„Angefangen, ohne zehn Worte Deutsch zu sprechen“

Fünf plus fünf macht ein Pilotprojekt

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Bad Tölz - Flüchtlinge in Arbeit zu bringen: Das ist die nächste große Integrationsaufgabe. Zum Start eines Pilotprojekts zeigte ein Infoabend der Stadt Bad Tölz die Chancen auf – verschwieg aber auch nicht die Probleme.

Fünf aufgeschlossene Unternehmer und fünf arbeitswillige Flüchtlinge: Wenn diese Paarungen zustandekommen, dann will die Stadt für eine Testphase von sechs Monaten ihr Pilotprojekt „Arbeit für Migranten“ starten. Das kündigten Wirtschaftsförderer Falko Wiesenhütter und Sozialplaner Armin Ebersberger bei einem Infoabend am Dienstag an. Das Besondere: Jedes Arbeitgeber-/Arbeitnehmer-Tandem soll Unterstützung von einem Mitglied der Tölzer Coaches bekommen, um mögliche interkulturelle Anlaufschwierigkeiten zu überwinden.

Um das Projekt vorzustellen, hatten die Initiatoren Wiesenhütter und Ebersberger Unternehmer aus Bad Tölz und den angrenzenden Gemeinden in den „WeltRaum“ eingeladen. Doch als der Tölzer Kerzen-Hersteller Simon Steinhart am Ende fragte, wer von den gut zwei Dutzend anwesenden Gästen wie er Unternehmer sei, hoben sich nur wenige Hände.

Laut Agentur für Arbeit sind in Bad Tölz 220 Geflüchtete als arbeitsuchend registriert. Mit dem Projekt will die Stadt Unternehmer ermutigen, es einmal mit einem Flüchtling als Angestellten zu versuchen. Beim Infoabend berichteten drei Tölzer Arbeitgeber von ihren Erfahrungen. „Das Resümee ist positiv, er bringt uns was“, sagte Leonhard Haas, Geschäftsführer der Firma „Haas Heizung, Sanitär, Lüftung“, über einen aus Ghana stammenden Mitarbeiter, der seit 2014 im Unternehmen ist. Doch es seien Vorbehalte zu überwinden gewesen, räumte er ein – firmenintern und -extern. Die übrigen Mitarbeiter – „gestandene Handwerker“ – hätten anfangs skeptisch auf den Neuen reagiert, der übrigens nicht als Flüchtling nach Deutschland kam. „Ich musste ihnen schon sagen: Probiert es, redet mit ihm – mit ein paar Brocken Englisch oder mit Händen und Füßen, überwindet Euch!“ Manche Kunden hätten gesagt: „Den Schwarzen braucht ihr mir nicht mehr schicken.“ Andere hätten sein Engagement als Unternehmer gelobt, so Haas.

Im Josefistift absolvieren Geflüchtete aus Tansania, Syrien und Pakistan einen Bundesfreiwilligendienst – einer von ihnen, Adnan Saalem Saqip, gelernter Buchhalter aus Pakistan, stand gleich mit auf dem Podium. Er berichtete, wie er mit Hilfe von Computerprogrammen selbstständig Deutsch gelernt habe und nun eine Berufschance im Bereich Altenpflege sehe.

Heimleiterin Bettina Emmrich lobte Pünktlichkeit und akkurates Erscheinungsbild ihrer Mitarbeiter mit Fluchthintergrund. „Kein Problem, aber ein Thema“ sei es im Alltag, dass es gerade im Pflegebereich fast immer Frauen sind, die als Chefinnen die Anweisungen geben. Umgekehrt stehe sie manchmal „auf dem Schlauch“, wenn es um Wertvorstellungen der Geflüchteten gehe, wie etwa „Ehre“.

Aktuell drei Mitarbeiter mit Fluchthintergrund arbeiten in der Bäckerei von Leo Büttner: ein Auszubildender aus Eritrea sowie ein Spüler und ein Bäckereigehilfe, beide aus Syrien. Der Azubi und einer der syrischen Mitarbeiter hätten bei ihm angefangen, „ohne zehn Worte Deutsch zu können“, berichtete Büttner. Ohne Kurs hätten sie die Sprache aber mittlerweile gelernt – weil im Betrieb konsequent nur Deutsch gesprochen werde. „Der Aufwand ist groß, aber wenn diejenigen wirklich wollen, klappt es sehr gut.“ In Sachen Bürokratie sei in den vergangenen Jahren vieles leichter geworden, sagte der Bäckermeister, der schon vor fünf Jahren einen Azubi aus Äthiopien eingestellt hatte.

Das Pilotprojekt überträgt nun die erfolgreiche Arbeit der Tölzer Coaches bei der Betreuung von Jugendlichen bei der Lehrstellensuche auf eine neue Zielgruppe, nämlich erwachsene Flüchtlinge. Wie Vorstandsmitglied Gerd Angele berichtete, würden die aktuell etwa 15 Ehrenamtlichen notfalls auch einmal einen „Tritt in den Hintern“ geben.

Mit im Boot ist das BRK-Mehrgenerationenhaus. Dessen Leiterin Rita Knollmann erklärte, dass es dort seit Kurzem eine eigene, aus Fördermitteln finanzierte Stelle für das Thema „Arbeit für Migranten“ gibt – wenn auch nur mit sechs Stunden pro Woche. Die Mitarbeiterin, eine Juristin, soll die Coaches als „Back-up“ unterstützen.

„Macht mit, bitte“, appellierte Bürgermeister Josef Janker an die Unternehmer. „Wenn wir das Thema gemeinsam anpacken, haben wir eine gute Chance. Wenn wir es nicht halbwegs lösen, wird es uns überrollen.“ Dass bei all dem Geduld nötig ist, machte Berufsschul-Leiter Josef Bichler klar. In den sieben Flüchtlingsklassen an seiner Schule „sind viele dabei, aus denen wir gute Facharbeiter machen können“, sagte er. Aber eben auch „ein nicht unerheblicher Teil Analphabeten“, die ungleich mehr Unterstützung bräuchten.

Kontakt

Unternehmer, die sich beteiligen wollen, melden sich bei Falko Wiesenhütter, Telefon 0 80 41/ 78 67 29.

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