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Die Zahl der Neugoberenen ist an der Wolfratshauser Kreisklinik seit Schließung der Tölzer Geburtshilfe gestiegen. 

Ein Jahr nach der Schließung

Geburtshilfe: Babyboom in Wolfratshausen nach Aus für Tölz

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Als Ende März 2017 im Kreißsaal der Asklepios-Stadtklinik die Lichter ausgingen, war es für viele werdende Eltern ein Schock. Ein Jahr nach der Schließung der Tölzer Geburtshilfe ist der Frust noch nicht ganz verflogen. Ein begrenzter Trost: Die Kreisklinik Wolfratshausen kann den Verlust in gewisser Hinsicht abfangen.

Bad Tölz/WolfratshausenMartina Winkler hat ihren inneren Frieden gemacht. 14 Jahre lang war die Geretsriederin als Beleghebamme an der Tölzer Asklepios-Klinik im Einsatz – bis dieser Arbeitsplatz für sie wegbrach. Vor einem Jahr schloss die Geburtshilfe. Noch heute sagt Martina Winkler: „Wenn man gewollt hätte, hätte man sie weiterführen können.“ Dass eine Geburtshilfe nicht mehr zur „Grundversorgung“ vor Ort gehören sollte, „das hat uns alle vor einem Jahr entsetzt und entsetzt mich jetzt noch genauso“.

Inzwischen arbeitet Martina Winkler in der Kreisklinik. Was sie mit der Lage etwas versöhnt hat: „dass sowohl die Mütter als auch wir Hebammen in Wolfratshausen so gut aufgefangen worden sind“, sagt sie. Tatsächlich haben sich viele Familien zur Kreisklinik umorientiert. Deren Geschäftsführer Hubertus Hollmann spricht von einer Verdoppelung der Geburtenzahlen. 53 Kinder kamen hier im Januar 2018 zur Welt, 34 im Februar, 42 im März. „Frühen hatten wir monatlich im Schnitt 20 bis 25 Geburten“, sagt Hollmann. Martina Winkler geht überschlagsmäßig sogar von einer Verdreifachung aus. „Bis Ende des Jahres kommen wir sicher auf 500 bis 600 Geburten.“

Individuelle Betreuung: „So etwas finden Sie in München einfach nicht“

Das liege aber nicht allein an der Schließung der Tölzer Geburtshilfe. Auch etliche Familien aus dem Raum südlich von München wählen der Hebamme zufolge bewusst das Wolfratshauser Krankenhaus. „Sie suchen eine sehr individuelle Betreuung. So etwas finden Sie in München einfach nicht. Dort sind alle Kliniken zu groß und zu unpersönlich.“ In dieser Beziehung ähnele die Geburtshilfe in Wolfratshausen der früheren in Bad Tölz. „Beide sind nicht so riesig und sehr hebammenorientiert“, sagt Martina Winkler. Deshalb werde das Angebot von jungen Familien aus dem südlichen Landkreis gut angenommen.

An einem Nachteil ändere das aber nichts: Für Familien aus dem Isarwinkel ist der Weg nach Wolfratshausen nun einmal weiter als nach Bad Tölz. Bei einer wohnortnahen Geburt sei es zum Beispiel einfacher, den jungen Papa einfach mal abends nach Hause zu schicken. Oder die jungen Familien könnten schneller mit kleinen Problemen oder Fragen in die Klinik kommen. „Dafür von Lenggries nach Wolfratshausen zu fahren, das macht man dann nicht so leicht.“

Ganz ähnlich beschreibt der Tölzer Gynäkologe Dr. Stephan Krone die Lage. Auch er hilft mittlerweile als Belegarzt an der Wolfratshauser Klinik mit. „Ich finde dort vieles wieder, was früher Tölz ausgezeichnet hat: die überschaubare Größe, das sehr persönliche Engagement der Hebammen, wenig Hektik“, sagt er. Und wenn die geplante Anbindung an das Starnberger Krankenhaus – voraussichtlich ab 1. Juli – erst einmal umgesetzt sei, dann gebe es eine zusätzliche Verbesserung: mehr Sicherheit im Notfall durch die ständige Präsenz eines Kinderarztes.

Geburtshilfe in Tölz? In absehbarer Zeit unrealistisch

Insofern hält der Tölzer Gynäkologe Sicherung und Ausbau der Wolfratshauser Geburtshilfe jetzt für die beste realistische Strategie – wenn auch auch aus Tölzer und Isarwinkler Sicht nur für den „Spatz in der Hand“. Bei vielen werdenden Müttern aus dem südlichen Landkreis nehme er nach wie vor Ängste wahr, weil sich der Fahrtweg bis zum Kreißsaal verlängert hat – ob sie sich nun für Wolfratshausen oder auch Agatharied als Geburtsklinik entscheiden

Dass aber in Bad Tölz in absehbarer Zeit wieder eine Geburtshilfe eröffnet, das halten sowohl Dr. Krone als auch Martina Winkler für unrealistisch. „Da ist es auch nicht in Ordnung, den Menschen Hoffnungen zu machen, die nicht erfüllt werden“, sagt die Hebamme. Aus Sicht des Frauenarztes würde auch ein angedachtes Geburtshaus in Bad Tölz, dem der Kreistag sogar eine finanzielle Anschubhilfe in Aussicht gestellt hat (wir berichteten), „keine wirkliche Verbesserung“ bringen. Das Problem sei hier die Sicherheit der Frauen im Fall einer nötigen Notfallverlegung.

Er habe sich immer für den Geburtshilfe-Standort Bad Tölz stark gemacht, sagt Krone. Jetzt aber will er lieber nach vorne schauen – in diesem Fall Richtung Wolfratshausen.

Das sagt Asklepios: „Nicht am Geld gescheitert“

Mit der Schließung der Geburtshilfe hat der private Krankenhaus-Träger Asklepios viel Ärger auf sich gezogen – das wirkt teils bis heute nach, wie es immer wieder in Leserbriefen oder Facebook-Kommentaren zu spüren ist. Auf Anfrage des Tölzer Kurier scheibt Kliniksprecher Christopher Horn dazu: „Die Asklepios-Stadtklinik hat sich über drei Jahre äußerst intensiv bemüht, die belegärztliche Geburtshilfe an der Stadtklinik aufrechtzuerhalten.“ Dies sei am Ende „nicht am Geld, sondern am fehlenden Fachpersonal gescheitert“. 

Mit dieser Problematik sei die Asklepios-Stadtklinik nicht allein. Sie sei auch gänzlich unabhängig davon, ob der Krankenhausträger nun ein Privatkonzern ist, kommunal oder kirchlich. Das sei zum Beispiel in den Nachbarkliniken in Weilheim und Bad Aibling zu sehen. „Beide haben ähnliche Probleme und stehen in kommunaler Trägerschaft.“ Horn betont, Asklepios habe in den vergangenen Jahren „massiv in den Standort Bad Tölz investiert – deutlich mehr als jemals als Gewinne angefallen sind“. Der Aufbau der Akutgeriatrie, die wie berichtet kürzlich eröffnete, sei völlig unabhängig von der Situation der Geburtshilfe zu betrachten. „Das ist ein Ziel, das wir schon länger verfolgt haben.“ 

Wie hoch schätzt Asklepios die Chance ein, dass eines Tages wieder Babys im Tölzer Krankenhaus geboren werden? Dazu Horn: „Sollte der vom Kreistag geforderte Ausbau der Geburtshilfe an der Kreisklinik Wolfratshausen gelingen, haben wir dem Landrat schon mitgeteilt, dass wir unsere Räumlichkeiten der Geburtshilfe (Kreißsaal) für eine Außenstelle zur Verfügung stellen würden. Der Betrieb und die Organisation wären dann aber Sache des Betreibers der Geburtshilfeabteilung in Wolfratshausen.“

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