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Gespannte Gesichter bei der Fachveranstaltung zur Wohnungssituation im Sitzungssaal des Tölzer Landratsamts.

Initiiert von der Wohnungslosenhilfe Südbayern

Fachtagung zur Wohnungsnot in Bad Tölz: „Wohnungen gibt es nicht bei Amazon“

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Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum ist eines der drängendsten Probleme unserer Zeit. Doch wenn Wohnungen im großen Stil gebaut werden sollen, regt sich oft massiver Widerstand. Das war eine der Aussagen bei der Fachtagung zur Wohnungsnot im Tölzer Landratsamt.

Bad Tölz – Wenn Geretsrieds Bürgermeister Michael Müller einmal wöchentlich zu einer Bürger-Sprechstunde einlädt, kann er sicher sein, dass ihn drei bis fünf Menschen aufsuchen, die verzweifelt auf der Suche nach einer bezahlbaren Wohnung sind. Doch gleich wie viele Tränen in seinem Zimmer fließen: „Ich muss die Leute schulterzuckend wegschicken“, sagt Müller. „Das ist sehr frustrierend.“ Solche Szenen sind ein Ergebnis von Wohnungsmangel und steigenden Mieten im Speckgürtel um München. Über Gründe und Auswege diskutierten über 100 Experten und Gäste bei einer Fachveranstaltung im Landratsamt. 

„Es gab noch nie so viel Wohnraum“

Ein wichtiger Grund sei die Null-Zins-Politik der Europäischen Zentralbank, befand Josef Niedermaier in seinem Grußwort. Wenn Anleger keine Zinsen bekommen, suchen sie Alternativen – wie zum Beispiel Grundstücke. Der Landrat wies auf eine Kuriosität hin. Noch nie habe es im Landkreis so viel Wohnraum wie jetzt gegeben. Während aber im Jahr 1985 noch jeder Landkreisbürger durchschnittlich auf 26 Quadratmetern Fläche wohnte, sind es heute durchschnittlich über 50 Quadratmeter. Was hinzu kommt: Der Bau von Wohnungen sei nicht so ganz einfach. „Wenn man in einem Dorf einen Block mit 14 oder 20 Wohnungen hinstellt, steht sofort eine Bürgerinitiative bereit, die sagt: Ihr verschandelt unser Dorf.“

Über ähnliche Erfahrungen berichtete Michael Müller. Es mangle in der Bevölkerung an Akzeptanz von größeren Bauprojekten. „Man wird permanent angemacht, erhält anonyme Briefe. Es ist auch nicht lustig, wenn 300 Leute vor dem Rathaus stehen und ,Müller raus’ rufen.“ Es sei klar, dass sich Politiker in diesem Fall fragen: „Warum soll ich mir das antun?“ Mit dem Bau von Sportstätten könne man bei Wählern punkten, nicht aber mit dem Bau von Wohnungen: „Glauben sie, dass irgendjemand begeistert ist, weil wir in dieser Wahlperiode 1200 Wohnungen auf den Weg gebracht haben? Es heißt höchstens: Müller betoniert Geretsried zu – stoppt den Wahnsinnigen.“ Dabei sei es Pflichtaufgabe des Staates und der Kommunen, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen: „Das Problem ist inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“

„Wohnungsbau braucht Geduld“

Die Krise am Wohnungsmarkt sei die größte seit der Gründung der Bundesrepublik, sagte Jörn Scheuermann von der Wohnungslosenhilfe Südbayern. Grund dafür sei eine völlig verfehlte Wohnraumpolitik in den vergangenen 30 Jahren. Habe es im Jahr 1990 allein im Westen Deutschlands noch 3,3 Millionen Wohnungen mit Sozialbindung gegeben, so sind es jetzt nur noch 1,2 Millionen in ganz Deutschland – Tendenz fallend. 

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Der Staat habe sich aus den Bereichen Pflege, Gesundheit und Wohnen zurückgezogen: „Jetzt gibt es gewerbliche Anbieter, die aus der Pflicht der Kommunen, die Oberdachlosen unterzubringen, ein Geschäft machen.“ Ihm sei der Fall einer siebenköpfigen Familie bekannt, die in einer 70 Quadratmeter großen Wohnung wohnt. Der Vermieter kassiert dafür 3675 Euro pro Monat: „Das sind Steuergelder“, so Scheuermann. „Das mag legal sein – aber es wirft kein gutes Licht auf die marktwirtschaftliche Organisation des Wohnungsmarkts.“

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Welche Auswege aus der Krise könnte es geben? „Im innerstädtischen Bereich gibt es noch genügend Flächen, um sozialen Wohnungsbau zu betreiben“, befand Architekt Fritz Weinberger. Baudirektorin Doris Schmid-Hammer von der Regierung von Oberbayern warb um Geduld: „Das Problem ist erkannt. Man muss dem Ganzen etwas Zeit geben. Wohnungen kann man nicht einfach bei Amazon bestellen. Es dauert drei, vier Jahre, bis man die ersten Ergebnisse sieht.“

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Nach Ansicht von Bezirkstagspräsident Josef Mederer ist eine „vernünftige Landesplanung“ entscheidend. „Wenn wir meinen, dass sich alles in der Region Oberbayern ansiedeln muss, dann haben wir eine völlige Fehlentwicklung. Wir müssen in strukturschwachen Gebieten Industrie, Gewerbe und große Betriebe ansiedeln. Wenn es Arbeit gibt, wollen die Leute dort auch wohnen.“ Als Beispiel nannte er das BMW-Werk: „Die hätten vor 50 Jahren in München bleiben können. Dank einer intelligenten Landesplanung sind sie aber nach Regensburg und Dingolfing gegangen.

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