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Geschichte lebendig machen: Ausstellungsinitiatorin Dr. Sy bille Krafft mit den Zeitzeugen Chana und Benjamin Braun. Auf dem historischen Foto im Hintergrund erkannte Chana Braun ihren Schwager (Mann mit Sonnenbrille und Mütze). 

Ausstellung im Landratsamt

Die glücklichen Kinder von Föhrenwald

Ein Lager für tausende Flüchtlinge mitten im Landkreis – das war Föhrenwald, heute Waldram, nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Verein „Bürger fürs Badehaus Waldram-Föhrenwald“ hat zu diesem lange unerforschten Kapitel Lokalgeschichte eine Fotodokumentation zusammengestellt, die derzeit im Tölzer Landratsamt zu sehen ist.

Bad Tölz– Die amerikanischen Besatzer errichteten das Lager nach Kriegsende allein für jüdische Flüchtlinge, die „Displaced Persons“. Es war ein Ort jüdischer Kultur, „das letzte Schtetl in Europa“, wie es in einem Text heißt. Schule und handwerkliche Ausbildung bereiteten die Bewohner auf ihr Leben in den USA oder in Israel vor. Bei der Eröffnung machten die Zeitzeugen Chana und Benjamin Braun den Abend zu einem besonderen Ereignis. In jenem Badehaus, das der Verein vor dem Abriss bewahrte, unterzog sich das junge Paar noch dem jüdischen Ritualbad vor der Hochzeit, der Mikwe. In einem Film des Bayerischen Rundfunks (BR), der gezeigt wurde, berichtete das Ehepaar davon an historischer Stätte. „Es ist fast nichts verändert“, wunderten sie sich. Sie gelangten auch an das ehemalige Wohnhaus Chana Brauns, und Benjamin erinnerte sich: „Da bist du herausgesprungen, als ich dich zum Tanzen geholt habe.“ „Mein Gott, war das eine schöne Zeit“, sagte Chana.

Sätze wie dieser machen die Ausstellung zu einer besonderen: Das harte Leben nach Flucht und Befreiung aus Konzentrationslagern ist grundlegend, aber die Kinder und Jugendlichen dieser Zeit erinnern sich alle positiv an das Leben im Lager Föhrenwald. „Ich kam dort zum ersten Mal wieder zur Ruhe“, sagte Benjamin Braun im Gespräch mit Dr. Sybille Krafft, Initiatorin der Ausstellung. Die Kinder des Lagers, darunter zahlreiche Waisen, „waren der Beweis dafür, dass die Nazis ihr Werk nicht vollendet hatten“, ist die ehemalige Bewohnerin Lea Fleischmann im Flyer zitiert.

1957 wurde Föhrenwald geschlossen, der Ort hieß nun Waldram und befand sich inzwischen im Besitz des Katholischen Siedlungswerks. Es zogen neue Flüchtlinge ein, vor allem katholische, kinderreiche Familien Heimatvertriebener. „Und vor zwei Jahren kamen erneut Flüchtlinge hierher“, sagte Krafft. „Waldram ist der europäischste Ort des Landkreises.“

Krafft drehte dazu auch einen Film für den BR. Die Bilder stammen aus internationalen Archiven, wie etwa Yad Vashem in Jerusalem und dem United States Holocaust Memorial Museum in Washington D.C. Es seien die Geschichten hinter den Fotos, die die Ausstellung ausmachten, so Krafft. Eines zeigt einen Großvater mit Enkel, und die Forscherin erklärte: „Großeltern waren eine absolute Rarität. Die Senioren wurden in den Konzentrationslagern sofort getötet, weil sie nicht mehr zur Arbeit taugten.“

Krafft und Braun appellierten leidenschaftlich an Landrat Josef Niedermaier, den Verein bei der Errichtung einer Begegnungs- und Dokumentationsstätte im ehemaligen Badehaus finanziell zu unterstützen. Ebenso rief Krafft die Schulen auf, die Fotodokumentation zu besuchen.

Kinder trugen unter Leitung der Lehrerinnen Conny Schubert und Eva Greif-Scholz jüdische und bayerische Kinderlieder vor. Der 81-Jährige Benjamin Braun stimmte spontan ein Volkslied an, das damals im Lager gesungen wurde: „Wo ist das Glück, wo ist mein Mädchen, was ich hab’ lieb?“

Info

Die Ausstellung „Die Kinder vom Lager Föhrenwald“ ist bis Freitag, 6. Oktober, im Landratsamt in Bad Tölz zu sehen. Öffnungszeiten: Montag 7.30 bis 18 Uhr, Dienstag, Mittwoch und Donnerstag 7.30 bis 16 Uhr, Freitag 7.30 bis 12 Uhr. Die Fotodokumentation kann über den Verein „Bürger fürs Badehaus Waldram-Föhrenwald“ ausgeliehen werden. Infos: www.badehauswaldram.de.

Birgit Botzenhart

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