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„Die Klinik schreibt seit mehreren Jahren Verluste in Millionenhöhe“: Asklepios-Regionalgeschäftsführer Dr. Joachim Ramming betont, dass der Konzern deshalb nicht bereit sei, das Defizit einer möglichen Geburtshilfe-Hauptabteilung allein zu tragen.

Asklepios-Regionalgeschäftsführer im Interview

Geburtshilfe braucht 1,8 Millionen Euro im Jahr vom Landkreis 

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Die Geburtshilfe in Bad Tölz schließt Ende des Monats – vorerst, wie es von Seiten der Klinikgeschäftsführung heißt. Eine Wiedereröffnung ist demzufolge immer noch angestrebt und denkbar: in Form einer Hauptabteilung in Kooperation mit einem anderen Krankenhaus. Der Landkreis zieht in Erwägung, diese Hauptabteilung mit einem Sicherstellungszuschuss finanziell zu stützen. Im Interview mit Kurier-Redakteur Andreas Steppan nennt Asklepios-Regionalgeschäftsführer Dr. Joachim Ramming erstmals öffentlich die Summe, die dafür jedes Jahr nötig wäre.

Herr Ramming, Ende des Monats schließt die Geburtshilfe an der Asklepios-Stadtklinik. Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass sie jemals wieder öffnet?

Wie schon in den vergangenen zwei Jahren versuchen wir alles in unserer Macht Stehende, um die Aufrechterhaltung der Geburtshilfe zu sichern. Wir haben die Flinte nicht ins Korn geworfen. Wir hoffen nach wie vor, dass es zu einer Lösung im Rahmen einer Hauptabteilung kommt.

Ist diese Hauptabteilung ausschließlich unter der Voraussetzung denkbar, dass der Landkreis finanziell etwas zuschießt?

Für uns ist es sehr schwer, es alleine zu stemmen, da die zusätzlichen Kosten sehr hoch wären. Im jetzigen Modell, bei dem die Belegärzte und Beleghebammen direkt mit den Krankenkassen abrechnen, entsteht uns durch das Vorhalten etwa von Station, Kreißsaal und Kinderkrankenschwestern ein jährliches Defizit von 400 000 Euro. Diese Summe wären wir weiter bereit zu tragen. Doch es ist so, dass unsere Klinik seit mehreren Jahren in deutlicher Millionenhöhe Verluste schreibt, so dass es uns nicht möglich ist, darüber hinaus die massiv steigenden Kosten einer Hauptabteilung zu tragen. Wir rechnen mit einer Finanzierungslücke von zusätzlichen 1,8 Millionen Euro pro Jahr – also insgesamt eine Kostenunterdeckung von 2,2 Millionen Euro. Wie gesagt, ein Defizit von 400 000 Euro würden wir weiterhin übernehmen, zu mehr sind wir nicht in der Lage, weil wir ansonsten auch die anderen Abteilungen in Gefahr bringen und somit die Zukunftssicherung für die gesamte Klinik in Frage gestellt würden.

Wie kommt es zu so einem großen Defizit der möglichen Geburtshilfe-Hauptabteilung?

Insbesondere dadurch, dass die Fallpauschalen, die die Krankenkassen zahlen, bei einer so geringen Geburtenzahl nicht ausreichen, um die Kosten zu decken. Für die Kosten gibt es zwei wesentliche Faktoren. Das eigene angestellte ärztliche Personal in einer Hauptabteilung – der Mindeststandard sind ein Chefarzt, zwei bis drei Fachärzte und fünf bis sechs Assistenzärzte – verursacht allein Kosten von 1,5 Millionen Euro pro Jahr. Dazu kommt die Geburtshilfe-Haftpflichtversicherung.

Zur aktuellen Schließung: Der bisherige Belegarzt Dr. Stephan Krone sagt, Asklepios habe ihm kein weiteres Angebot zur Fortsetzung der Zusammenarbeit unterbreitet. Stimmt das?

Das stimmt so nicht. Ganz klar: Wir haben ihm ein Angebot unterbreitet, seinen belegärztlichen Vertrag über den 31. März hinaus zu verlängern für eine Übergangsphase, bis klar ist, wie es mit einer möglichen Hauptabteilung weitergeht. Deswegen bin ich jetzt sehr überrascht und verwundert über seine Aussage.

-Wenn es nicht stimmt: Wie sollte er dann zu seiner Behauptung kommen?

Das wären Spekulationen. Ich kann nur sagen: Jeder der Beteiligten steht unter großem Druck. Keiner will den Schwarzen Peter haben, dass er als Verursacher der Schließung wahrgenommen wird. Das kann ich persönlich nachvollziehen. Auch, dass er aufgrund der hohen Arbeitsbelastung seinen Vertrag mit uns nicht verlängern wollte. Was Herr Krone wahrscheinlich meinte: Er hätte von uns gerne einen Vertrag gehabt, der eine Zusammenarbeit in einer möglichen Hauptabteilung regelt. Das konnten wir aber nicht anbieten, weil wir die genaue Konstellation noch gar nicht kennen – beispielsweise wäre der Vertrag ja möglicherweise mit einer anderen Klinik zu schließen. Gleichwohl haben wir sowohl ihm als auch Frau Dr. Florina Rummel versichert, dass wir in einer Hauptabteilung unbedingt weiterhin mit ihnen zusammenarbeiten wollen. Dort könnten wir auch niedergelassene Ärzte für eine gewisse Stundenzahl in Teilzeit anstellen. Mit den Kinderärzten stehen wir diesbezüglich ebenfalls in ständigem Gespräch und Austausch.

Aber bis auf Weiteres hätten Sie gerne mit Dr. Krone als Belegarzt weiter zusammengearbeitet?

Solange die Diskussion im Kreistag andauert, haben wir es ihm auf jeden Fall angeboten.

Dr. Krone hat die Vermutung in den Raum gestellt, Asklepios habe gar kein Interesse am Erhalt der Geburtshilfe.

Auslöser der jetzigen Situation war vor zwei Jahren der tragische Tod eines unserer Belegärzte. Seitdem kämpft Asklepios dafür, eine solide und qualitätsvolle Geburtshilfe vor Ort anzubieten. Es gibt von Asklepios keine Vorgaben, die in die Richtung gehen, wie sie Dr. Krone angedeutet hat.

Es ist also nicht so, dass Asklepios sich von defizitären Bereichen trennt und sich auf hoch bezahlte Spezialgebiete konzentriert?

Wissen Sie, es ist in der heutigen Zeit natürlich leicht, mit solchen relativ einfachen Theorien zu verführen. Es hört sich gut an. Aber ich kann dem nur in aller Deutlichkeit widersprechen.

Ende des Monats ist Schluss. Dann herrschen zunächst vollendete Tatsachen. Erschwert das den Neustart mit einer Hauptabteilung? Was einmal weg ist, kommt so schnell nicht wieder.

Wir setzen alles daran, dass wir eine zügige Lösung für die Wiederaufnahme der Geburtshilfe bekommen. Wir werden die räumliche Infrastruktur weiter zur Verfügung halten. Wir werden versuchen, unsere Kinderkrankenschwestern zu halten und ihnen zwischenzeitlich eine andere Tätigkeit anbieten, und wir haben den Hebammen eine Überbrückungsfinanzierung für den Vergütungsausfall zugesagt, in der Hoffnung, dass uns bei einem Neuanfang alle Berufsgruppen weiterhin zur Verfügung stehen.

Aber ewig geht das nicht.

Ich glaube, diese Entscheidung wird uns abgenommen. Wir werden die Kinderkrankenschwestern nur solange motivieren können, bei uns zu bleiben, wie eine klare Chance auf die Fortsetzung der Geburtshilfe besteht.

Das heißt: Wann müsste der Kreistag aus Ihrer Sicht spätestens eine Entscheidung treffen?

Auf einen eindeutigen Zeitpunkt möchte ich mich da nicht fixieren, aber ich würde sagen, so schnell wie möglich.

Mit einer Entscheidung bis zur Kreistags-Sitzung am 24. März fühlen sich einige Kreisräte aber überfordert. Sie sagen, sie bräuchten mehr Informationen.

Wir haben Anfang Februar alle Informationen und ein komplettes Konzept inklusive der Kosten und Angebote der Nachbarkliniken beim Landrat abgegeben. Ich verstehe, dass das eine bedeutende Entscheidung ist. Aber ein Signal, in welche Richtung es geht, brauchen wir so schnell wie möglich. Eben weil die Gefahr steigt, dass uns am Ende das Fachpersonal fehlt, je länger die Unterbrechung dauert.

Lange hat man gesagt, man müsse Kliniken privatisieren. Jetzt soll doch wieder die öffentliche Hand für einen defizitären Bereich einspringen. Wie lässt es sich rechtfertigen, dass die Allgemeinheit bezahlen soll, was ein Konzern nicht leisten kann oder möchte?

Es ist nicht so, dass Asklepios am Standort Tölz Geld verdient hätte. Im Gegenteil: Wir tragen seit Jahren ein Defizit in deutlicher Millionenhöhe, um der Verpflichtung der Aufrechterhaltung der Versorgung nachzukommen. Die Investitionen des Asklepios-Konzerns in den Standort Tölz in den vergangenen 16 Jahren übersteigen bei Weitem die Überschüsse. Wenn innerhalb des deutschen Gesundheitssystem die bezahlten Fallpauschalen nicht ausreichen, um bei rund 500 Geburten im Jahr die Vorhaltekosten auszugleichen, dann ist der Vorwurf nicht an Asklepios zu richten, sondern dann muss man die Strukturen im Gesundheitswesen hinterfragen. Außerdem hat Asklepios keine Forderung an den Landkreis gestellt, sondern der Sicherstellungszuschuss war ein Angebot des Landrats.

Weil es politischer Wille ist, die Geburtshilfe in Bad Tölz zu erhalten. Aber neutral betrachtet: Braucht eine Stadt wie Bad Tölz eine Geburtshilfe? Oder sind die Mütter auch dann noch gut versorgt, wenn sie nach Garmisch oder Agatharied fahren müssen?

In dieser Fragestellung steckt genau das Spannungsfeld zwischen wohnortnaher Versorgung und der Anforderung der Bevölkerung an eine maximale Behandlungsqualität – und den Kosten, die daraus entstehen. Allein das Faktum, dass wir seit zwei Jahren nach Kräften kämpfen, die Geburtshilfe in Bad Tölz zu erhalten, zeigt, dass wir sie für sehr sinnvoll erachten. Aber: Je höher die Richtlinien bei der Qualität nach oben getrieben werden, desto schwieriger wird es an einem kleinen Standort, diese zu erfüllen. Das ist explizit keine Kritik an unseren Belegärzten und Hebammen. Aber man kann an einem kleinen Standort nicht dasselbe vorhalten wie in einem Perinatalzentrum höchster Stufe.

Kommen für Kooperationen nur Garmisch und Agatharied in Frage – oder auch die Kreisklinik Wolfratshausen, um deren längerfristigen Erhalt man ja ebenfalls bangen muss?

Selbstverständlich stand Wolfratshausen von Anfang an im Fokus. Wolfratshausen hat als belegärztlich geführte Abteilung aber mit ähnlichen Personalsorgen zu kämpfen wie wir. Die Belegärzte sind jeweils rund um die Klinik angesiedelt. Die hiesigen Belegärzte würden für eine Geburt nicht nach Wolfratshausen fahren und umgekehrt. Ein gemeinsames Belegsystem aufzubauen, wäre sehr schwierig. Garmisch und Agatharied tun sich als etablierte Perinatalzentren leichter, Ärzten ein attraktives Arbeitsumfeld zu bieten und sie dann im Rahmen einer Rotation phasenweise bei uns einzusetzen. Trotzdem bleibt in jedem Fall die größte Herausforderung, zusätzliche Ärzte zu finden.

Einige argumentieren, der Landkreis sollte, statt einem Konzern zu helfen, das Geld lieber in die eigene Kreisklinik in Wolfratshausen stecken, damit die dortige Geburtshilfe erhalten bleibt.

Wenn man sich im Landkreis anschaut, wo die größeren strukturellen Probleme entstünden, wenn die Geburtshilfe schließt – also wo die werdenden Mütter zur geburtshilflichen Versorgung weiter fahren müssten, ist es unstrittig, dass das in Bad Tölz der Fall wäre – insbesondere für die Bevölkerung im Süden von Bad Tölz – in Gaißach, Lenggries und südlicher – die jetzt schon 15 bis 30 Minuten bis zur Klinik fahren müssen. Von Wolfratshausen dagegen ist man in zehn Minuten in Starnberg, und nur etwas weiter ist es bis in die Kliniken in Neuperlach oder Harlaching. Ich bitte, das nicht falsch zu verstehen. Aber es ist mir ein persönliches Anliegen, die Notfallversorgung in unserem ländlichen Raum sicherzustellen. Und da ist Bad Tölz deutlich mehr im Brennpunkt als Wolfratshausen.

Die Schließung der Geburtshilfe fällt gerade mit der Schließung der Fachklinik Lenggries und mit Beschwerden über den baulichen Zustand des Personalwohnheims in Bad Tölz zusammen. Hat Asklepios im Landkreis gerade ein Image-Problem?

Die Schließung einer Geburtshilfe wird natürlich nie zum positiven Image eines Krankenhauses beitragen. Wir sehen das selbst als unglückliche zeitliche Verbindung. Aber wir konnten es aufgrund der Dringlichkeit in der geburtshilflichen Thematik nicht anders gestalten. Zum Wohnheim kann ich sagen, dass seit Längerem eine Lösung im Gespräch ist.

Wie wird die konkret aussehen?

Das kann ich heute noch nicht abschließend sagen. Aber es wird zeitnah eine Entscheidung geben, entweder eine Modernisierung oder einen Neubau.

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