+
Höchste Konzentration: Chor und Tänzer proben in der Aula des Gymnasiums die Szene, in der das Mädchen Zeitel den Schneider Mottel heiratet. Für das Musical „Anatevka“ müssen sich die Jugendlichen auch mit einer anspruchsvollen Geschichte über Vertreibung auseinandersetzen. 

Grossprojekt „Anatevka“ in Bad Tölz

„Ein cooles Stück mit schöner Musik“

  • schließen

Kein anderes Projekt hat musikbegeisterte Jugendliche verschiedener Schulen bislang so aufwändig beschäftigt wie das Musical „Anatevka“. Premiere ist am 15. März. Wer für eine der Vorstellungen noch Karten möchte, muss sich sputen. Die jungen Darsteller proben derzeit mehrmals die Woche. Der Tölzer Kurier hat sie dabei besucht.

Bad Tölz– „Und jetzt mal richtig feiern! Hände nach oben, freut euch!“ Elisabeth Artmeier-Mogl ist bei der Probe in der Aula des Gymnasiums nicht nur Lehrerin und Regisseurin, sie ist auch Animateurin und die gute Fee für alles. Kaum hat sie ihre Worte lautstark und anfeuernd gerufen, setzen sich alle in Bewegung. Die Musiker beginnen zu spielen, die Darsteller tanzen, singen und schauspielern. Knapp zwei Minuten, dann verklingt die Musik. Die Darsteller singen noch, letzte Tanzschritte sind zu sehen. „Stopp, das war jetzt zu lang!“, ruft Dirigent und Musikschulleiter Harald Roßberger. „Nochmal, bitte!“

Über 80 Jugendliche proben derzeit mehrmals in der Woche für die Aufführung des Musicals „Anatevka“. Das Projekt ist riesig. Beteiligt sind Schüler des Gabriel-von-Seidl-Gymnasiums, von der Fachoberschule und der Realschule aus Bad Tölz sowie von den Hohenburger Schulen in Lenggries. Gemeinsam ist ihnen, dass sie seit vielen Jahren an der Tölzer Musikschule unterrichtet werden und teilweise auch schon Bühnenerfahrung haben. Denn „Anatevka“ ist ein anspruchsvolles Musical.

Das Projekt wird getragen von Seidl-Gymnasium und Musikschule. Die Proben laufen seit über einem Jahr, allerdings probte jeder Fachbereich – Chor, Solisten, Tänzer und Musiker – bislang für sich. Nun wird alles zusammengefügt.

Die Jugendlichen sind mit viel Elan bei der Sache, auch wenn die Proben aufwändig sind. Am vergangenen Freitag dauerten sie von 14 bis 18 Uhr. Auch an den Wochenenden gibt es Termine. „Es ist eine Herausforderung, aber es macht total Spaß“, sagt Alexander Findewirth. Der 18-jährige Fachoberschüler teilt sich mit Leif Eisenberg die Hauptrolle des Milchmanns Tevje.

Alle wichtigen Rollen sind doppelt besetzt, und jeder Darsteller wird – im Wechsel – einen ganzen Abend auf der Bühne stehen. „Tevje ist ein Mensch, der nach vielen Regeln lebt, und diese muss er im Laufe des Stücks brechen. Diese Brüche muss man nachvollziehen können“, sagt Findewirth.

Leif Eisenberg hat sich mit CDs und Videos auf YouTube auf die Rolle vorbereitet. „Man muss sich historisch mit dieser Geschichte beschäftigen“, sagt der 15-jährige Gymnasiast.

In die Rolle von Tevjes Frau Golde schlüpft unter anderem die 17-jährige Sophie Fast. Die Gymnasiastin aus Hohenburg muss eine Mutter von fünf Kindern verkörpern. „Es ist nicht leicht, zu lernen, die Dinge aus einem ganz anderen Blickwinkel zu sehen“, sagt sie. „Man bekommt ein anderes Verantwortungsgefühl.“ Alle Solisten haben Schauspielunterricht bei Markus Eberhard. „Das ist sehr wichtig. Da habe ich viel gelernt“, sagt Sophie Fast. Eine ihrer „Töchter“ ist Hodel, gespielt zum Beispiel von Clara Farias Rocha. Die 13-jährige Tölzer Gymnasiastin wird ein Solo singen. „Je öfter wir das üben, desto weniger aufgeregt bin ich“, sagt sie lächelnd. „,Anatevka‘ ist ein cooles Stück mit schöner Musik. Und bei den Proben wachsen wir zusammen.“

Das bestätigt auch Lehrerin Elisabeth Artmeier-Mogl. „Trotz dieser vielen Schulen gibt es keine Grüppchen, wir sind alle ,wir‘“, freut sie sich. Die Verschnaufpausen an diesem Freitagnachmittag sind kurz. Choreografin Susanne Molendo, ein echtes Energiebündel, hat wie ein Luchs jeden Tanzschritt im Blick. „Denkt dran“, ruft sie in die Aula, „ihr seid auf einer Hochzeit! Ihr müsst ausgelassener sein, mehr feiern!“

„Anatevka“ ist kein leichtes Stück. Es hat keine unbeschwerte Handlung. Das Musical spielt im Schtetl („Städtlein“) Anatevka, in dem der jüdische Milchmann Tevje mit seiner Familie lebt. In der Geschichte geht es nicht nur um den Bruch mit Traditionen, sondern auch um religiöse Minderheiten, politische Konflikte und Vertreibung. Alina Müller, 14 Jahre alt und auf der Bühne als Tevjes Tochter Chava zu sehen, hat dazu einen ganz besonderen Bezug: „Meine Familie stammt aus Russland. Meine Oma hat mir erzählt, wie sie damals vertrieben wurde. Das war schon sehr bewegend“, sagt die Gymnasiastin. „Durch dieses Stück wird mir das alles viel mehr bewusst.“

Auch für das Musicalorchester ist „Anatevka“ nicht leicht: „Das Stück hat viele Tempowechsel“, sagt etwa Schlagzeuger Michael Kronwitter. Trotz Proben-Stress überwiegt bei allen die Freude. Die Premiere am 15. März ist fast ausverkauft. In den folgenden Tagen gibt es mehrere Aufführungen. „Wenn beim Schlussapplaus ein paar Leute Tränen in den Augen haben, wäre das für uns alle überwältigend“, meint Leif Eisenberg.

Infos und Karten

„Anatevka“ feiert am Mittwoch, 15. März, um 19 Uhr Premiere im Kurhaus. Weitere Aufführungen sind am 17. und 18. März um 19 Uhr sowie am 19. März um 17 Uhr. Es gibt nur noch wenige Karten. Eine Zusatzvorstellung ist am Freitag, 17. März, um 10 Uhr. Der Eintritt kostet 9 bzw. 12 Euro. Karten gibt es im Gymnasium, in der Musikschule, bei der Tourist-Info und beim Tölzer Kurier.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Tipps gegen Langeweile: Das ist los am Mittwochabend
Tipps gegen Langeweile: Das ist los am Mittwochabend
Vier Bier zu viel: Autofahrt in Kochel mit ernsten Folgen
Welche ernsten Folgen eine betrunkene Autofahrt haben kann, demonstrierte nun ein junger Mann. Er hatte in Kochel am See einen Unfall verursacht.
Vier Bier zu viel: Autofahrt in Kochel mit ernsten Folgen
Ein guter Tag zum Wandern - in sämtliche Richtungen
Ein guter Tag zum Wandern - in sämtliche Richtungen
Kinderzirkus klatscht und singt in der Lenggrieser Mehrzweckhalle
Im Zirkus-Camp in Lenggries bereiten Kinder aus einheimischen und Flüchtlingsfamilien gemeinsam eine große Aufführung vor. Sie ist am Freitag in der Lenggrieser …
Kinderzirkus klatscht und singt in der Lenggrieser Mehrzweckhalle

Kommentare