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Gemeinsam für eine sichere Geburt : Hier demonstrierten die Hebammen in der Tölzer Marktstraße. Beruflich geht jede von ihnen nach dem Aus der Tölzer Geburtshilfe ihren eigenen Weg.

Ende der Geburtshilfeabteilung 

Ein Leben nach dem Kreißsaal

Nach dem Aus der Tölzer Geburtshilfeabteilung: Hebammen kümmern sich  nun vorwiegend um Vor- und Nachsorge.

Bad Tölz – Sechs Wochen ist es jetzt her, seit die Geburtsstation in der Tölzer Asklepiosklinik ihre Pforten für immer geschlossen hat. Die wirtschaftlich orientierte Entscheidung von Asklepios, keine echten Tölzer Kindl mehr zur Welt zu bringen, betrifft nicht nur die werdenden Mütter, sondern natürlich auch die Hebammen, die dort arbeiteten. Wie geht es den Hebammen mit dieser Situation jetzt und wohin orientieren sie sich in Zukunft?

Hanne Kasperbauer aus Wolfratshausen ist immer noch betroffen und auch wütend: „Mir geht es privat gut, ich bin jetzt in Vollzeit in meiner Hebammenpraxis tätig. Aber ich denke an die nächsten Generationen, an unsere Töchter und Enkeltöchter. Die haben keine Entscheidungsfreiheit mehr, wo sie ihr Kind zur Welt bringen, oder ob sie vielleicht sogar am liebsten zuhause gebären. Es hat nichts mehr mit Sicherheit zu tun, wenn die nächste Geburtsstation 60 Kilometer entfernt ist, und das darf in einer reichen Gesellschaft nicht sein.“ Dass kein Geld zur Verfügung gestellt wird, um den bestmöglichen Beginn des Lebens zu gewährleisten, macht sie traurig. Wie die meisten ihrer ehemaligen Kolleginnen arbeitet sie gerade nicht in einem Kreißsaal. „Ich möchte nicht in ein großes Haus gehen, wo zehn Geburten gleichzeitig zu betreuen sind und man dann erschöpft und unzufrieden nach Hause geht.“ Es gibt übrigens kaum noch Hebammen, die Hausgeburten anbieten, denn das bedeutet nicht nur sechs Wochen Dauerbereitschaft – drei Wochen vorher, drei Wochen danach – sondern auch eine immense Verantwortung, die ohne Klinik in der Nähe kaum jemand übernimmt.

Einen gefährlichen Trend befürchtet Hebamme Kristina Hasenknopf aus Habach in dieser prekären Situation, wo immer mehr Geburtsstationen schließen: „Es gibt gerade einen Hype im Internet, der in Richtung Alleingeburt geht. Manche Frauen wollen einfach nicht in eine Riesenklinik und denken darüber nach, die Entbindung zuhause alleine – oder zumindest ohne fachkundige Hilfe – zu bewältigen. Ein Irrsinn.“ Sie höre von den Müttern, dass in verbleibenden Geburtsstationen sehr viel los sei, und viel zu wenig Personal zur Verfügung stehe. Deshalb wollen die Frauen nach der Entbindung sehr schnell wieder nach Hause, raus aus der unangenehmen Situation. Das immerhin beschert den Hebammen reichlich zu tun, denn Zeit für begleitende Nachsorge gibt es dort eher weniger.

Auch Dina Born aus Lenggries vermisst die Arbeit im Kreißsaal. „Wir hätten es gerne weitergemacht, aber jetzt hat sich die Situation geändert, und man muss sich darauf einstellen.“ Born vermisst es, das „tolle Team“ nicht mehr im Rücken zu haben „Jetzt ist jeder auf sich allein gestellt.“ Dennoch seien die Hebammen aus der Asklepios-Klinik in regem Kontakt untereinander. „Für mich persönlich haben die geregelten Arbeitszeiten in der Hebammenpraxis zwar Vorteile, aber für die betroffenen Mütter ist es schlimm.“

„Ich vermisse die Arbeit im Kreißsaal unglaublich. Ich träume nachts oft vom Tölzer Krankenhaus“, sagt Jolanta Sobczak traurig. Sie hat sich von dem Schrecken noch nicht erholt, dass es ihren Traumarbeitsplatz nicht mehr gibt. Die Hebamme aus Murnau war nur etwa ein halbes Jahr in Tölz, aber sie war sehr glücklich hier. „Es war so eine tolle Atmosphäre, und ich habe noch nie zuvor so viel Dank von den Müttern gehört wie in Tölz.“ Momentan ist sie ausgebucht bis in den November mit Vor- und Nachsorge für die Mütter. Ob es nochmal eine Rückkehr in den Kreißsaal gibt, ist auch für sie ungewiss.

Martina Winkler ist weiterhin in der Geburtshilfe im Kreißsaal tätig. Sie arbeitet seit dem 1. Mai als Beleghebamme in der Kreisklinik Wolfratshausen. Und auch Kathleen Hodbod wird ab Juni wieder im Kreißsaal stehen: im Krankenhaus Agatharied. Renate Brümmer hingegen macht derzeit nur Vertretungen. Auch wenn sie die Arbeit und vor allem die Kollegen vermissen wird, hat sich für sie mit der Schließung der Geburtsstation ihre private Situation gelöst: „Mein Mann wollte schon lange, dass ich keinen Dienst mehr im Kreißsaal mache. Vermutlich hätte ich mich nie dazu durchgerungen. Ausschließen kann ich aber dennoch nichts.“

Ines Gokus

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