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Gipfeltreffen zum Thema Missbrauch mit Papst Franziskus.

Interview

Gaißacher Pfarrer zur Missbrauchs-Konferenz: „Die ganze Kirche leidet darunter“

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Die Anti-Missbrauchskonferenz im Vatikan sorgt für Diskussionen - und weckt im Raum Bad Tölz auch ungute Erinnerungen an den Fall des Pfarrers H. Dazu ein Gespräch mit dem damaligen Dekan Ludwig Scheiel, dem Pfarrer von Gaißach.  

Gaißach/Bad Tölz– Es war das erste internationale Gipfeltreffen zum Thema Missbrauch in der katholischen Kirche: Papst Franziskus lud Bischöfe, Experten und Opfer zu einer Konferenz in den Vatikan ein. Von einem der vielen Skandale der vergangenen Jahre betroffen war auch Bad Tölz: 2010 kam heraus, dass der hier als Kur- und Tourismuspfarrer eingesetzte Pfarrer H. 1986 wegen des Missbrauchs von Jugendlichen vorbestraft worden war. Vor Ort wusste niemand davon. Erst nachdem es öffentlich wurde, wurde H. suspendiert. Er zog bald darauf aus Bad Tölz weg an einen unbekannten Ort. Im Gespräch mit dem Tölzer Kurier berichtet der damalige Dekan Ludwig Scheiel, Pfarrer von Gaißach, inwieweit die Debatte darüber jetzt wieder hochkommt und wie er die Konferenz im Vatikan bewertet.

Herr Pfarrer Scheiel, ist die Debatte um Missbrauch in der Kirche auch hier vor Ort zu spüren?

Das kommt über die Presse natürlich auch hier an. Dass es sich bei den Missbrauchsfällen in der Kirche um eine Schande und einen Skandal handelt, darüber braucht man ja gar nicht zu diskutieren. Was ich hier im Pfarrverband erlebe, ist, dass einige Menschen unterscheiden, dass es auf der einen Seite ganz schlimm ist, was passiert, und die Gesamtkirche es in den Griff bekommen muss, aber auf der anderen Seite die Arbeit der Kirchenvertreter vor Ort doch gut ist. Manche Menschen unterscheiden aber nicht, und es kommen Reaktionen von unkontrollierter Heftigkeit bei mir an. Da fühle ich mich als Pfarrer auf gewisse Art als Mitopfer des Missbrauchsskandals. Es ist für mich unverständlich, dass ein Kardinal solche Dinge tut und trotzdem im bischöflichen Dienst bleibt (Scheiel spielt auf den wegen sexuellen Missbrauchs verurteilten australischen Kurienkardinal George Pell an, Anm. d. Red.). Wer diese Neigung in sich spürt, sollte sich und andere schützen, dagegen angehen und die Größe haben, seine Arbeit ruhen zu lassen. Wenn nicht, leidet die ganze Kirche darunter.

Ludwig ScheielPfarrer von Gaißach

Taucht in den jetzigen Debatten auch der Name des Pfarrers H. auf?

Mir persönlich gegenüber hat sich dazu noch niemand geäußert, aber ich weiß, dass dieser Name immer wieder fällt. Es kommt häufig die Frage: Wo ist er jetzt? Es ist auch verständlich, dass an den Orten, die direkt mit so einem Skandal zu tun hatten, die Betroffenheit besonders groß ist. Aber auch hier muss ich sagen: Ihr könnt das nicht dem damaligen Stadtpfarrer oder mir ankreiden.

Ist dieser Fall aus Ihrer Sicht abschließend und befriedigend aufgearbeitet?

Die Diözese hat damals zwar spät, aber dann doch reagiert und Konsequenzen gezogen. Und Pfarrer H. hat das so angenommen. Deswegen sehe ich jetzt keinen Grund mehr, darüber nachzugrübeln, wo er wohl heute ist. Ich wünsche ihm, dass er sein Leben im Griff hat und trotz seiner früheren Verfehlungen ein gutes Leben führen kann.

Wie bewerten Sie die Anti-Missbrauchskonferenz im Vatikan? Kritiker hätten sich konkretere Ergebnisse gewünscht.

Ich verstehe, dass vor allem die Betroffenen konkrete Maßnahmen hören wollen. Ich denke aber, die angestoßenen Prozesse der Veränderung sind der richtige Weg. Die Erzdiözese München-Freising war da auch bisher schon relativ weit. Die anderen sind nun klar aufgefordert, in dieser Hinsicht vorwärts zu gehen. Wenn in einer Diözese etwas vorfällt und der Bischof nicht reagiert, weiß er jetzt, dass er Ärger aus Rom bekommt. Ich finde, das Ergebnis der Konferenz ist das Optimalste, was möglich war. Man muss daran denken, welchen Gegenwind der Papst aus der Kurie bekommt. Radikalere Schritte hätten vielleicht mehr zerstört, als Gutes auf den Weg gebracht worden wäre.

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Wird sich auch in den Pfarrgemeinden hier vor Ort etwas verändern?

In unserer Diözese gilt schon seit fünf Jahren, dass alle Mitarbeiter ein Führungszeugnis brauchen, das alle fünf Jahre erneuert werden muss. Das Führungszeugnis müssen sogar Kommunionmütter vorlegen, selbst wenn sie nur achtmal mit den Kommunionkindern zusammentreffen. Die Mitarbeiter müssen alle zwei Jahre eine Präventionsschulung übers Internet durchlaufen. Wir sind in den Gemeinden aufgefordert, das weiterhin sehr ernst zu nehmen, und wissen, dass in dieser Hinsicht sehr genau hingeschaut wird, wenn eine Revision kommt.

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Wird dieses Vorgehen an der Basis akzeptiert?

Die ersten Jahre gab es sicher noch Nachfragen, ob das wirklich sein muss. Aber mittlerweile verstehen die Allermeisten, dass so eine Absicherung nötig und gang und gäbe ist. Die Sportvereine gehen heute ja ähnlich vor.

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