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Anhand einer Puppe zeigten die Fachberaterinnen, wie das Baby-Köpfchen beim Schütteln hin- und her schleudert, und schilderten die veheerenden Folgen für das Kind: (v. li.) Eva Burchard und Eva Dietl (beide von der Caritas-Erziehungsberatung „Zusammen Wachsen“) sowie Martina Grasser und Katrin Stamm von der Koordinierenden Kinderschutzstelle (KoKi) im Landratsamt.

Gefahr Schütteltrauma: Schon ein kleiner Ruckler kann schlimme Folgen haben

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Wenn der Säugling pausenlos schreit, kommen Eltern nach geraumer Zeit an ihre Grenzen. Da ist es schnell passiert, dass man das Kind schüttelt – ohne böse Absicht, einfach aus Verzweiflung. Doch schon ein kleiner Ruckler kann für das Babygehirn schlimmste Folgen haben. Darauf weisen Fachstellen im Landkreis hin und zeigen, wie sie Eltern helfen.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Wenn ein Kind auf die Welt kommt, ändert sich das Leben für die Eltern grundlegend. Und nicht selten läuft es ganz anders, als man sich das vorgestellt hatte. Wenn der Säugling anhaltend schreit, liegen bei den Eltern schnell die Nerven blank. Und schon ist es passiert: Man hält das schreiende Kind vor sich und schüttelt es ganz kurz – im Affekt sowie aus Wut und Verzweiflung über das ständige Geschrei.

„Aber dieser eine, kurze Moment reicht schon aus, um das Gehirn des Babys schwer zu schädigen“, sagte Sozialpädagogin Martina Grasser von der „Koordinierenden Kinderschutzstelle“ (KoKi) im Landkreis. Bei einem Pressegespräch im Tölzer Caritaszentrum waren am Donnerstag Fachleute versammelt, um über Schütteltraumata aufzuklären und öffentlich zu machen, wo sich Eltern in schwierigen Zeiten Rat und Hilfe holen können, damit sie in Stresssituationen nicht die Kontrolle verlieren.

Als Schütteltrauma bezeichnet man eine Hirnverletzung, die durch heftiges, gewaltsames Schütteln von Babys und Kleinkindern verursacht wird. Weil die Nackenmuskulatur des Kindes noch nicht ausgeprägt ist, schleudert das Köpfchen unkontrolliert hin und her. Weil das Hirngewebe noch sehr flüssigkeitsreich und relativ schwer ist, wirken die Zugkräfte bei der Schüttelbewegung umso heftiger und schädigen das Schädelinnere. Dabei können Venen zerreißen, es kann zu Quetschungen und Prellungen kommen, auch Ödeme können sich bilden. Diese Blutungen, Schwellungen und Wassereinlagerungen zerstören Zellgewebe irreparabel und können schlimmstenfalls zum Tod führen.

Rund zwei Drittel der Babys, bei denen ein Schütteltrauma diagnostiziert wurde, haben bleibende Schäden: Seh- und Sprachstörungen, Lern- und Entwicklungsverzögerungen, Krampfanfälle oder sogar schwerste bleibende körperliche und geistige Behinderungen. Allerdings: „Vielen Eltern ist nicht bewusst, dass schon eine kleine Schüttelbewegung diese Auswirkungen haben kann“, sagte Eva Burchard, Psychologin von der Caritas-Erziehungsberatungsstelle „Zusammen Wachsen“. Deshalb sei die Dunkelziffer betroffener Kinder relativ hoch.

Hauptauslöser für Schütteln ist permanentes Schreien des Babys. Als „Hauptschreimonate“ gelten der zweite bis fünfte Lebensmonat: „In dieser Zeit finden Anpassungs- und Reifungsprozesse statt, das Kind muss mit Hunger, Durst und Schlafen zurechtkommen – es ist ganz natürlich, dass Kinder in dieser Zeit viel schreien“, so Burchard.

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Nicht selten kommen Eltern in einen Teufelskreislauf. Fehlt dem Kind was? Braucht es einen Arzt? Macht man was falsch? Ist man eine schlechte Mutter? Was sollen bloß die Nachbarn denken? „Dass solche Fragen auftauchen, ist völlig normal“, sagte Eva Dietl, Sozialpädagogin der Caritas-Erziehungsberatungsstelle „Zusammen Wachsen“. Oft kommen dann noch folgende Situationen hinzu: Man ist alleine, die Großeltern wohnen weiter weg oder sind selbst noch berufstätig. In der Eltern-Gruppe trifft man auf strahlende Mamis und Papis, bei denen scheinbar alles reibungslos läuft. „Häufig stehen frischgebackene Eltern zu anderen Paaren in einer gewissen Rivalität“, sagte Eva Burchard. Und nicht selten seien Mütter verzweifelt, weil das erste Kind „völlig anders und total pflegeleicht war“.

Damit Eltern nicht in schlimme Stresssituationen geraten beziehungsweise im Falle des Falles wissen, wie sie damit umgehen können, wollen die Fachberaterinnen aufklären und die regionalen Hilfsangebote vorstellen. Im Bezug auf schreiende Babys gibt es jetzt einen aktualisierten Flyer, auf dem sämtliche regionale Telefonnummern und Online-Beratungsstellen aufgelistet sind. Dieser Flyer informiert zudem über die Gefahren des Schüttelns.

Wichtig zu wissen: Eltern sollten schon dann eine Beratungsstelle aufsuchen, wenn sie spüren, dass sie sich dem Punkt der Überbelastung nähern. Die Beratungsangebote, sprich persönliche Sprechstunden, sind im Landkreis innerhalb weniger Tage zu bekommen, sie kosten nichts und bleiben vertraulich. „Niemand muss Angst haben, dass jetzt das Jugendamt ein Auge auf die Familie hat“, betonte Eva Burchard. Es sei, da waren sich die Fachberaterinnen einig, immer noch viel zu wenig gesellschaftlich akzeptiert, sich professionell beraten zu lassen. Die Lösungen, die dann in zwei, drei Treffen besprochen werden, seien immer „ganz individuell auf die Lebensumstände der Familie zugeschnitten“, sagte Eva Dietl.

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Die Fachberaterinnen hatten auch einige „generelle Erste-Hilfe-Tipps“ parat: Das schreiende Kind an einen sicheren Ort legen, etwa ins Gitterbett, für zwei bis drei Minuten aus dem Raum gehen und derweil „einfach ein paar Atemzüge machen, um sich abzureagieren“, sagte Burchard. Andere Mütter würden sich mit dem schreienden Kind auf dem Arm einen Kopfhörer aufsetzen, Musik hören und sich so selbst abreagieren, während sie das Baby wiegen „und selbst eine andere Geräuschkulisse haben“.

Schütteln ist übrigens nicht nur für Säuglinge zwischen zwei und fünf Monaten so gefährlich. Im Laufe des ganzen ersten Lebensjahres kann es gravierende Auswirkungen auf die Gesundheit des Kindes haben. Die Schreiphase ist in der Regel ab dem vierten Monat vorbei – und ein Kind schreit nie, um die Eltern zu ärgern.

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