Eberhard Bahr (†) Psychologe und Unternehmer
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Eberhard Bahr (†) Psychologe und Unternehmer

Nachruf

Gründer des Rehazentrums Isarwinkel gestorben

  • Andreas Steppan
    VonAndreas Steppan
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Menschen mit einer Hirnverletzung zurück ins Leben zu helfen: Das wurde für Eberhard Bahr zur Berufung und Lebensaufgabe. Jetzt ist der Gründer des Rehazentrums Isarwinkel und der NeuroKom gestorben.

  • Eberhard Bahr wollte jenen helfen, die im System der Hilfs- und Therapieangebote am Rand standen
  • Bahr schuf Angebote, die auf die Bedürfnisse Hirnverletzter zugeschnitten waren
  • Hirnverletzte sollten von den Kostenträgern als eigene Gruppe eingestuft werden

Bad Tölz - Menschen mit einer Hirnverletzung zurück ins Leben zu helfen: Das wurde für Eberhard Bahr zur Berufung und Lebensaufgabe. Von Bad Tölz aus leistete er in diesem Bereich Pionierarbeit, schuf Rehabilitationsangebote, die es in dieser Form vorher nicht gab, und baute ein Unternehmen auf. Am 21. Januar nun ist Eberhard Bahr im Alter von 81 Jahren zu Hause in Bad Tölz gestorben.

Geboren in Danzig, Studium der Psychologie in Berlin

Geboren wurde Bahr 1939 in Zoppot bei Danzig. Durch Flucht und Vertreibung führte ihn sein Weg zunächst in die Oberpfalz. Den Großteil seiner Jugend verbrachte er in Marburg in Hessen, bevor er als junger Mann nach Berlin zog, um Psychologie zu studieren.

Menschlich wie fachlich galt sein Interesse früh Menschen, die im System der Hilfs- und Therapieangebote am Rand standen. In den 1970er-Jahren waren das etwa Drogenabhängige. Bahr gründete und leitete Suchtkliniken in Ratingen und Berlin.

Später kam der Diplompsychologe, Neuropsychologe und psychologische Psychotherapeut auch immer wieder mit Hirnverletzten in Berührung. Eine Hirnverletzung kann Folge eines Unfalls sein oder auch aufgrund einer Erkrankung wie Schlaganfall oder Tumor entstehen.

Hirnverletzte sind weder in der Psychiatrie noch im Pflegeheim gut aufgehoben

Bis in die 1980er-Jahre hinein hatten die Betroffenen wenig Überlebenschancen. Doch die Behandlungsmöglichkeiten verbesserten sich – und in der Gesellschaft fand sich eine Patientengruppe wieder, die im Sozialsystem in keine Schublade passte. Ihre Bedürfnisse unterscheiden sich grundlegend von dem, was etwa geistig und körperlich Behinderte brauchen. Sie sind weder in der Psychiatrie noch im Pflegeheim optimal aufgehoben.

Bahr machte es sich aus menschlicher Empathie und fachlichem Interesse heraus zur Aufgabe, Angebote zu schaffen, die auf Hirnverletzte zugeschnitten sind. Wesentlich war dabei die Erkenntnis, dass bei ihnen der Kern der Persönlichkeit, des eigenen Ichs verletzt oder zerstört ist. Bahrs innovativer fachlicher Ansatz bestand darin, gezielt menschliche Beziehungen einzusetzen, um den Betroffenen durch die Interaktion mit einem Gegenüber zurück zum eigenen Selbst zu helfen. An die Therapeuten stellt diese Methode hohe Anforderungen.

Gründung des Rehazentrums Isarwinkel in Bad Tölz

Bahr initiierte zunächst 1986 bei der Stiftung Pfennigparade in München ein Projekt zur nachklinischen Neuro-Rehabilitation. 1993 dann machte er sich selbstständig, gründete die „Gemeinnützige Fördergesellschaft für Unfallopfer“ (GFG). Zwei Jahre später hob er zusammen mit dem Psychiater Dr. Arnold Torhorst in Bad Tölz das Rehazentrum Isarwinkel im ehemaligen städtischen Krankenhaus aus der Taufe. Geschäftlich trennten sich die Wege der beiden Sozialunternehmer 2010. Bahr zog mit seinem Unternehmen NeuroKom, das er zusammen mit Silvia Ulze führte – sie war bis November 2020 Geschäftsführerin –, an die Buchener Straße um.

Im Interesse der Betroffenen konnte Bahr durchaus streitbar und energisch auftreten. Das Ziel, dass Hirnverletzte von Seiten der Kostenträger als eigene Gruppe eingestuft werden, erreichte Bahr zwar nicht. Dennoch erwirkte er ein einmaliges Konstrukt der Kostenteilung zwischen Kranken- und Rentenversicherung sowie der übergeordneten Sozialhilfe (Bezirk).

So etwas wie Ruhestand gab es für Eberhard Bahr auch im fortgeschrittenen Alter nicht – auch als er offiziell nicht mehr Geschäftsführer der NeuroKom war und die Unternehmensanteile zum Großteil an seinen Sohn und seine Tochter abgegeben hatte. Leben und Beruf waren für Eberhard Bahr eins. Am Sitz der NeuroKom im Tölzer Badeteil wohnte er auch, war für die dort behandelten Hirnverletzten eine wichtige Bezugsperson. Er hatte ein offenes Ohr für alle, sprach ihnen Mut zu. Noch zum jüngsten Weihnachtsfest trafen viele Briefe und Karten bei ihm ein. Menschen, die er auf dem Weg zurück ins Leben und zur gesellschaftlichen Teilhabe begleitet hatte, bedankten sich bei ihm.

Sein Sohn und seine Tochter wollen sein Unternehmen in seinem Sinne weiterführen. Eberhard Bar hatte drei Enkelkinder. Die anstehende Geburt seines ersten Urenkels erlebt er nicht mehr mit.

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