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Warum beim Volkstrauertag in Bad Tölz die amerikanische Nationalhymne erklingt

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Von: Andreas Steppan

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Im Zeichen der deutsch-amerikanischen Freundschaft stand der Volkstrauertag in Bad Tölz. Bei der Gedenkfeier am Kriegerdenkmal sprach neben (ab 2. v. li.) Florian Völler vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und Bürgermeister Ingo Mehner auch der US-Generalkonsul Timothy Liston.
Im Zeichen der deutsch-amerikanischen Freundschaft stand der Volkstrauertag in Bad Tölz. Bei der Gedenkfeier am Kriegerdenkmal sprach neben (ab 2. v. li.) Florian Völler vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und Bürgermeister Ingo Mehner auch der US-Generalkonsul Timothy Liston. © Matthäus Krinner

Aktuelle Bezüge zur Corona-Krise und ein besonderer Ehrengast: Die Gedenkfeiern zum Volkstrauertag waren im Landkreis mehr als ein hohles Ritual.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft wurde am Sonntag wieder in vielen Orten im Landkreis mit Kranzniederlegungen, Reden und Musik gedacht. Dafür, dass diese Tradition am Volkstrauertag nicht zum leeren Ritual verkommt, sorgten dabei immer wieder aktuelle Bezüge in den Ansprachen – sei es zur Corona-Krise, gesellschaftlichen Entwicklungen, Auslandseinsätzen der Bundeswehr oder heutigen Fluchtbewegungen.

US-Generalkonsul Timothy Liston zu Gast beim Volkstrauertag in Bad Tölz

In Bad Tölz nahm heuer die Betonung der transatlantischen Freundschaft eine besondere Stellung ein. Aus Anlass des 30. Jahrestags des Abzugs der amerikanischen Truppen aus der Kreisstadt war US-Generalkonsul Timothy Liston zu Gast.

„Es ist nicht selbstverständlich, dass an einem deutschen Kriegerdenkmal eine amerikanische Fahne weht und die amerikanische Hymne gespielt wird“, sagte Bürgermeister Ingo Mehner bei der Feierstunde an der Franziskanerkirche. In den beiden Weltkriegen hätten sich deutsche und amerikanische Soldaten noch als Feinde gegenübergestanden. 1945 seien US-Soldaten dann als Besatzer ins Land gekommen. In Bad Tölz aber habe sich dann der Spruch verwirklicht, der heute an einem Denkmal im ehemaligen Kasernenkarree steht: „Aus Gegnern werden Freunde.“

Bürgermeister: Viele Tölzer bedauern noch immer, dass Amerikaner 1991 aus Bad Tölz abzogen

Das habe er selbst privat erlebt, als er in seiner Jugend am Lettenholz Tür an Tür mit amerikanischen Soldaten gelebt habe, so Mehner. Die grenzübergreifende Gemeinschaft habe er aber auch erfahren, als er selbst in seiner Bundeswehrzeit in Bosnien-Herzegowina stationiert gewesen sei und dort auch mit amerikanischen und französischen Soldaten zusammenarbeitete.

In Bad Tölz bedauern es nach den Worten des Bürgermeisters bis heute viele Menschen, dass die Amerikaner 1991 abgezogen sind. An den Generalkonsul gewandt, betonte Mehner die Hoffnung, dass es weiterhin viele deutsch-amerikanische Kontakte gibt und man sich trotz der manchmal vorherrschenden Skepsis auf Gemeinsamkeiten besinne. „Was uns eint, ist der Glaube an Demokratie, Menschenrechte und Grundfreiheiten.“

Deutsch-amerikanische Freundschaften als Grundstein der transatlantischen Beziehungen

Gemeinsam für diese Werte einzustehen sei gerade in Zeiten, in denen liberale Grundsätze und Rechtsstaatlichkeit vielerorts unter Druck gerieten und sich nationalistische Tendenzen Bahn brechen, umso wichtiger, bestätigte Liston. Der Volkstrauertag und „der weltumspannende Charakter dieses stillen Tages“ seien da ein guter Ansatz. Freundschaften, wie sie während der amerikanischen Stationierung in Bad Tölz entstanden seien, bezeichnete Liston als bis heute wichtigen „Grundstein der transatlantischen Beziehungen“.

Die aktuelle Relevanz über die Erinnerung an die Weltkriege hinaus hob auch Florian Völler, Kreisbeauftragter im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, in seiner Ansprache hervor. „Auch heute kommen Menschen nach Bad Tölz, die frische Erinnerungen an Krieg und Verfolgung in unsere heile Welt mitbringen“, sagte er. Umso wichtiger sei es, den Menschen, die Opfer von Hass und Gewalt werden – „sei es in Syrien, Afghanistan oder im eigenen Familien- und Bekanntenkreis“ –, die Hand zur Hilfe auszustrecken.

„Es darf uns nicht egal sein, wenn unsere Demokratie und unsere Werte mit Dreck beworfen werden“

Die vergangenen Jahre hätten gezeigt, das antidemokratisches Gedankengut in manchen Köpfen noch lebendig und wie niedrig die Hemmschwelle sei, Gräuel der Geschichte zu relativieren. Etwa wenn sich eine „Jana aus Kassel“ bei Querdenker-Protesten mit der NS-Verfolgten Anne Frank vergleiche, oder wenn die Corona-Impfkampagne mit Zwangsarbeit und Morden in Konzentrationslagern gleichgesetzt werde. Hier gelte es, Haltung zu zeigen. „Es darf uns nicht egal sein, wenn unsere Demokratie und unsere Werte mit Dreck beworfen werden.“

Die Stadtkapelle gestaltete die Gedenkfeier am Kriegerdenkmal musikalisch, mehrer Vereine beteiligten sich mit Fahnenabordnungen, die Gebirgsschützenkompanie schoss Salut.

Bundeswehr-Soldaten aus Altenstadt lauschten in Kochel den Ansprachen von (vorne, v. li.) Bürgermeister Thomas Holz, Pater Johannes Neuner vom Kloster Benediktbeuern, Diakon Georg Meigel und Veteranenvorstand Josef Scheifler.
Bundeswehr-Soldaten aus Altenstadt lauschten in Kochel den Ansprachen von (vorne, v. li.) Bürgermeister Thomas Holz, Pater Johannes Neuner vom Kloster Benediktbeuern, Diakon Georg Meigel und Veteranenvorstand Josef Scheifler. © Andreas Sauer

Fliegerstaffel der Bundeswehr zu Gast beim Volkstrauertag in Kochel am See

Auch in vielen anderen Gemeinden im Landkreis wurde der Volkstrauertag begangen. In Kochel am See etwa beteiligte sich neben dem örtlichen Veteranen- und Reservistenverein auch eine Abordnung der Bundeswehr-Fliegerstaffel aus Altenstadt. Es spielte die Blaskapelle Kochel am See, der Liederkranz steuerte eine Gesangseinlage bei. Auch hier waren in den Ansprachen die Corona-Krise sowie die Auslandseinsätze der Bundeswehr Thema.

Zur Erinnerung an die Verstorbenen, Gefallenen und Vermissten der beiden Weltkriege, aber auch aller militärischen Einsätze der jüngsten Zeit legten in Wackersberg Pfarrer Leo Sobik (Mi.) und Bürgermeister Jan Göhzold (re.) einen Kranz nieder.
Zur Erinnerung an die Verstorbenen, Gefallenen und Vermissten der beiden Weltkriege, aber auch aller militärischen Einsätze der jüngsten Zeit legten in Wackersberg Pfarrer Leo Sobik (Mi.) und Bürgermeister Jan Göhzold (re.) einen Kranz nieder. © Hans Demmel

Bei der Kranzniederlegung in Wackersberg sagte Bürgermeister Jan Göhzold: „Damit die Wirkung der Warnung und Mahnung vor den Schrecken der Kriege nicht nachlässt, müssen unsere Gedanken am Volkstrauertag zurückgehen in die Vergangenheit. Nehmen wir den heutigen Tag als Mahnung zu Frieden, Freiheit und Völkerverständigung.“

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(Von Andreas Steppan, Hans Demmel und Andreas Sauer)

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