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Immer wieder hoch über den Schliersee: Stefan Oettl auf der Strecke mit maximal 14 Prozent Steigung, an deren anderem Ende der Spitzingsee liegt. Eine Baustelle, bei der eine Fahrbahn gesperrt war, lenkte von allzu monotonen Gedanken ab.

Radsport

Mount Everest per Fahrrad

  • Nick Scheder
    vonNick Scheder
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26 Mal hoch zum Spitzingsattel: Der Tölzer Stefan Oettl und fünf Gleichgesinnte sammeln 8848 Höhenmeter - damit wären sie theoretisch auf den Mount Everest gefahren. Oettl knackt dabei einen Weltrekord. 

Spitzingsee/Bad Tölz – Der Tag ist noch jung, die Temperatur liegt bei fünf Grad. Da steigen Stefan Oettl und seine fünf Mitstreiter auf ihre Rennräder und fahren hoch auf den Spitzingsattel (1129 Meter). 26-Mal die 7,5 Kilometer lange Strecke mit 344 Höhenmetern. Mehr als zehn Stunden dauert die Tortur. Essen, trinken, Nachdenken, alles auf dem Radl. Warum das Ganze? Der Tölzer mit seiner Frau Kathrin (39) und vier Rad-Kollegen aus dem Nachbarlandkreis Miesbach hatten sich für das „Everesting“ angemeldet, bei dem man an einem Anstieg so oft rauf und runter fährt, bis die Höhe des Mount Everest erreicht ist (8848 Meter). „Ein unglaubliches Erlebnis, bei dem ich bei Weitem nicht so oft geflucht habe, wie ich gedacht hatte“, sagt Oettl. Und nebenher knackte er noch einen Weltrekord.

Alle schaffen das „Everesting“ - Oettl und Lenz sogar mehr

Beim 46-Jährigen liefen die Beine nämlich so rund, dass er nach den 26 Runden hoch und runter noch nicht erledigt war. „Soll erfüllt, jetzt knack’ ich noch die 10 000 Meter“, dachte sich der Tölzer und hängte drei weitere Fahrten dran. Insgesamt brauchte Oettl für die 10 Höhen-Kilometer mit 217 Kilometern Strecke 10:27 Stunden. Eine Zeit, die vor ihm beim Everesting noch niemand erreicht hatte. Den Rekord für die 8848 Höhenmeter hält zwar der doppelte Tour-de-France-Sieger Alberto Contador (Spanien). Doch auf den 10 000 Höhenmetern war keiner schneller als Oettl. „Das kann sich natürlich nun jederzeit ändern“, sagt der Tölzer, der aber mit seiner Leistung sehr zufrieden ist.

Alle Ziele erreicht: Das Geiger Medius Bike Base Team (v. li.) Francisco Javier Duran Graeff, Moni Fritz, Stefan und Kathrin Oettl, Stefan Gottfried und Andreas Lenz.

Er spulte die Auffahrt unwahrscheinlich gleichmäßig ab, seine Leistung unterschied sich bei den 29 Fahrten nur um ein paar Watt. „Und ich hatte keinen Durchhänger.“ Das hatte er sich ganz anders vorgestellt. Er setzte sich kleine Ziele, dachte nicht an die Zeit, die er noch im Sattel sitzen würde. „Wenn du daran denkst, noch 25 Mal da hoch, da wirst ja blöd im Kopf.“ Er konzentrierte sich auf den Verkehr, die Zuschauer am Streckenrand, die das Team unterstützen wollten und achtete auf ausreichende Ernährung. 8000 Kilokalorien verbrannten die Fahrer auf ihrem Weg. „Auf diese Weise ist die Zeit recht schnell vergangen“, sagt Oettl.

Was ihn besonders freut: Alle sechs Athleten vom Geiger Medius Bike Base Team, also die Oettls, Moni Fritz aus Tölz, Andreas Lenz, Stefan Gottfried und Francisco Javier Duran Graeff, schafften die 8848 Höhenmeter. Bis auf eine Panne bei Lenz bereits nach 100 Metern kamen alle ohne Zwischenfälle durch. „Abgesehen vom einen oder anderen Hungerast und kleineren Krisen“, sagt Oettl grinsend. Bei ihm selbst hielten sich Schwierigkeiten – physischer und psychischer Art – in Grenzen.

Das Einzige, das ihn doch ein wenig fuchste, war der Parforceritt seines Kollegen Andreas Lenz. „Ein Naturtalent“, sagt Oettl grinsend. „Der kann alles – Radfahren, Triathlon, der ist überall gut.“ Und Lenz setzte dann eben noch mal 1000 Höhenmeter auf Oettls 10 000 drauf und schaffte damit das „Trenching“. Dafür brauchte er allerdings für die 10 000 länger als Oettl, so dass der diesen Rekord für sich hat.

Wiederholung nicht ausgeschlossen - dann vielleicht noch schneller

Everesting geht zurück auf George Mallory, dessen gleichnamiger Großvater beim Besteigungsversuch des Mount Everest 1924 verschwand. Die gesammelten Höhenmeter fließen in eine Spendenaktion ein (für Corona-Opfer und das Kinderhilfswerk). Diese Art Rennen erfreut sich derzeit immer größerer Beliebtheit. „Auch viele Profis steigen da gerade ein“, sagt Oettl. Und es könnte durchaus passieren, dass er selbst die Tortur ein weiteres Mal auf sich nimmt. „Vorher hätte ich das komplett ausgeschlossen“, sagt der 46-Jährige. „Aber jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher, ob ich das nicht vielleicht noch einmal mache.“ Vielleicht sogar noch ein wenig schneller. Auf einer steileren Strecke.

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