1. Startseite
  2. Lokales
  3. Bad Tölz
  4. Bad Tölz

Geflüchtete aus der Ukraine: Beruflicher Neustart bei den Verkehrsüberwachern

Erstellt:

Von: Andreas Steppan

Kommentare

Willkommen im Team: Die ukrainischen Zweckverband-Mitarbeiter (ab 2. v. li.) Oleksii Sorin, Liudmyla Zabara und Nataliia Suprun mit Geschäftsführer Michael Braun (li.) und ihrem Kollegen Idris Hasan, der beim Übersetzen hilft. F:arp Eine Bankerin, eine Buchhalterin und ein IT-Experte Kollege aus Syrien hilft beim Zurechtfinden
Willkommen im Team: Die ukrainischen Zweckverband-Mitarbeiter (ab 2. v. li.) Oleksii Sorin, Liudmyla Zabara und Nataliia Suprun mit Geschäftsführer Michael Braun (li.) und ihrem Kollegen Idris Hasan, der beim Übersetzen hilft. F:arp Eine Bankerin, eine Buchhalterin und ein IT-Experte Kollege aus Syrien hilft beim Zurechtfinden © arp

Drei Geflüchtete aus der Ukraine freuen sich über eine berufliche Chance beim Zweckverband in Bad Tölz. Sie arbeiten jetzt im Bereich der Verkehrsüberwachung mit.

Bad Tölz – Ihre größte Hoffnung ist, dass der Krieg in ihrem Land bald vorbei ist und sie in die Heimat zurückkehren können. Doch weil niemand weiß, wann das der Fall sein wird, bemühen sich viele Geflüchtete aus der Ukraine einstweilen, an ihrem Zufluchtsort Fuß zu fassen und Arbeit zu finden. Dreien von ihnen ist das in Bad Tölz nun an einem Ort gelungen, an dem man das nicht unbedingt erwarten würde: Sie arbeiten beim „Zweckverband Kommunale Dienste“ auf der Flinthöhe im Bereich der Verkehrsüberwachung mit.

„Diese Arbeit ist für mich wie ein Geschenk von Deutschland“

„Diese Arbeit ist für mich wie ein Geschenk von Deutschland“, sagt Nataliia Suprun glücklich. Bis vor wenigen Monaten war die 49-Jährige noch als stellvertretende Bankdirektorin in Nova Kachovka im südukrainischen Oblast Cherson tätig, rund 150 Kilometer von der Krim entfernt. Schon am 24. Februar, dem ersten Tag des Angriffs auf die Ukraine, um 10 Uhr hätten russische Soldaten das dortige Rathaus besetzt, berichtet die studierte Finanzexpertin. Sie packte umgehend die Koffer, fuhr zunächst ins westukrainische Lemberg, wo ihre Tochter studierte, danach weiter nach Deutschland.

Mutter und Schwester blieben in der Ukraine zurück

Heute lebt sie in Bad Tölz. Ihre 73-jährige Mutter, die nach einem Schlaganfall schlecht laufen kann und die Flucht nicht auf sich nehmen konnte, blieb zusammen mit Nataliia Supruns Schwester in der Ukraine. Sie leben jetzt unter russischer Besatzung. „Mein Hirn ist hier, mein Herz ist dort“, sagt Nataliia Supron. „Ich glaube, so geht es uns allen.“

Die Stelle beim Zweckverband gebe ihr, zumindest solange sie in der Arbeit ist, ein gutes Gefühl, fast wie sie es vor dem Krieg zu Hause gehabt habe. „Das moderne Büro, die sehr, sehr netten Kollegen, die Arbeit, die viel Konzentration und Aufmerksamkeit erfordert, und auch die Kaffeepausen“: All das trage dazu bei, meint sie.

„Alle zusammen machen wir Ordnung auf der Straße“

Die Arbeit der 49-Jährigen besteht darin, am PC Blitzerfotos so zu bearbeiten, dass die Nummernschilder zu lesen und die Gesichter der Fahrer gut zu erkennen sind. Dazu erfasst sie die jeweiligen Daten. „Alle zusammen machen wir Ordnung auf der Straße“, ist sie vom Sinn ihrer Arbeit überzeugt. Denn dort, wo ein Autofahrer beim Zu-Schnell-Fahren erwischt wurden, „spielte vielleicht gerade ein Kind mit einem Ball auf der Straße.“ Ordnung sei ihr sehr wichtig, auch zu Hause, sagt sie.

Für die Tätigkeit sind keine Sprachkenntnisse erforderlich

„Es ist eine einfache Tätigkeit, für die keine Sprachkenntnisse erforderlich sind“, beschreibt es Zweckverband-Geschäftsführer Michal Braun. Der Zweckverband habe Verstärkung benötigt – und gleichzeitig habe er den Antrieb gehabt: „Man muss helfen.“ Drei ukrainische Bewerber hätten sich vorgestellt. „Wir haben dann gesagt, wir nehmen alle drei, aber jeweils in Teilzeit.“

Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s jetzt auch in unserem regelmäßigen Bad-Tölz-Newsletter.

So hat Nataliia Suprun jetzt noch zwei Landsleute als Kollegen. Liudmyla Zabara (41) hat einen Hochschulabschluss in Wirtschaft und arbeitete als Buchhalterin in Charkiw. Sie flüchtete im März und lebt nun in Holzkirchen, wo sie zunächst einen Job als Zimmermädchen in einem Hotel annahm.

2014 aus Donezk geflohen, nun noch einmal aus Dnipro nach Deutschland

IT-Ingenieur Oleksii Sorin (41) ist bereits zweimal vor dem Krieg geflohen: Einmal 2014 aus dem ostukrainischen Donezk, nun noch einmal aus Dnipro bis nach Deutschland. Männer im wehrfähigen Alter dürfen das Land nicht verlassen, doch für Sorin als Diabetiker galt eine Ausnahme. Mit seiner Frau und seiner Tochter, deren Freund sowie einem Neffen (10) und einer Nichte (6) kam er in Wackersberg unter. Seine Tochter arbeitet mittlerweile als Bedienung beim „Altwirt“, seine Frau hilft dort in der Küche. Die Familie sucht aktuell eine eigene Wohnung. Derzeit leben alle drei ukrainischen Zweckverband-Mitarbeiter bei Gastfamilien – und sind zutiefst dankbar für die große Hilfsbereitschaft.

Geflüchteter aus Syrien hilft beim beruflichen Neuanfang

Während Nataliia Suprun gut Deutsch spricht, müssen Liudmyla Zabara und Oleksii Sorin die Sprache erst noch lernen. Bei der Verständigung, beim Einarbeiten und Zurechtfinden hilft ihnen Idris Hasan. Der 50-Jährige floh 2014 mit seiner Familie aus Syrien und bekam 2016 selbst die Chance auf einen beruflichen Neuanfang beim Zweckverband. Einst hatte er Pharmazie in Moskau studiert, spricht daher fließend Russisch und kann übersetzen. „Ich verstehe, dass es für sie nicht einfach ist“, sagt er über seine neuen Kollegen. Denn in mancher Hinsicht hat er Vergleichbares erlebt.

Insgesamt hat der Zweckverband 150 Mitarbeiter. Allein heuer wurden laut Braun 35 Personen eingestellt.

Noch mehr aktuelle Nachrichten aus der Region rund um Bad Tölz finden Sie auf bei Merkur.de/Bad Tölz.

Auch interessant

Kommentare