+
„Mei is des lang her“: Kultregisseur Franz-Xaver Bogner am Eingang vom Moralt 

Interview mit Franz-Xaver Bogner 

„Irgendwie und sowieso“: Die ewige Kultserie 

Vor 35 Jahren wurde für „Irgendwie und sowieso“ aus dem Moralt die Holzfabrik Binser. Regisseur und Autor Franz-Xaver Bogner erinnert sich bei einem Spaziergang durch Tölz an die Schauspieler, Drehorte und die 68er-Zeit. Dabei verrät er auch, was er als nächstes plant. 

Bad TölzEin kleiner Test zu Beginn: Nämlich die Frage an zehn Leute, was denn die beste bayerische Fernsehserie aller Zeiten ist, in der Tölz vorkommt? Neun antworteten wie aus der Pistole geschossen: „Der Bulle von Tölz“. Nur einer gab nach kurzem Überlegen die richtige Antwort und zwinkerte den Frager an: „Irgendwie und sowieso – logisch!“. Es ist schon so: Die Kultserie der 1980er-Jahre, kongenial vertont von Haindling, kennt nun wirklich jeder Bayer, der was auf sich hält. Nur wissen es halt nur noch die wenigsten, dass das Sägewerk Binser aus der Serie die alte Moralt-Fabrik gewesen ist. Gut 35 Jahre nach den Dreharbeiten 1984 folgte Autor und Regisseur Franz-Xaver Bogner ganz unkompliziert einer Einladung nach Tölz, spazierte übers Gelände und plauderte munter aus dem Nähkästchen.

„In einer halben Stunde war ich in Manhatten.“

Eigentlich spielt die zwölfteilige Serie im Raum Ebersberg. Bogner ist in Markt Schwaben aufgewachsen. „An der Ritze zwischen Stadt und Land“, wie er es mal beschrieben hat, erlebte er als Student die gesellschaftlichen Umbrüche der 68er-Zeit. „Ich lebte am Dorf und war in einer halben Stunde in der Stadt“, sagt der 71-Jährige; in „Manhattan“, wie seine Film-Protagonisten München zu nennen pflegten.

Bogner erlebte Hippie-Zeit, Studentenrevolten, Traditionsbewahrer, schräge Vögel und durchgeknallte Typen auf allen Seiten. An so eine verrückte Zeit kann man sich 20 Jahre später zurückerinnern und theoretisieren. Das liegt Bogner nicht. „Wenn man das alles aber in Geschichten packt, dann trifft man Ton und Nerv der Zeit viel eher.“ Sepp (Elmar Wepper), Effendi (Robert Giggenbach), Tango (Bruno Jonas): Gab‘s solche Typen wirklich? Bogner nickt. Sir Quickly sei zum Beispiel ein etwas zurückgebliebener junger Mann gewesen, der mit umgehängtem Radio auf seinem Moped durch die Gegend brauste, vor Spaziergängern scharf zu bremsen pflegte, sie fixierte und fragte: „Gell, Du mogst mi aa ned?“ Bogner grinst und spielt es vor.

Über 30 Drehorte, darunter auch Bad Tölz und Dietramszell 

Im Film verkörpert Ottfried Fischer die liebenswert-schrullige Version als Jungbauer. Er wurde berühmt durch diese Rolle. Auch für den Mechaniker Sepp, der im rosa Cadillac lässig bis selbstmörderisch durch die Gegend cruist, hat Bogner ein Vorbild vor Augen. „Früher haben die Leute bei uns die bequemen, breiten Sitzbänke von den Ami-Schlitten rausgetan und vor ihre Schupfen gestellt. Ich habe das wirklich selbst erlebt, wie dann stattdessen Campingstühle als Fahrersitz hergenommen wurden.“

Ein jugendlicher Franz-Xaver Bogner (links unten) bei den Dreharbeiten für „Irgendwie und sowieso“. Der Tölzer Kurier berichtete damals über die Serie. 

Weit über 30 Drehorte weist eine private, liebevoll gepflegte Internetseite zur Kultserie (www.irgendwie-und-sowieso.de) aus, die viel Wissenswertes über „Irgendwie und sowieso“ zusammengetragen hat und über die immer noch erstaunlich vielen Aktivitäten in der Fanszene berichtet. Eine eigene Facebook-Seite zählt knapp 19 000 Abonennten. Tölz und Dietramszell sind wichtige Drehorte. Zwischen der Staatsstraße 2368 und dem Weiler Walleiten wurde etwa die Szene gedreht, in der sich Sepp und Effendi ein wahnwitziges Busrennen liefern. Sepps Bus rauscht schließlich den Abhang runter und überschlägt sich mehrfach. Wirklich atemberaubende Szenen. „Heute ist da alles verwachsen“, weiß Bogner, der viele Jahre später auf der Suche nach einem idealen Bauernhof für die Lena-Christ-Verfilmung „Madam Bäuerin“ eher zufällig mit seiner Frau (und Motivsucherin) Sonja an die früheren Drehort nach Dietramszell zurückkehrte. Die Bäuerin Anni von Walleiten habe ihn auf der Stelle wiedererkannt, staunt der Regisseur auch heute noch. Klar, dass man erneut blieb und drehte, die „Location“ war ideal.

Für 16 000 Mark wurde der Rossstall wieder hergerichtet 

Das war Tölz 1984 und 1985 auch. Für das Sägewerk Binser wurde zwar auch in Vilsbiburg gedreht, doch die Kernszenen spielen in Tölz. Versonnen bleibt Bogner ganz im Süden des Areals auf einer Abrissfläche stehen, wo heute nur noch die Fundamente eines Haus zu sehen sind. Das war einst der Rossstall von August Moralt. Eigentlich sollte der Stall mit Wohnung in den Drehjahren 1984/85 abgerissen werden. Für 16 000 Mark, so berichtete damals der Tölzer Kurier, wurde der Stall nochmals hergerichtet, von dem aus der unvergessene Toni Berger als Martin Binser sein Holz-Imperium und Land und Leute rundherum beherrscht. „Es war ein riesiger Glücksfall für uns, dass wir das Haus für den Dreh bekommen haben“, erinnert sich Bogner. Sogar der Abriss konnte in die Filmgeschichte integriert werden. Eigentlich ist für Bogner mit jedem beendeten Dreh das Thema auch erledigt. „Ich schaue nie zurück“, sagt er. Konsequenterweise geht er deshalb auch nie zu einer der häufigen Nostalgieveranstaltungen rund um die Kultserie. Einmal vor rund zehn Jahren, hat er sich doch überreden lassen – und war bass erstaunt. „Ich dachte, da kommen lauter Alt-Hippies. Dabei waren die im Schnitt so um die 25 Jahre alt. Lauter junge Fans und Freaks.“ Bogner wundert sich immer noch und wirkt ein bisserl stolz darauf, dass „manche ganze Passagen auswendig aufsagen konnten“. Und dann macht er seinerseits ein kleines Ratespiel, während er mit dem Autor und Lorenz Riesch übers Moralt-Gelände schlendert. „Wer, glauben Sie, ist am besten bei den Leuten angekommen?“ Die Antwort ist ein bisschen überraschend. Nicht Sepp, Effendi, Tango oder Sir Quickly, nein, der Berger Toni, der Binser Martin. „Die ham de Sprüch vo dem geliebt, solche wie: ,Da hau i jetzt einfach no a Pfund Gold nei, dann passt des.‘ Dagobert Duck, so ham s‘ den genannt.“

Binser und Moralt waren sich durchaus ähnlich 

Binsers Motto „Links und rechts vom Binser, alles Land ist inser“ könnte auch August Moralts Leitspruch gewesen sein, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Tölz aus dem Nichts ein Holzunternehmen aufbaute, das irgendwann in drei Werken mehr als 1100 Menschen Lohn und Arbeit gab. Und der ein großes Herz für seine Leute besaß, wie der ehemalige Moraltler und heutige SWL-Mitarbeiter Riesch dem Regisseur erzählt. Er habe so gut wie jeden seiner Tölzer Mitarbeiter beim Namen gekannt. Zum Geburtstag seien sie zum persönlichen Gespräch mit dem Chef eingeladen worden. Vermutlich im selben Raum, der auch in „Irgendwie und sowieso“ zu sehen ist, als der Binser mit seinen Mitarbeitern über die Zukunft des Werks spricht. Im Hintergrund an der Wand das Leonhardi-Gemälde von Paul Stollreither, das heute in der Praxis von Dr. Oskar Schwarzmayr hängt.

Idee für neue Serie: „Typen müssen vorkommen“

Moralt war ein Patriarch. Binser ist es auch. Bogner hat den Typus auch noch kennengelernt. Toni Berger war die Idealbesetzung dafür. Überhaupt‘s, der Berger Toni. Bogner gerät ins Schwärmen, wenn er von dem Berger spricht. „Ein Grandseigneur“, sagt er, „ein Theaterschauspieler, wie ich sie mag.“ Warum? „Weil die eine Haltung zu ihrer Rolle entwickeln und textsicher sind. Wenn nicht, hasse ich das wie die Pest“, ergänzt er. Berger sei nicht nur im Filmgeschehen der Beschützer und Denker für Sepp, Effendi, Sir Quickly und Christl Burger gewesen. Auch am Set war er der allseits respektierte „Chef“ der Crew. Bogner ist heute noch erstaunt darüber, wie sich die Schauspieler (und die Crew) im Lauf der eineinhalbjährigen Dreharbeiten in die Figuren hineingefuchst und sich damit identifiziert haben.

Neue Folgen der Bogner-Serie „Über Land“ ab Frühjahr auf ZDF

Zurückschauen mag der Geschichtenerzähler mit der Kamera, der 2018 den Bayerischen Verdienstorden erhielt, nicht so gerne. Also blickt er nach vorne. Im Frühjahr sendet das ZDF neue Folgen der Bogner-Serie „Über Land“, für die auch im Dietramszeller Gäu gedreht wurde.

In der Pipeline steckt zudem eine Idee für ein „Irgendwie und sowieso 2.0“. Konkretes will Bogner, der seinen Traum immer gelebt hat, wie er kurz vor dem Abschied sagt, noch nicht herausrücken. „Ich denke gerade drüber nach.“ Nur eines: „Typen müssen vorkommen, Leute, die das machen, was sie sich vorstellen, und Haltung haben.“ Irgendwie schwer zu finden, heutzutage, da sind wir uns abschließend einig, als er schließlich am Moraltpark in seine Audi steigt und wieder zurück nach München fährt.

Von Christoph Schnitzer

Lesen Sie auch: Talk mit Franz-Xaver Bogner: Rückkehr zu Freunden 

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Corona im Landkreis: Zahl der Infektionen steigt auf 288 - 169 Genesene
Warum wurden Patienten kurz vor ihrem Tod auf Corona getestet, obwohl sie gar keine Symptome hatten? Darauf gibt das Landratsamt nun eine Antwort.
Corona im Landkreis: Zahl der Infektionen steigt auf 288 - 169 Genesene
„Flake“ wird aufgemöbelt
Die Gemeinde Kochel will das beliebte Filmkulissendorf „Flake“ am Walchensee instand setzen und arbeitet deshalb in Kürze mit den Schulen für Holz und Gestaltung des …
„Flake“ wird aufgemöbelt
Die ehrenamtlichen Masken-Näher von Lenggries
Elisabeth Ertl aus Lenggries näht zusammen mit vielen anderen Helfern gegen den Gesichtsmasken-Notstand an – ehrenamtlich. Allerdings fehlt es an zwei Dingen.
Die ehrenamtlichen Masken-Näher von Lenggries
Solidarische Gäste als Hoffnungsschimmer der Gastronomen 
Restaurants und Gastronomiebetriebe im Landkreis leiden unter der aktuellen Krise enorm.  Mit Lieferservice, Abholangeboten und Drive-In-Stationen versuchen sie, sich …
Solidarische Gäste als Hoffnungsschimmer der Gastronomen 

Kommentare