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Die Bühne wurde mit Profis vom Tölzer Marionettentheater gestaltet, und auch die Kostümierung war außergewöhnlich.

Publikum begeistert

Hexen, Hirten und der Heiland: Weihachtsspiel von Carl Orff im Kurhaus ein großer Erfolg

Es war ein Wagnis, doch das Publikum zeigte sich ganz begeistert: Die zwei Aufführungen des anspruchsvollen Weihnachtsspiels von Carl Orff am vergangenen Wochenende im Tölzer Kurhaus waren ein voller Erfolg.

Bad Tölz – Wird es diesen „Pax hominibus“, diesen verkündeten Frieden unter den Menschen, wirklich geben? Die Hirten sind sich darüber uneins: Die einen setzen all ihre Hoffnung auf diese Verkündigung. Einer aus der zusammengewürfelten Schar aber tut sie als lächerlich ab. Solange es Menschen gibt, wird es keinen Frieden geben, ist er überzeugt. Denn das Böse, die Versuchung, lauern überall. Dafür sorgen schon die geifernden Hexen, die danach trachten, alles Gute und Heilbringende schleunigst aus dem Weg zu schaffen.

Es war ein mitreißendes Spiel, das die Tölzer Sing- und Musikschule mit einem Ensemble aus Darstellern, Solisten, Chorsängern und Musikern am Wochenende in zwei Aufführungen im jeweils vollbesetzten Kurhaus bot. „Ludus de nato Infante mirificus“, so der Titel des Weihnachtsspiels, auf Deutsch: „Wundersames Spiel von der Geburt des Kindes“. Es ist ein Werk von Carl Orff und hat Seltenheitswert: Seit der Uraufführung 1960 in Stuttgart wurde es in der Bundesrepublik nicht mehr als fünfmal aufgeführt.

Dass es nun ausgerechnet in Tölz auf die Bühne gebracht werden konnte, liegt daran, dass sich Klaus Wittmann als einziger Sprecher in Deutschland die Rechte aller bairisch-sprachigen Orff-Werke gesichert hat. Wittmann hatte wie bereits in den vergangenen acht Jahren beim „Tölzer Adventssingen“ die Regie- und Gesamtleitung inne.

Darsteller, Sänger und Musiker waren dankbar für den großen Applaus. Die Hexen waren von Bodypainting-Weltmeisterin Murml Gold für den Auftritt gestylt worden.

Die Hirtenszene bildet den mittleren Teil der Handlung und unterscheidet sich kaum von anderen Hirtenspielen, die landläufig zu sehen sind: In eiskalter Nacht versuchen die einfachen Männer in einer schützenden Höhle, ihre Träume zu deuten. Den Traum von einer blutjungen Frau und einem alten Mann, denen sie zuvor gerade noch aus dem Schneechaos geholfen hatten, und dem Kind in der Krippe. Und den Traum von den drei Magiern, die „vom End’ der Welt, aus dem Nichts kemma san“ und samt prächtigem Gefolge das göttliche Kind in einem Stall suchen.

Vorbereitungen fürs Weihnachtsspiel: Ein Blick hinter die Kulissen

Der Anfang des Stückes aber führt in die Tiefen der dämonischen Welt. Der Auftritt der Oberhexe (Sonja Schroth) und ihrer vier Zöglinge (Roland Herzog, Matthias Lindmair, Leonhard Schwaighofer und Ingo Veit) sprühte vor Leidenschaft und Besessenheit gegen alle Anzeichen von Gutheit auf der Welt. Die hervorragende darstellerische Wirkung wurde noch verstärkt durch den Orff-typischen rhythmischen Sprechchor der Hexen und deren optische Aufmachung, die Bodypainting-Weltmeisterin Murml Gold entsprechend schaurig und mystisch gestaltet hatte. Nicht von der sanften Art ist ebenso der Dialog dieser fünf Unterwelt-Gestalten. Ein Zauberspruch soll die heilbringende junge Frau vernichten – diese Härte und die derben Ausfälligkeiten mögen wohl nicht jedermanns Vorstellung von einem Weihnachtsspiel entgegenkommen. Neben der bairischen Sprache hatte Orff manche Passagen in Altgriechisch und Latein verfasst.

Trotz aller dämonischen Anstrengungen ist die Geburt des göttlichen Sohnes nicht zu verhindern. Die frohe Botschaft verkünden nicht nur Kinder, die mit Kerzen in den Händen den Schlüssel fürs himmlische Tor suchen. Nein, das neue Licht verspüren auch die „Erdmutter“ (Stephanie Waldherr) und die unter dem Schnee schlafenden Blumen (Paul Weinmann, Andreas Nagler und Luzia von Huene), die nun ihre Stimmen erheben und vom Frühling träumen.

Ein allumfassender elementarer Aufbruch also, den Orff auf eigene Weise inszenierte und instrumentierte: Das Orchester im Kurhaus unter Leitung von Harald Roßberger bestand aus sieben Schlagwerken, zwei Harfen, drei Klavieren, Piccoloflöte und Kontrabass. Eine sehr anspruchsvolle Aufgabe war überdies dem speziell formierten Projektchor beschieden, der schwierige Passagen meisterte und als „Engelschor“ kraftvoll unterstrich: „Laudate Dominum. Der Knabe ist geboren...“. Doch dessen Sieg hält nicht ewig, orakelte die Oberhexe und befahl ihren zähneknirschenden Gesellen, die Menschen zu vereinnahmen und willfährig zu machen. „Dann bringen sie jeden ans Kreuz.“

Vereinnahmt waren auch die Zuschauer – vielleicht nicht alle vom Inhalt, aber von der großartigen Leistung des überwiegend mit Amateuren und Musikschülern besetzten Ensembles. Es gab lang anhaltenden Applaus.

(Rosi Bauer)

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