Rotwild am Futtertrog: In Vorderriß füttern Jäger des Forstbetriebs Bad Tölz Hirsche. So stocken sie das knappe Nahrungsangebot im Winter auf und beugen Verbiss-Schäden am Jungwald vor.
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Rotwild am Futtertrog: In Vorderriß füttern Jäger des Forstbetriebs Bad Tölz Hirsche. So stocken sie das knappe Nahrungsangebot im Winter auf und beugen Verbiss-Schäden am Jungwald vor.

Natur

Freizeitsportler stören Winterruhe bei Tieren im Tölzer Land

  • Bettina Stuhlweißenburg
    vonBettina Stuhlweißenburg
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Rücksichtslose Tourengeher und Gleitschirmflieger, grelle Stirnlampen und andere Störungen: Jäger und Förster haben die Nase voll von Freizeitsportlern, die zu jeder Tages- und Nachtzeit die Winterruhe der Wildtiere stören. Ranger sollen jetzt für Ordnung sorgen.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Erst am vorvergangenen Wochenende hatte Josef Heßlinger wieder eine dieser unerfreulichen Begegnungen. Der Jäger saß auf dem Hochsitz in seinem Revier am Buchberg, als gegen 20.30 Uhr ein Camper sein Zelt aufschlug – 50 Meter von der Futterstelle der Wildtiere entfernt. „Es ging ein kalter Ostwind, die Zeltplane hat geflattert, weshalb die Tiere das Futter nicht angenommen haben“, sagt Heßlinger.

Zur Rede gestellt hat er den Camper nicht: „Die sind ja völlig uneinsichtig, da hätte es Streit gegeben.“ Schon oft hat Heßlinger Freizeitsportler gemaßregelt, die kreuz und quer durch den Wald laufen – ohne Rücksicht auf Flora und Fauna. „Leider habe ich die Erfahrung machen müssen, dass sich die Leute um nichts mehr scheren. Die sagen dann: ach ja, so schlimm wird das schon nicht sein und trampeln einfach weiter.“

Viele Tiere fahren Stoffwechsel herunter, um im Winter Energie zu sparen

Reh-, Gams-, Rot- und Steinwild halten zwar keinen Winterschlaf, allerdings fahren sie während der kalten Jahreszeit ihren Stoffwechsel herunter, um Energie zu sparen. Schließlich ist dann das Futter knapp. Ihre Körpertemperatur in Hinter- und Vorderläufen sinkt. „Scheucht man sie dann hoch, ist das wie ein Kaltstart beim Auto“, erklärt Heßlinger, „das verbraucht unglaublich viel Energie.“ Die Tiere brauchen mehr Nahrung – und beißen die Knospen junger Bäume ab. Ein Schaden, den der jeweilige Jäger dem Grundbesitzer zahlen muss. Summen im fünfstelligen Bereich können hier fällig werden.

Besonders schwer wiegt die Störung der Tiere, wenn sie an ihren Futterstellen stattfindet. Jäger unterhalten die Futterstellen, um das knappe Nahrungsangebot im Winter aufzustocken. Nähern sich Menschen der Futterstelle, vergrämen sie das Wild, das die Krippe dann meidet. Das kann im Extremfall bei zu geringem Nahrungsangebot dazu führen, dass die Tiere verhungern, wie die untere Naturschutzbehörde des Landratsamtes mitteilte.

Nachts am Blomberg: „Eine Stirnlampe nach der andere quer im Wald verteilt“

Nicht einmal nachts kommen Rehe und Hirsche zur Ruhe: „Wenn ich von meinem Hochsitz aus zum Blomberg schaue, sehe ich eine Stirnlampe neben der anderen, kreuz und quer im Wald verteilt“, schimpft Heßlinger. Offenbar ist Tourengehern und Schneeschuhwanderern nicht bewusst, dass sie mit ihrem Verhalten eine Ordnungswidrigkeit begehen. Bis zu 5000 Euro Bußgeld drohen bei Verstößen gegen Tier-, Wald- und Naturschutzgesetz sowie gegen das Jagdgesetz. Denn das Recht, sich in den Wäldern frei zu bewegen, hat dort seine Grenzen, wo Wildtiere beunruhigt und aus ihrem sogenannten Einstand vertrieben werden. Außerdem ist es verboten, Wege und Steige zu verlassen, wenn es sich um ein Jagdgebiet oder ein landwirtschaftlich genutztes Revier handelt.

Reiten, Radeln, Zelten und Gleitschirmfliegen sind ebenfalls nicht erlaubt, es sei denn, der Grundstückseigentümer hat es ausdrücklich genehmigt, wie Anton Krinner erklärt. Der Leiter der Hochwildhegegemeinschaft Isarwinkel hat die Nase voll von Freizeitsportlern und Gassigehern, die in immer größer werdender Zahl in die Berge drängen. „Um diesen Exzessen einen Riegel vorzuschieben, haben wir beim Landratsamt beantragt, 15 Futterstellen im südlichen Landkreis als Wildschutzgebiete auszuweisen. Dann gilt dort ein Betretungsverbot“, sagt Krinner.

Ihm geht es nicht nur darum, dass Jäger für die Wildschäden haften müssen, die in der Folge der Störungen entstehen. „Wir haben bei uns einen ganz wunderbaren Artenreichtum. Wir haben Uhu, Sperber, Kibitz, Schneehühner und auch den sehr seltenen Schwarzstorch. Das ist ein kostbares Gut.“

Bad Heilbrunn: Dramatische Szenen wie unangeleinter Hund trächtiges Reh reißt und zerfetzt

Die Küken der am Boden brütenden Auerhenne etwa seien Nestflüchter, die der Henne folgen. Scheuchen Schneeschuhwanderer oder Gleitschirmflieger die Henne auf, fliegt sie weg – und die Küken streunen orientierungslos und ohne Führung umher. Leichte Beute für Fuchs und Marder. „Das ist dramatisch“, sagt Krinner. Vor allem, weil Auerwild nur einmal im Jahr Eier lege. Krinner hatte auch schon erleben müssen, wie Rhodesian-Ridgeback-Hunde nahe Bad Heilbrunn ein hochträchtiges Reh gehetzt, ihre beiden ungeborenen Kitze aus dem Leib gerissen und zerfleischt hatten. Eine Leinenpflicht im Wald ergibt sich seiner Meinung nach automatisch aus dem Verbot, wild lebende Tiere zu beunruhigen.

Auch der Leiter des Tölzer Forstbetriebs, Rudolf Plochmann, ärgert sich: „Schneeschuhwanderer und Tourengeher halten sich mittlerweile an gar nichts mehr.“ Problematisch seien auch Gleitschirmflieger, die vom Schafreuter Richtung Oswaldhütte starten. „Das ist dort gar nicht erlaubt, das Karwendel ist ein Naturschutzgebiet“, sagt er. Das Verbot gebe es „aus gutem Grund: Die wirken wie riesige Raubvögel. Gams, Auer- und Birkhühner flüchten sofort.“ Hinzukommen sogenannte Drifter, die im Schnee ihre Autos schlittern lassen, vor allem auf den Parkplätzen an der Mautstraße zwischen Vorderriß und Wallgau. „Das bringt gewaltige Unruhe“, sagt Plochmann.

„Mehr Aufklärung wichtig“

An Ideen, das Treiben zu beenden, mangelt es nicht. Krinner findet mehr Aufklärung wichtig. „Wenn ich den Leuten erkläre, warum sie nicht kreuz und quer durch den Wald laufen sollen, sind viele einsichtig und sagen, sie hätten das nicht gewusst.“ Um die Uneinsichtigen abzuschrecken, müssten Verstöße häufiger geahndet werden. „Hätten Mountainbiker zum Beispiel ein Nummernschild, wären sie identifizierbar und könnten angezeigt werden“, meint Krinner. Effektiven Schutz könnten auch Ranger bieten. Anton Krinner hat beim Landkreis angeregt, auch in den Bergen Gebietsbetreuer einzusetzen. Tatsächlich wurde beschlossen, aufgrund des wachsenden Freizeitdrucks erstmals auch im Winter zwei Ranger zu beschäftigen. „Die waren in den letzten Jahren nur bis zum Herbst im Einsatz“, sagt Landratsamts-Pressesprecherin Sabine Schmid. Außerdem habe sich Landrat Josef Niedermaier beim Umweltminister dafür eingesetzt, dass der Freistaat künftig auch im Karwendel Ranger beschäftigt. Noch unklar ist, ob das Ministerium dieser Bitte nachkommt.

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