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Symbolbild

Amtsgericht

Fristlose Kündigung: Nachspiel vor dem Strafrichter

Bad Tölz-Wolfratshausen – Entlassener Kellner zeigt seinen Ex-Chef wegen Körperverletzung an. Dieser erzählt eine ganz andere Geschichte.

Mitten in der Hochsaison wirft ein Wirt seinen Kellner raus. Fristlos, an einem Freitagabend im August, kurz vor Feierabend. Zehn Monate später sitzt der Wirt vor dem Strafrichter auf der Anklagebank. Er soll etwas zu rabiat vorgegangen und beleidigend geworden sein, als er seinen Angestellten vor die Tür setzte. Das Verfahren wurde gegen Zahlung einer Geldbuße eingestellt.

Laut Anklageschrift war es am 7. August vorigen Jahres gegen 22 Uhr in einem Gasthaus im Loisachtal zum Streit zwischen dem Angeklagten (52) und dem Kellner (25) gekommen. Der Wirt soll seinen Mitarbeiter mit beiden Händen gepackt, durchs Lokal gestoßen und durch eine Schwingtür hinaus befördert haben.

Draußen will der Kellner von seinem Chef noch einen Schlag mit der flachen Hand auf den Hinterkopf erhalten haben. So hatte es der 25-Jährige bei der Polizei zu Protokoll gegeben, kurz und bündig. Der Angeklagte äußerte sich in der Verhandlung am Wolfratshauser Amtsgericht ausführlich und detailreich.

Er habe mit Gästen „im Biergarten am Stammtisch gehockt“ und den Kellner gebeten, die Ketchupflaschen für den nächsten Tag aufzufüllen. Der Kellner habe geantwortet: „Das sollen die Drecks-ausländer machen.“ Im ersten Moment sei der 52-Jährige perplex gewesen, dann habe er sich überlegt, dass er eine solche ausländerfeindliche Äußerung angesichts der vielen ausländischen Mitarbeiter, die er beschäftige, nicht dulden könne.

„Ich bin zu ihm rein und habe gesagt: Das ist ihr letzter Arbeitstag, ich kündige ihnen fristlos“, erzählte der Wirt. Statt abzurechnen habe der Angestellte ihm daraufhin seinen Geldbeutel hingeknallt, sei „wild rumgehüpft“ und habe wutentbrannt das Lokal durch den Hinterausgang verlassen.

„Herr Richter, wenn Sie gesehen hätten, wie der losgefahren ist, täten Sie ihm heute noch den Führerschein abnehmen“, sagte der Beschuldigte. Er stritt ab, handgreiflich geworden zu sein. Mit der Arbeit des Kellners sei er zufrieden gewesen. Dessen impulsive Reaktion habe ihre Ursache vermutlich im privaten Bereich („Probleme mit der Freundin“) gehabt.

Der Entlassene, der nur drei Monate in dem Lokal gearbeitet hatte, stritt die ausländerfeindliche Bemerkung ab und hielt ansonsten an seiner Wahrnehmung des Abends fest. Eine Mitarbeiterin, die den lautstarken Streit zwischen dem 25-Jährigen („ein ganz netter Kollege“) und ihrem Chef am Rande mitbekommen hatte, zeichnete ein anschauliches Bild. „Es ist eine schwierige Situation, wenn zwei starke Egos aufeinandertreffen. Jeder hat seine Wahrheit“, formulierte die Kellnerin. „Es war eigentlich so, wie zwischen Vater und Sohn, wenn es mal Streit gibt.“

Auf Antrag der Staatsanwaltschaft stellte Richter Helmut Berger das Verfahren vorläufig ein. Der Angeklagte erklärte sich im Gegenzug damit einverstanden, 600 Euro an die Bergwacht Kochel zu zahlen.  rst

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