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Tagsüber bitte absteigen und schieben: Viele Fahrradfahrer ignorieren dieses Gebot. Das sorgt für Ärger. 

Verbot wird missachtet

Fußgängerzone Marktstraße: Genießen Radfahrer hier „Narrenfreiheit“?

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Statt abzusteigen, treten viele Radfahrer auch in der Fußgängerzone von Bad Tölz in die Pedale. Stadt und Polizei erklären, warum so wenig kontrolliert wird.

Bad Tölz– Joachim von Wittgenstein-Krause hat sich einmal Zeit genommen und Strichliste geführt. Das Ergebnis seiner kleinen privaten Erhebung: Innerhalb einer Stunde seien an seinem Geschäft „Casa Culinaria“ an der Tölzer Marktstraße etwa 40 Fußgänger vorbeigegangen – und in derselben Zeit seien fast 100 Radler vorbeigefahren. Das mag zwar nicht ganz repräsentativ sein. „Aber wenn es Zeiten gibt, in denen mehr Radfahrer in einer Fußgängerzone unterwegs sind als Fußgänger, dann stimmt etwas nicht“, sagt der Geschäftsmann.

Radeln in der Marktstraße: Das Thema ist und bleibt ein Dauerbrenner – und tritt gerade jetzt im Sommer wieder besonders deutlich zutage. Ob Einheimische oder Urlauber: Die Fußgängerzone ist für Radler attraktiv, weil sie eine von wenigen Ost-West-Verbindungen in der Stadt darstellt. Die Osterleite ist im Vergleich dazu schwieriger zu befahren und gefährlicher, die Nockhergasse eine schmale Einbahnstraße und aktuell sogar ganz gesperrt.

Radfahrer in der Marktstraße: Kontrollen gibt es kaum - Unfälle aber auch nicht

Die Einigung auf die Regelung, dass Radfahrer zwischen 21 Uhr abends und 9.30 Uhr am nächsten Morgen auch in der Fußgängerzone in die Pedale treten dürfen, hat die Debatte nicht zum Erliegen gebracht – im Gegenteil: Das tagsüber geltende Gebot abzusteigen und zu schieben wird in breitem Umfang missachtet.

Für viele Tölzer ist es ein Ärgernis. Doch Kontrollen gibt es kaum. Unfälle allerdings auch nicht, wie die Polizei ergänzt. Andreas Rohrhofer, stellvertretender Inspektionsleiter, verweist auf eine Erhebung für den Fünf-Jahres-Zeitraum von 1. Januar 2012 bis 31. Dezember 2016 erstellt. Ergebnis: „Es gab in der Marktstraße nur einen einzigen Unfall mit Personenschaden, an dem ein Fahrradfahrer beteiligt war. Und da ist ein Radfahrer alleinbeteiligt zu Sturz gekommen, weil er einen Fahrradständer übersehen hat.“ Auch danach, also seit 1. Januar 2017, sei bei der Tölzer Polizei kein einziger Radlunfall in der Fußgängerzone erfasst.

Bußgeld für Radfahren in der Fußgängerzone beträgt 10 Euro

Das erklärt auch, warum diesbezügliche Kontrollen „in der Priorität weiter unten“ seien als manch andere Aufgabe, so Rohrhofer. Speziell im Sommer „haben wir so viele Baustellen zu bedienen“, sagt er. „Einige Aufgaben können wir fast nur bedienen, wenn wir Personal von außerhalb zugeteilt bekommen.“ So wie vor ein paar Tagen eine größere Kontrolle am Isarufer, als eine zusätzliche Streife zur Verfügung stand.

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Gerade vergangene Woche aber habe sich ein mit Dienstfahrrad ausgestatteter Kollege in die Fußgängerzone gestellt, eine Reihe von Radfahrern zum Absteigen aufgefordert oder ein Bußgeld erhoben. 10 Euro werden laut Bußgeldkatalog fürs Radfahren in der Fußgängerzone fällig. „Solche Aktionen sind nicht mehr als Nadelstiche“, räumt Rohrhofer ein. Sobald der Polizist weg sei, werde vermutlich wieder geradelt wie vorher.

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Wenn Kontrollen Wirkung zeigen sollen, „dann geht das nur mit umfangreicher Präsenz, also mit großem zeitlichen und personellen Aufwand“, sagt auch der Tölzer Rathaus-Geschäftsführer Falko Wiesenhütter. Genau mit dieser Begründung hatte vor etwa zwei Jahren auch der „Zweckverband Kommunales Dienstleistungszentrum“ eine Anfrage der Stadt abgelehnt, ob er in der Marktstraße kontrollieren wolle. Aufwand und Nutzen, so hieß es, hätten in keinem Verhältnis gestanden. Außerdem übernimmt der Zweckverband solche Aufgaben nur dort, wo er auch den ruhenden Verkehr überwacht – was die Stadt Bad Tölz allerdings selbst erledigt. Die städtische Verkehrsüberwachung oder der „kommunale Ordnungsservice“ der Stadt wiederum dürfen die Radler nicht kontrollieren, weil sie zur Überwachung des „fließenden Verkehrs“ nicht befugt sind.

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Von Wittgenstein-Krause hat kein Verständnis, warum die Radler in der Marktstraße „Narrenfreiheit“ genießen, wie er sagt. „Wie kann man sich in einer Fußgängerzone noch wohlfühlen, wenn man dauernd schauen muss, ob ein Radfahrer angerast kommt oder sogar von einem weggeklingelt wird?“, fragt er. Eine seiner Kundinnen sei einmal beinahe angefahren worden. Seinen Hund erfasste ein Radfahrer tatsächlich. Einen bösen Spruch erntete von Wittengenstein-Krause vom Radl-Rowdy obendrein – obwohl er das Tier an der Leine führte.

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