Peter Priller wurde vor 25 Jahren zum Priester geweiht. Seit 20 Jahren ist er ehrenamtlicher Seelsorger der alt-katholischen Gemeinde Bad Tölz.

Peter Priller im Interview

Der Erzbischof exkommunizierte ihn - heute feiert er Priesterjubiläum 

  • schließen

Bad Tölz - Es ist ein Priesterjubiläum, hinter dem eine ungewöhnliche Geschichte steht. Peter Priller, Seelsorger der alt-katholischen Gemeinde in Bad Tölz, wurde vor 25 Jahren zum Priester geweiht. Im Kurier-Interview erklärt er, wie er heute auf sein schwules Outing und die Folgen zurückblickt – und warum die Zeichen heute auf Versöhnung stehen.

Peter Priller feiert am Samstag, 2. Juli, Silbernes Priesterjubiläum – ein wenig anders, als er es sich bei seiner Priesterweihe vor 25 Jahren vorgestellt haben mag. Denn Prillers Weg führte nicht geradewegs zur eigenen römisch-katholischen Pfarrei. Nach drei Jahren als Kaplan in Bad Tölz und einem halben Jahr in Wolfratshausen bekannte sich Priller dazu, dass er einen Mann liebte, seinen späteren Lebenspartner Josef Hanfstängl († 2009). Kardinal Friedrich Wetter suspendierte Priller, bald darauf folgte die Exkommunikation. Beruflich orientierte sich Priller neu, arbeitete zunächst in der psychiatrischen Tagesstätte Aufwind in Bad Tölz. Heute ist der 55-Jährige als Sozialarbeiter bei der Aids-Hilfe in München in der Beratungsstelle „Rosa Alter“ für ältere Lesben, Schwule und Transgender tätig. Seit 20 Jahren ist er ehrenamtlicher Seelsorger der alt-katholischen Filialgemeinde Bad Tölz und bayerisches Oberland.

Herr Priller, Sie feiern Ihr 25-jähriges Priesterjubiläum, obwohl die katholische Kirche Sie 1994 erst suspendierte und dann exkommunizierte, nachdem Sie sich zu Ihrem Partner bekannt hatten. Ist das ein Widerspruch?

Oberflächlich betrachtet ist es sicher ein Bruch – aber eben nur oberflächlich. Es war nicht „die Kirche“, die mich exkommuniziert hat, sondern die römisch-katholische Kirche. Das Wort „katholisch“ darf man nie nur konfessionell verstehen. Denn im Wortsinn heißt katholisch „für alle und auf alles bezogen“. Die katholische Kirche ist immer viel mehr als eine bestimmte Konfession. Und auch eine Exkommunikation kann sich immer nur auf eine Konfession beziehen, aber nie auf die Kirche als solche.

Also ändert der Bruch nichts daran, dass der Jahrestag Ihrer Priesterweihe für Sie ein Grund zum Feiern ist?

Ich habe 25 Jahre hindurch nie aufgehört, Priester zu sein. 25 Jahre Priester, davon 20 Jahre alt-katholischer Priester. Doch, das ist ein Grund zu feiern.

Was sagt die katholische – Entschuldigung, die römisch-katholische Kirche zu dieser Feier?

Hier vor Ort hat sich das Verhältnis seit dem Pfarrerwechsel sehr entspannt. Peter Demmelmair hat zum Beispiel auch an der 20-Jahr-Feier der alt-katholischen Gemeinde teilgenommen. Wir haben übrigens 1981 miteinander angefangen zu studieren.

Und auf der Ebene der Diözese?

Da ist auch ein gewisses Tauwetter zu spüren. Vielleicht hat es mit Papst Franziskus zu tun. Vor Kurzem hat der Generalvikar von München und Freising alle aus verschiedenen Gründen ausgeschiedenen Priester der Diözese zu einer Konferenz eingeladen – eine „Konferenz der Abtrünnigen“ nannte ich es scherzhaft. Das sehe ich als einen Akt der Freundlichkeit.

Haben Sie die Einladung angenommen?

Wenn ich nicht hingegangen wäre, hätte das meiner Auffassung vom Christentum widersprochen. Mein Primizspruch war: „Lasst Euch mit Gott versöhnen“ aus dem zweiten Korintherbrief. Ich würde das heute umformulieren in: „Im Dienst der Versöhnung“. Wenn ich das Gefühl habe, man reicht mir die Hand, schlage ich sie nicht aus. Ich hege heute keinen Groll mehr. Die Urkunde über meine Exkommunikation wollte ich anfangs in der Marktstraße öffentlich verbrennen oder demonstrativ auf dem Gästeklo aufhängen. Heute ist sie ganz einfach in einem Aktenordner abgeheftet.

Fragen Sie sich manchmal, wie Ihr Leben verlaufen wären, wenn Sie sich nicht geoutet hätten?

Dann wäre die Beziehung mit meinem Partner sicher zerbrochen, denn auf Dauer hätten wir sie in der Heimlichkeit nicht fortführen können. Ich hätte mich irgendwie durchs Zölibat gemogelt – so wie es bei vielen Priestern ist.

Sie haben einen anderen Weg gefunden.

Ich bin vielleicht nicht dem Erzbischof treu geblieben, aber ich bin mir selbst treu geblieben. Wenn ich nicht alt-katholischer Priester hätte werden können, wäre es für mich aber auch ein Problem gewesen. Ich bin zufrieden und ein bisschen stolz, dass ich einen Weg gefunden habe, beides unter einen Hut zu bekommen: Seelsorger zu sein und meine Partnerschaft zu leben. Seelsorger kann ich aber nur sein, weil ich auch eine Gemeinde um mich habe. Dafür bin ich dankbar.

Wäre es für Sie eine Alternative gewesen, zur evangelischen Kirche überzutreten?

Als ich Kaplan in Bad Tölz war, wollten mich Jugendliche mit der evangelischen Pfarrerin verkuppeln. Ich habe gesagt: Evangelisch werde ich nicht – wenn, dann alt-katholisch, denn die sind wie wir, nur ohne „den ganzen Schmarrn“. Heute würde ich es natürlich nicht mehr so ausdrücken. Gemeint waren Dinge wie Unfehlbarkeitsdogma, Zölibat, nur Männer im Amt. Im Ernst: In der evangelischen Kirche war ich nie daheim. Dazu ticke ich zu katholisch. Am Mittwoch war zum Beispiel Peter und Paul. In der evangelischen Kirche steht das zwar im Kalender, spielt im kirchlichen Leben aber keine Rolle. Allgemein finde ich aber, dass wir von der evangelischen Kirche viel lernen können – und umgekehrt. Wenn wir Alt-Katholiken mehr wahrgenommen würden, könnten wir eine Übersetzerfunktion zwischen römisch-katholischer und evangelischer Kirche einnehmen. Denn wir haben in beide Richtungen ein gutes Gespür.

Seit welchem Zeitpunkt war Ihnen klar, dass Sie einmal Priester werden wollten?

In meiner Kindheit und Jugend war es immer schon eine Option – aber nicht mehr. Ich bin katholisch aufgewachsen und sozialisiert und war im Internat im Kloster Schäftlarn. Das hat mich sehr geprägt. Ums Abitur herum stellt man sich die Frage, welchen Beruf man ergreifen soll – und ich habe mich fürs Priesterseminar entschieden. Ich habe an der LMU in München Theologie studiert und meine Freisemester in St. Anselm in Rom bei den Benediktinern verbracht. Aber als ich fertig war, habe ich gezögert und musste erst noch einmal nachdenken. Sollte ich lieber Religionslehrer werden? Ich habe dann ein Noviziat im Kloster Schäftlarn gemacht. Ein Jahr war ich Frater Korbinian. Aber das Kloster hat sich sehr stark auf die Schule konzentriert. Ich aber wollte Seelsorger sein, das war mein Hauptziel.

War der Grund für Ihre Zweifel, dass Ihnen Ihre Homosexualität klar wurde?

Das wurde mir damals immer mehr bewusst, und darum habe ich auch gezögert. Aber ich dachte etwas naiv, dass ich das mit dem Zölibat hinbekomme.

Was macht für Sie einen guten Seelsorger aus?

Da sind wir wieder bei meinem Primizspruch: „Im Dienst der Versöhnung.“ Es geht mir darum, den Menschen Versöhnung anzubieten – zuerst mit sich selbst –, Gegensätze zu überwinden, Brücken zu bauen, Brüche zu heilen.

Während Sie den 25. Jahrestag Ihrer Priesterweihe und Ihrer Primiz feiern, gibt es heuer in Bad Tölz ebenfalls zwei Primizfeiern. Wie erleben Sie die?

Bei der Priesterweihe von Pater Lukas Essendorfer in München war ich auch dabei. Wir kennen uns schon lange. Er war Ministrant, als ich Kaplan war. Er wird bei uns in der alt-katholischen Kirche auch eine Vesper halten. Martin Gehringer kenne ich nicht persönlich. Ich habe nur die Bilder von der Primiz in der Zeitung gesehen. Ein Bild zeigt ihn, wie er die Tölzer Stadtkapelle dirigiert. Von meiner Primiz in Bad Feilnbach gibt es auch ein Bild, wie ich die Feilnbacher Blasmusik dirigiere – beim Tölzer Schützenmarsch, weil schon feststand, dass ich als Kaplan nach Bad Tölz komme.

Wie haben Sie Ihre Primiz 1991 in Erinnerung?

Es war ein strahlend heißer Sonntag, der 7. Juli, vor der Kulisse des Wendelsteins, auf einer grünen Wiese mit ein paar 1000 Menschen. So eine große Primiz macht schon etwas mit einem. Mindestens einen Monat lang bist Du danach der König vom Dorf. Das gibt Selbstbewusstsein. Man wird auf einen Sockel gestellt. Aber das wird später auch zum Hemmschuh zu sagen, ich gehe einen anderen Weg.

Ihr Priesterjubiläum feiern Sie nun in der Dietramszeller Leonhardikapelle. Warum dort?

Die Leonhardikapelle gehört der politischen Gemeinde. Laut Satzung steht sie allen christlichen Konfessionen offen. Zum Priesterjubiläum habe ich mir von der Gemeinde eine schöne Festmesse mit Chor und Orchester gewünscht. Das hatte ich so seit 20 Jahren nicht mehr. Wenn ich allerdings in die Tenner-Kapelle einen Chor und ein Orchester reinsetze, ist sie voll. Die spätbarocke Leonhardikapelle passt dagegen sehr gut zu einer Haydn-Messe.

Der Festgottesdienst zum Priesterjubiläum von Peter Priller in der Leonhardikirche Dietramszell beginnt am Samstag, 2. Juli, um 16 Uhr. Es singt der Kirchenchor Fischbach. Anschließend Brotzeit mit Musik im Gasthaus Peiß.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Tipps gegen Langeweile: Das ist los am Montagabend
Tipps gegen Langeweile: Das ist los am Montagabend
Nach Maibaum-Diebstahl: Weißwurst-Essen im Seniorenheim
Nach Maibaum-Diebstahl: Weißwurst-Essen im Seniorenheim
Ein Leben nach dem Kreißsaal
Nach dem Aus der Tölzer Geburtshilfeabteilung: Hebammen kümmern sich  nun vorwiegend um Vor- und Nachsorge.
Ein Leben nach dem Kreißsaal

Kommentare