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Kunsttherapeutin Maria Demmel (li.) aus Gaißach und der Designer Thomas Kilpper haben das Projekt monatelang vorbereitet. 

Ausstellung in der Wandelhalle

Flucht: Bunt, schockierend und anrührend

Bad Tölz - Die neue Ausstellung in der Tölzer Wandelhalle beschäftigt sich mit dem Thema Flucht in ganz unterschiedlichen Facetten.

Bunt, schockierend, anrührend – die Ausstellung „Flucht und Migration: Unterschiedliche Perspektiven“ von Bildern, die Flüchtlinge gemalt haben, zeigt viele Facetten des Themas Asyl. Rund 150 Werke hat der Berliner Designprofessor Thomas Kilpper in der Tölzer Wandelhalle installiert. Außerdem kommt ein tief gespaltenes Deutschland zum Vorschein.

Die Malereien zeigen Erlebtes auf der Flucht oder Erinnerungen an die verlorene Heimat: Nur mehr eine Hand streckt sich aus dem Meer empor. Der Leib eines sich aufbäumendes Pferdes wird von rotzüngelnden Flammen verschlungen – Sinnbild oder wirklich Erlebtes? Das kindlich gemalte Werk gibt keine Antwort.

Solche eindringlichen Bilder, aber auch Werke mit Tanz oder einfach künstlerischer Freiheit hängen an großen Holzrahmen, die die Halle in einige Nischen unterteilt. Kilpper wurde von Florian Hüttner und Till Krause („Galerie für Landschaftskunst“) eingeladen, anhand eines Fotos von einer völlig leeren Wandelhalle eine Ausstellung zu entwerfen. Damit ist Kilpper der vierte Künstler in der Reihe „Halle – Politik“, die Hüttner und Krause ins Leben gerufen haben.

Weil der Raum als Asylunterkunft im Gespräch war, lud Kilpper Flüchtlinge aus den Unterkünften im Jodquellenhof und „Am Kranzer“ (Reichersbeuern) ein, Bilder von ihrer Flucht zu malen. Kunsttherapeutin Maria Demmel von der Fachklinik Gaißach begleitete ehrenamtlich das dreimonatige Projekt. Einmal wöchentlich lud sie Flüchtlinge in die Wandelhalle ein.

Dabei hatten beide unterschiedliche Herangehensweisen an ihre Gäste: „Es sollten keine Meisterwerke entstehen“, so Kilpper, „was durch den Kopf geht – raus damit!“ Dagegen ging die Therapeutin vorsichtiger an die Asylsuchenden heran: „Nach einer Frage kann ein Trauma aufbrechen, dass dann nicht mehr aufzuhalten ist.“

Im hinteren Teil der Wandelhalle schließt eine meterlange Fotomontage die Ausstellung ab: Holger Wüst hat aus Tausenden von Aufnahmen Venedig als Zufluchtsort dargestellt und genial überzeichnet. Die Asylsuchenden kommen von einem Kreuzfahrtschiff, auf dem Marx abgebildet ist, der die Religionen kritisiert. Die Taue halten das Schiff am Dogenpalast. Vor selbigem sind Flüchtlingszelte aufgestellt. „Venedig entstand, weil Menschen vor hunderten von Jahren in diese Sümpfe flüchteten“, erklärt Wüst. Die Leinwand in der Wandelhalle zeigt nur ein Drittel des Originalbilds.

Bewegend sind auch die Objekte, die Kilpper auf zwei Tischen im Raum ausstellt. „Es sind Gegenstände, die ich aus den Flüchtlingsbooten auf Lampedusa gesammelt habe“, erklärt er. Es sind unter anderem persönliche Fotos, ein Notizblock mit Telefonnummern und Handys. Zwischen den stets bunten Flüchtlingswerken hat Kilpper kleinere Kohlezeichnungen gehängt. Sie sind nachgemalte Pressefotos von beschädigten Flüchtlingsunterkünften, versehen mit Ortsnamen und Datum. So fängt Kilpper in betroffen machender Weise die Zerrissenheit der Bundesrepublik ein: Auf der einen Seite helfen Deutsche den Flüchtlingen, auf der anderen Seite trachten sie nach deren Leben. Birgit Botzenhart

Die neue Ausstellung in der Tölzer Wandelhalle öffnet am  Samstag, 23. April, um 17 Uhr. Die Vernissage dauert bis 19 Uhr. Zu sehen ist die Ausstellung bis zum 14. Mai, und zwar mittwochs bis sonntags von 18 bis 20 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Birgit Botzenhart

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