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Zwiespältige Erinnerungen: In Bad Tölz verbrachte der heute 32-jährige Jonas Felch eine „Landjugend auf Drogen“. Heute berichtet er unter diesem Titel auf öffentlichen Veranstaltungen von seinen Erfahrungen. 

Rettung durch Polizei und Justiz

Eine Tölzer Jugend auf Drogen: 32-Jähriger berichtet von seiner Zeit als Junkie

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Jonas Felch erlebte in Tölz den Absturz in die Drogenszene. Polizei und Justiz hätten ihn gerettet, sagt der 32-Jährige. Bei Auftritten gewährt er einen schonungslosen Blick auf seine Zeit als Junkie.

Bad Tölz – Seine Ausstrahlung ist sanft, freundlich, zugewandt. Doch was er zu erzählen hat, ist teils brutal: Jonas Felch sitzt allein auf einer dunklen Bühne und berichtet vor meist jugendlichen Zuhörern von seiner „Landjugend auf Drogen“ – so heißt der Titel der Veranstaltung. Bei öffentlichen Auftritten gewährt der mittlerweile abstinente 32-Jährige einen ungeschönten Einblick in eine harte Drogenszene, wie sie zumindest vor etwa 15 Jahren in Bad Tölz existierte.

„Durch meine Erfahrungen in Bad Tölz habe ich das Gefühl, dass ich mich selbst beschmutzt habe“, sagt Jonas Felch. Auch im Gespräch mit dem Tölzer Kurier legte er nun seine Lebensgeschichte offen. Sie führte ihn in die Abhängigkeit – und wieder hinaus.

Konsumiert und gedealt wurde in Wohnzimmern

„Polytoxikomanisch“ sei er damals gewesen, mehrfach abhängig von diversen Drogen also. Heute sei das Rauchen sein „letztes Laster“. Alkohol rührt er nicht mehr an – aus Sorge, in sein altes Suchtverhalten zurückzufallen.

Das hatte sich in früher Jugend entwickelt. „Mit 12 habe ich zum ersten Mal Marihuana konsumiert“, sagt er. „Als ich 15 war, täglich.“ Jonas war mit seinem Vater frisch nach Bad Tölz gezogen. Nach der Trennung der Eltern fand er bei neuen Freunden Halt. Er schloss sich einer Clique von Punkern an. Die Gruppe, die sich vor allem am Bahnhof aufhielt, fiel damals auf in Bad Tölz. „Wir waren hauptsächlich Ausgeschlossene“, sagt Jonas Felch, „Menschen, die sich aus verschiedenen Gründen nicht gut einfügen konnten in die Gesellschaft. Wir waren anders und wollten das zeigen.“

Auch Jonas selbst kannte seit seiner Kindheit im Raum Landshut was es bedeutet, sich von anderen zu unterscheiden. Schon Vegetarier zu sein, war Anfang der 1990er-Jahre ungewöhnlich. Bei ihm kam noch mehr dazu. „In der Schule habe ich Gott mit einem Turban gemalt und musste mich dafür rechtfertigen“, sagt er. Er hatte es zu Hause auf den Bildern an den Wänden so gesehen. Die Eltern gehörten der hinduistisch-sikhistischen Sekte „Unity of Man“ an, erzogen ihre Kinder im Glauben an Wiedergeburt und Karma. „Ich bin aufgewachsen mit starken Ängsten, dass die Welt untergeht. Und ich habe nie gelernt, diese Ängste zu kompensieren.“

In der Punker-Szene „war hauptsächlich Alkohol ein Thema“, sagt Felch. Er selbst, damals Schüler in Holzkirchen, habe mit 16 begonnen, „Gras zu verkaufen, um meinen eigenen Konsum zu finanzieren. Das war mein Einstieg in die Kriminalität.“ Etwa im selben Alter probierte er Extasy, Speed, Kokain. Den Punkern fühlte er sich ab da nicht mehr zugehörig.

„Als ich von zu Hause ausgezogen bin, sind alle Dämme gebrochen.“ Jonas Felch absolvierte ein Freiwilliges Soziales Jahr am Tölzer Krankenhaus, lebte im benachbarten Schwesternwohnheim – und nahm nach Feierabend täglich harte Drogen: LSD, „Magic Mushrooms“, Subutex, Methadon, auch mal Crystal Meth. In Bad Tölz sei zu jener Zeit – für die Allgemeinheit unsichtbar – eine versteckte Drogenszene „extrem aufgeblüht“. Gehandelt und konsumiert wurde in Wohnzimmern. „Viele hatten ein schwieriges Verhältnis zu ihren Eltern, in der Familie Gewalt oder extreme Kälte erlebt.“

Rückblickend sagt Jonas Felch, dass er „versumpft“ sei. „Aber ich habe mich nicht als Junkie gesehen.“ Heute sei ihm klar, „wie schrecklich es ist, sich selbst Gift zuzuführen“. Unbewusst habe er damals „Selbsthass und Menschenhass gelebt“. Seine Mitmenschen sah er „nicht mehr als Menschen, nur noch als wandelnde Gefälligkeiten“. Er manipulierte sie, um an Drogen zu kommen. „Freunde wurden Kunden.“ Er habe in dieser „Hochphase“ starke Suizidgedanken gehabt, im Leben nichts gefunden, was ihn glücklich machte.

„Irgendwann brach das Kartenhaus zusammen“

Als ersten Wendepunkt bezeichnet Jonas Felch den Tag, als bei ihm zwei Dealer vor der Wohnungstür standen. Ein Freund von Jonas schuldete ihnen Geld. Doch sie knöpften sich ersatzweise ihn vor, schlugen ihn zusammen. „Da habe ich gesagt: Es geht jetzt einfach zu weit.“ Jonas wollte „raus aus der Drogenwelt“, warf viel „Stoff“ und die dazugehörigen Utensilien in den Müll – und hörte doch nicht ganz auf damit.

Bis er einige Wochen später im Krankenhaus ins Büro des Direktors gerufen wurde. Dort warteten zwei Kripo-Beamte auf ihn. Sie ermittelten wegen Drogenhandels, durchsuchten auch Jonas’ Zimmer. „Sie haben mich erst damit konfrontiert, wie ich damals gelebt habe – wie ein Messie. Das Zimmer als Spiegel der Seele.“ Später auf dem Polizeirevier sah Jonas Felch einige sogenannte Freunde wieder. Einer sagte nun gegen den anderen aus. „Das ganze Kartenhaus brach zusammen.“

Zur Drogenberatung der Caritas ging Jonas Felch anfangs eher aus prozesstaktischen Gründen. Der Jugendrichter am Amtsgericht Wolfratshausen machte die Beratung dann zur Auflage der zweijährigen Bewährungsstrafe. „Diese Gespräche hatten etwas Befreiendes“, sagt Jonas Felch. Er musste zudem regelmäßig zum Drogentest. „Erst das Gericht hat mich dazu gebracht, dass ich mit den letzten Sachen, mit Speed und Marihuana, aufhörte.“ Der 32-Jährige fühlt Dankbarkeit. Auch gegenüber der Polizei: „Wenn der Staat nicht eingegriffen hätte, hätte ich es vielleicht nicht überlebt.“

Jonas Felch trieb nun Sport: Klettern, Karate, Fahrrad fahren. In Lenggries-Fleck macht er eine Ausbildung als technischer Zeichner. Irgendwann aber wollte er weg aus Tölz. „Um abzuschließen.“

Die Geschichte zu erzählen, hat etwas Reinigendes

Dass er heute vor vielen Menschen seine Geschichte offenbart, begann damit, dass er an der Berufsoberschule in München das Abitur nachholte und dort Schülersprecher wurde. Bei einem Workshop der „Stadtschüler*innenvertretung“ zum Thema „Legalisierung von Marihuana“ „habe ich zum ersten Mal angefangen, von mir zu erzählen“.

Es folgten weitere Workshops, dann Einladungen von Firmen zu Vorträgen vor deren Azubis, zuletzt Auftritte in den Formaten „Taco Tuesday Talks“ im Münchner Hofspielhaus und „12min.me“, die man auch auf Youtube anschauen kann.

Seine schonungslose Ehrlichkeit könne helfen, für junge Menschen ganz plastisch nachvollziehbar zu machen, was sie bisher nur in der Theorie über Drogenkonsum und die Folgen wussten. „Ich habe das Gefühl, etwas zu bewirken“, sagt er. Er mache sich keine Illusionen, jemanden von den Drogen abhalten zu können. „Aber ich will weitergeben, wohin man sich um Rat wenden kann und wie man den Konsum zumindest sicherer macht.“

Letztlich führe er sich auch selbst durchs Nacherzählen seine eigene Geschichte immer wieder vor Augen. Das habe für ihn etwas Reinigendes. „Und es hilft mir, clean zu bleiben.“

ast

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