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Fremdelt mit der Zeit: Der fränkische Kabarettist Erwin Pelzig am Mittwochabend im Tölzer Kurhaus.

Der fränkische Philosoph

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Ausverkauftes Haus, begeistertes Publikum: Ein dreistündiges verbales Feuerwerk zündete Frank-Markus Barwasser als „Erwin Pelzig“ am Mittwoch im Tölzer Kurhaus.

Bad Tölz– Um das Eis zu brechen, braucht Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig am Mittwochabend im ausverkauften Tölzer Kurhaus keine zehn Sekunden: „Hallo, Bad Dölz“, sagt er in breitestem Fränkisch, und schon hat er die Lacher auf seiner Seite. „Ich bin froh, dass Sie da sind, das ist nicht selbstverständlich“, sagt er – denn bestimmt waren unter den Zuschauern auch einige, die gerne das zeitgleich laufende Fußball-Champions-League-Spiel FC Bayern gegen FC Liverpool angeschaut hätten. „Aber Sie verbringen die Zeit lieber mit einem fränkischen Konsonantenschinder, als dass Sie den Engländern zusehen, wie ihre Insel im Meer versinkt“, sagte Pelzig mit Blick auf die ewigen Brexit-Debatten.

In den kommenden fast drei Stunden geht es dann aber um viel mehr als dialektale Komik. Immer wieder steigert sich Pelzig in rasanter Geschwindigkeit in seine Themen hinein. Anfangs wettert er über Horst Seehofer – „momentan scheint er optimal medikamentiert zu sein“ – und Markus Söder. AfD-Politikerin Beatrix von Storch erinnert ihn an den Edgar-Wallace-Roman „Die toten Augen von London“. Dass nun die AfD beobachtet werde, um herauszufinden, ob in ihren Reihen verfassungsfeindliche Tendenzen vorhanden sind, sei so, „wie wenn man eine Fischhandlung beobachtet, ob es dort Fisch gibt“. An keiner Partei lässt er ein gutes Haar. „Was dem Beinamputierten der Phantomschmerz ist der FDP der Wunsch nach Charakter.“ Über die SPD werde er künftig keine Scherze mehr machen, das sei gesetzeswidrig: „Störung der Totenruhe“. Und die Grünen, die bereit seien, mit allen Parteien zu koalieren: „Die sind paarungswillig wie Harvey Weinstein nach fünf Jahren Einzelhaft.“

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Eigentlich, so sagt er, fremdle er aber mit dieser unserer Zeit. Mit dieser „postfaktischen Zeit“, in der Gefühle immer wichtiger werden als Fakten. „Gefühle sind wichtig. Ich hatte kürzlich selbst eins und war ganz zufrieden damit.“ Aber die Stimmung sei endzeitlich – egal ob in der EU oder im Trump‘schen Amerika.

Das Problem der heutigen Zeit ist für Pelzig der Männerüberschuss in den Provinzen. „Die gut ausgebildeten Frauen gehen weg, zurück bleiben die Männer.“ Die seien frustriert. Wie beispielsweise in Mecklenburg-Vorpommern, wo der Männerüberschuss besonders eklatant sei. „Das einzige, was sich dort noch vermehrt, sind die Wölfe.“

Was er den Leuten ans Herz legen wolle, wenn sie, wie er, mit der Zeit verzweifeln, das sei ein Perspektivwechsel. So wie es Walt Disney gemacht habe. Der hatte immer drei Stühle: den Träumerstuhl, den Kritikerstuhl und den Realistenstuhl. Auf jeden habe er sich gesetzt, dann sei er zu einer Entscheidung gekommen. So habe er selbst es auch gemacht, als er überlegte, für ein Gastspiel in der Kurstadt vorbeizuschauen. „Der Träumer hat gesagt: Bad Tölz ist schön. Der Kritiker meinte: Ja, schon, aber so schön auch wieder nicht. Und der Realist meinte: Jetzt fahr’ hin, Du musst ja nicht über Nacht bleiben.“

Die heutige Zeit sei auch durch die sozialen Netzwerke so schwierig. „Eine Mischung aus Denkfaulheit, Rechtschreibschwäche und Internetabschlüssen“ trete dort zu Tage. Die Dummheit einiger sei durch das Internet schneller und besser sichtbar, und es bilden sich viele Filterblasen. „Wenn viele Menschen gleichzeitig ihren Verstand stilllegen, ist das trotzdem eine Bewegung.“

Nach der Pause geht Pelzig weiter auf die Probleme ein, die das Internet seiner Meinung nach mit sich bringt. Die Leute hätten derzeit viele Ängste. Und die Politik reagiere sofort und fordere schärfere Gesetze – obwohl viele existierende Gesetze einfach nur konsequent durchgesetzt werden müssten. „Wenn ich einen Toast habe und einen Toaster, aber zu blöd bin, den Toast in den Toaster zu stecken, hilft es mir nicht, wenn ich noch mehr Toast und mehr Toaster habe.“

Pelzig thematisiert Roboter, die den Menschen die Arbeit abnehmen, selbstfahrende Autos und immer wieder die Digitalisierung. Er sei sicher kein Fortschrittsverweigerer. Aber brauche es wirklich eine eigene App fürs Handy, die einer schwangeren Frau, die ins Kino geht, mitteilt, wann die langweiligen Stellen des Films sind, damit sie wisse, wann sie auf die Toilette gehen könne?

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Es sei eine Zeitenwende, in der wir uns befinden, sagt Pelzig zum Schluss. Aber man könne sich immer an Philosoph Immanuel Kant halten, dessen kategorischen Imperativ Pelzig vereinfacht ausgedrückt wiedergibt: „Du sollst halt einfach kein Arschloch sein.“

Tosender Applaus zum Schluss, eine Zugabe. Und Pelzig verspricht: „So lange werde ich mir nicht mehr Zeit lassen, bis ich wieder nach Tölz komme.“

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