Fachkräftemangel

In der Pflege arbeiten? „Das könnte ich nicht!“

  • schließen

Es ist einer der wichtigsten Berufe – und wird im Zuge des demografischen Wandels noch an Bedeutung gewinnen. Gerade deshalb ist der Mangel an Fachkräften in der Altenpflege ein brisantes Thema.

Bad Tölz-Wolfratshausen –  Auch Pflegeheime im Landkreis machen die Erfahrung: Wenn eine Stelle ausgeschrieben ist, bewirbt sich in der Regel – niemand. Aus Sicht der Einrichtungsleiter wäre vor allem eines wichtig: dass der Beruf ein besseres Image bekommt.

„Den Fachkräftemangel gibt es ganz sicher“, sagt Bettina Emmrich, Leiterin des Tölzer Josefistifts. In ihrem eigenen Haus gebe es aber aktuell keinen Engpass. „Wir haben das Glück, dass es bei uns kaum Fluktuation gibt und auch unsere Azubis meist im Haus bleiben“, sagt sie. Allerdings: „Bis 2022 geht bei uns jedes Jahr jemand in Ruhestand. Das wird dann schon knapp.“

Wie Emmrich setzen auch andere Einrichtungen stark auf die Ausbildung im eigenen Haus. Alexander Streb, der das Haus Elisabeth in Geretsried leitet, berichtet, dass er zum Beispiel auf Ausbildungsmessen und an Schulen „massiv Werbung“ mache. „Wir bieten auch Praktika und Plätze fürs Freiwillige Soziale Jahr an“, sagt Streb. Aktuell gebe es im Haus Elisabeth vier Auszubildende.

Fachkräfte? „Der Markt ist leer“

Mache man sich auf die Suche nach Fachkräften, merke man aber: „Der Markt ist leer.“ Zumal der Standort Geretsried – bekanntlich ohne S-Bahn-Anschluss – nur für Bewerber interessant sei, die in der nahen Umgebung wohnen. Neue Mitarbeiter zu gewinnen, das funktioniere „nur über Mundpropaganda“. Streb weiß, dass viele Häuser sich schwer tun, ihre Häuser zu 100 Prozent zu bebelegen, da sie die vorgeschriebene Fachkraftquote nicht erfüllen. Von der sollte man seiner Meinung nach abweichen. „Die Fachausbildung allein ist kein Garant dafür, dass auch gute Pflege geleistet wird“, meint er.

Kein Problem, die Fachkraftquote zu erfüllen, hat nach eigenen Angaben Dieter Käufer, der das AWO-Seniorenzentrum in Wolfratshausen leitet. „Natürlich bräuchten wir mehr Personal“, sagt er. Käufer plädiert daher für eine vorgeschriebene Mindestbesetzung pro Wohnbereich. Die Kosten dafür dürften aber nicht zu Lasten der Bewohner und Angehörigen gehen. „Da muss Steuergeld rein.“

Käufer berichtet, dass er „in 19 Jahren als Heimleiter noch keine Stelle ausgeschrieben“ habe. „Ich bekomme genug Blindbewerbungen.“ Man müsse aber auch etwas bieten. So dürften die Mitarbeiter des AWO-Seniorenzentrums kostenlos ins Fitnessstudio und bekämen dafür sogar eine Stunde Arbeitszeit angerechnet. Zudem gebe es ein sehr flexibles Arbeitszeitmodell mit 27 Beginn- und Endzeiten.

Aber auch von der Bezahlung her sei der Pflegeberuf viel besser als sein Ruf. „Das Einstiegsgehalt liegt bei 2700 Euro brutto“, sagt er. „Es handelt sich um eine hochverantwortliche Beziehungsarbeit“, betont auch Anke Bimschas, Leiterin des BRK-Seniorenwohnens „Haus im Park“ in Bad Tölz. Doch wer in Gesellschaft sage, dass man in der Pflege arbeite, bekomme man oft zur Antwort: „Das könnte ich nicht!“ Hier wünscht sich Bimschas mehr Anerkennung, aber auch ein selbstbewussteres Auftreten der Pflegekräfte. Zur Wertschätzung könne beitragen, wenn die Berufsgruppe in einer eigenen Pflegekammer zum Beispiel die Inhalte der Ausbildung selbst festlege.

Fachkräfte aus dem Ausland sind nicht die Lösung

Fachkräfte aus dem Ausland zu holen, ist aus Sicht der Heimleiter nicht die richtige Lösung. „Sie haben oft ganz andere Vorstellungen“, sagt Streb. „In anderen Ländern ist die Pflege eine akademische Ausbildung – und hier werden sie dann unter ihrer Qualifikation eingesetzt“, bestätigt Käufer. Zudem sei es eine Art von „neuem Kolonialismus“, den Herkunftsländern die Pflegekräfte wegzunehmen.

Lesen Sie auch: Pflegende Angehörige: „Manchmal ist mir einfach alles zu viel“

Das ändert nichts daran, dass das Personal in den Pflegeheimen oft bunt gemischt ist. Bettina Emmrich spricht von über 20 Nationalitäten, denen die Mitarbeiter ihres Hauses angehören. Erleichterungen würde sie sich für Mitarbeiter wünschen, die als Geflüchtete ins Land gekommen sind, sich in der Pflege bewährt haben und eine Ausbildung machen möchten. Das komme längst nicht für jeden in Frage – aber wenn, dann sei es besonders bedauerlich, wenn man um die Ausbildungs- und Aufenthalterlaubnis für sie kämpfen müsse.

Auch interessantCaritas wird Pflegeheim in Lenggries betreiben und Tölzer Tagespflege zieht nach einem Jahr Bilanz: Nicht abgeschoben, sondern aufgehoben

Rubriklistenbild: © dpa / Friso Gentsch

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Tölz Live: Unverpackt-Laden in Bad Tölz: Jetzt steht Eröffnungstermin fest
Kleiner Blechschaden da, großer Stau dort, eine Gewitterfront zieht an, ein tolles Konzert startet in Kürze. Hier gibt‘s unseren Newsblog direkt aus der Redaktion.
Tölz Live: Unverpackt-Laden in Bad Tölz: Jetzt steht Eröffnungstermin fest
Arzbacher Turnhalle teurer als geplant
Der Neubau der Arzbacher Turnhalle geht gut voran. Allerdings liegen die Kosten höher als geschätzt.
Arzbacher Turnhalle teurer als geplant
Kriminalität in Bad Tölz-Wolfratshausen sinkt auf Tiefststand
3945 Straftaten wurden im vergangenen Jahr im Landkreis registriert. Drei davon fallen unter die Kategorie „Tötungsdelikte“. 
Kriminalität in Bad Tölz-Wolfratshausen sinkt auf Tiefststand
Münchner kommt mit 340 PS starkem BMW von Straße ab - und streift Felswand
Der BMW war laut Polizei „gut motorisiert“. So viele PS muss man aber auch erst einmal unter Kontrolle haben, wie ein Unfall am Samstag am Kesselberg zeigt.
Münchner kommt mit 340 PS starkem BMW von Straße ab - und streift Felswand

Kommentare