Papst Franziskus sprach sich vor Kurzem für eine zivile juristische Absicherung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften aus und sorgte damit für einiges Aufsehen.
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Papst Franziskus sprach sich vor Kurzem für eine zivile juristische Absicherung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften aus und sorgte damit für einiges Aufsehen.

Kirche

Geistliche aus dem Tölzer Land nehmen Stellung zu Papst Franziskus‘ jüngster Aussage zu Homosexualität

  • Andreas Steppan
    vonAndreas Steppan
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„Homosexuelle haben das Recht, in einer Familie zu leben“: Mit diesen Worten sorgte Papst Franziskus jüngst für Aufsehen. Sowohl der Tölzer Dekan als auch der Stadtpfarrer können diese für katholische Verhältnisse bahnbrechende Position unterschreiben. Alt-Katholik Peter Priller hingegen sagt: „Wir sind in unserer Kirche schon weiter.“

Bad Tölz-Wolfratshausen – Sünde, gegen die Natur, unmoralisch: Das waren und sind traditionell Begriffe, mit denen die katholische Kirche Homosexualität belegte. Umso mehr Aufsehen erregte vor Kurzem eine Äußerung von Papst Franziskus. In einem neuen Dokumentarfilm erklärt er, Homosexuelle hätten das Recht, in einer Familie zu leben, und sprach sich für eine zivile juristische Absicherung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften aus – worunter er jedoch ausdrücklich nicht die „Ehe für alle“ versteht.

Wie kommt diese Papst-Äußerung bei Geistlichen vor Ort an? Franziskus’ Worte entsprächen ganz seiner eigenen Linie, sagt der Tölzer Stadtpfarrer Peter Demmelmair. „Es ist ein wertvoller Beitrag, mit dem sich der Papst von der bisherigen Linie absetzt, und der viele Menschen aufatmen lässt.“ Demmelmair unterschreibt Franziskus’ Feststellung, dass jeder Mensch sich nach einem Leben in einer Familie sehne. Indem er dies anerkenne, habe sich der Pontifex als „guter Hirte, barmherziger Vater und weitsichtiger Seelsorger“ erwiesen.

Familie: Ja, Ehe für alle: Nein

Davon getrennt sei die „Ehe für alle“ zu betrachten, findet Demmelmair. „Nach meinem Verständnis gibt es eine Ehe nur zwischen Mann und Frau. Das soll aber keine Entwertung oder Verächtlichmachung von Lebensgemeinschaften zwischen Mann und Mann oder Frau und Frau sein.“

Etwas zurückhaltender als „vertretbar“ bezeichnet Dekan Thomas Neuberger die Position, „dass die kirchliche Ehe weiterhin unter bestimmten Vorzeichen steht“. Umso mehr würde er sich aber wünschen, „dass unsere Kirche zunehmend Formen findet, Menschen in unterschiedlichen Konstellationen von Umfeld, Beziehung, Kirchennähe oder Kultur zu begleiten“, sagt der Geistliche, der die Pfarrverbände Dietramszell und Gaißach-Reichersbeuern betreut.

Für Neuberger eine „Selbstverständlichkeit“

Der staatliche Schutz für gleichgeschlechtliche Partnerschaften, den Franziskus nun erstmals öffentlich befürwortete, sollte aus Neubergers Sicht hingegen „eine Selbstverständlichkeit“ sein. „Unsere Grundrechte garantieren jedem Menschen Schutz und Freiheit – unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder Orientierung“, stellt der Pfarrer fest. „Diese Offenheit, die das Recht beinhaltet, ist nur noch nicht bei jedem angekommen.“

Die aktuelle Aussage des Papstes habe ihn nicht überrascht, erklärt er weiter. „Franziskus hat immer wieder gezeigt, dass er Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit wahr- und ernst nimmt.“

Priller: „In meiner Kirche sind wir da schon weiter.“

Homosexualität und Kirche: Im Leben des Tölzers Peter Priller ist das ein wichtiges Thema: Denn als katholischer Kaplan bekannte er sich einst öffentlich dazu, dass er einen Mann liebte. Es folgten Suspendierung und Exkommunikation. Heute ist Priller ehrenamtlicher Seelsorger der alt-katholischen Filialgemeinde Bad Tölz und sagt zur Franziskus-Äußerung: „In meiner Kirche sind wir da schon weiter.“

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Bei den Alt-Katholiken gebe es ungefähr seit Einführung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften in Deutschland – also seit knapp 20 Jahren – Segnungen für homosexuelle Paare, seit Langem nach einem einheitlichen Ritual. Aktuell laufe auf Ebene der alt-katholischen Bischöfe eine Konsultation, ob Unterschiede bei Trauungsritualen hetero- und homosexueller Paare abgeschafft werden sollten. Das käme dann theologisch einer faktischen Anerkennung der „Ehe für alle“ gleich. Zumindest in Deutschland wird das nach Prillers Einschätzung auch so kommen. Er selbst mache in der Praxis ohnehin keinen Unterschied.

Papst Franziskus stoße mit seiner jüngsten Äußerung möglicherweise auch in der römisch-katholischen Kirche eine Tür auf, meint Priller. „Aber wie wirksam das ist und welche Folgen es hat, ist schwer abschätzbar.“ Der Tölzer rechnet damit, dass die Reaktionen die tiefe Spaltung der Kirche deutlich machen – „zwischen Hardlinern, die keine Interpretation der Bibel zulassen, und einer aufgeklärten Position, die die Texte und Bilder vor dem Hintergrund ihrer Zeit und ihres gesellschaftlichen und geschichtlichen Hintergrunds sehen.“

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