„Es tut weh zu sagen: Sie sind auf Platz zehn der Warteliste“

Haushaltshilfen dringend gesucht

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Bad Tölz - Beim Fensterputzen, Einkaufen oder Waschen: Im Alltag sind viele Senioren auf Unterstützung angewiesen. Gerade die weniger Betuchten haben in Bad Tölz aber schlechte Chancen, eine Haushaltshilfe zu finden.

Marlene W. (Name geändert) hat wieder Gangwoche. Alle drei Wochen ist sie in einem Tölzer Mehrparteienhaus an der Reihe, das Treppenhaus zu putzen. „Den nächsten Tag kann ich dann vergessen“, sagt die 70-Jährige. Sie leidet unter chronischen Schmerzen, ist offiziell zu 90 Prozent schwerbehindert. Nach anstrengenden Hausarbeiten tun ihr alle Knochen noch mehr weh als sonst.

Auch zum Einkaufen, zum Saubermachen in der Wohnung und um die Wäschekörbe in den Keller zu tragen, benötigt die alleinstehende Frau Unterstützung. Das Sozialamt würde ihr, deren Rente nur knapp über den Grundsicherungsniveau liegt, sogar für fünf Stunden pro Woche eine Haushaltshilfe bezahlen. Das Problem in der Praxis: Marlene W. findet einfach keine Haushaltshilfe. Der Markt ist wie leergefegt.

Dass Marlene W. mit ihren Schwierigkeiten nicht allein dasteht, bestätigt Ursula Stiegler von der Caritas-Kontaktstelle „Alt und selbständig“. Bei ihr laufen etliche Anfragen nach Haushaltshilfen auf: von Senioren, aber auch Schwangeren, die liegen müssen. „Es tut mir dann in der Seele weh, wenn ich sagen muss: Sie sind auf der Warteliste auf Platz zehn.“

Die Caritas-Kontaktstelle vermittelt Haushaltshilfen und hat selbst zwei Kräfte dafür in Teilzeit angestellt. Doch eine davon sei nun in Mutterschutz, so Stiegler. Für die Nachfolge liege ihr noch keine passende Bewerbung vor. Zu den Grundvoraussetzungen zählen ausreichende Deutsch-Kenntnisse und ein eigenes Auto. „Zu den Einsätzen im ganzen Landkreis mit dem Bus oder Fahrrad zu fahren, ist schwierig.“

Dass sich keine geeigneten Bewerber melden, hat aus Stieglers Sicht einen Grund: Viele Frauen würden sich lieber „unter der Hand im privaten Bereich“ etwas als Haushaltshilfe dazuverdienen. „Da werden dann 12, 15 oder 18 Euro pro Stunde gezahlt.“ In einer Festanstellung dagegen komme ein Netto-Stundenlohn „unter zehn Euro“ heraus. Das sei im gesamten Tarifsystem des Sozialträgers auch kaum zu ändern.

Caritas-intern gebe es Überlegungen, wie man den Mangel mildern kann, so Stiegler. Einstweilen übernehmen auch Ehrenamtliche manche Haushaltsaufgaben – gegen eine Aufwandsentschädigung von 8,50 Euro pro Stunde. 60 Freiwillige stünden dafür pro Jahr zur Verfügung, allein im zweiten Quartal 2016 seien so 917 Helferstunden zusammengekommen, bilanziert Stiegler. „Aber den ganzen Bedarf können wir so nicht abdecken.“ Regelmäßig bei Fremden die Toilette zu putzen, sei auf Dauer nicht das Richtige für jeden Ehrenamtlichen.

Um etwas zu ändern, müssten nach Stieglers Ansicht viele Akteure zusammenhelfen. „Ich würde mir wünschen, dass private Anbieter in diese Marktlücke stoßen.“ Auch die öffentliche Hand könne mehr Planstellen einrichten. Die Pflegekassen, die je nach Fall Kosten übernehmen, könnten bei der Vermittlung der Kräfte helfen.

Stiegler sieht in dem Mangel an Haushaltshilfen einen wenig wahrgenommenen Missstand im Schatten des allgemeinen Pflegenotstands. Dabei sei es wichtig, die Versorgung älterer Menschen im eigenen Zuhause zu ermöglichen. Denn das Prinzip „ambulant vor stationär“ könne im System viel Geld sparen.

Bekannt ist die Problematik auch im Landratsamt. Zuletzt hätten verschiedene Nachbarschaftshilfen und Pflegedienste gemeldet, dass der Bedarf nicht gedeckt sei, erklärt Behördensprecherin Sabine Schmid. Gegensteuern will der Fachbereich Senioren, indem er 2017 Qualifizierungskurse anbietet. Wer dort ein Zertifikat erwirbt, der kann seine Hilfsdienste dann nach erst jüngst festgelegten Kriterien mit der Pflegekasse abrechnen. Diese habe ihre Zuschüsse für Haushaltshilfen gerade erst erhöht, so Schmid. Für Demenzkranke übernimmt die Kasse bis zu 104 oder 208 Euro pro Monat und auch bei rein körperlicher Beeinträchtigung bis zu 104 Euro.

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