sicher noch Extraproben machen“, sagt Retzer. Noch muss das treue Publikum also auf den Besuch des Monarchen in Tölz warten.

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