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„Direkt in den Himmel“: Die Laufstrecke auf Hawaii vom Stillen Ozean Richtung Mauna Kea, dem 4205 Meter hohen Vulkan auf der Insel, war für den 56-jährigen Tölzer das „härteste Rennen meines Lebens“.

Jan Selnes im Porträt 

Hochzeit und Ironman auf Hawaii: Dieser Mann kriegt nicht genug

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Der Tölzer Triathlet Jan Selnes hat auf Hawaii sein Lebensmotto entdeckt, erneut seine Frau geheiratet und will ein zweites Mal bei der Ironman-WM an den Start. Für den Quali-Wettkampf 2018 in Barcelona ist der 56-jährige Tausendsassa und Eisenflechter bereits angemeldet.

Kona/Bad Tölz– Ob er es ins Ziel schafft, stand nie infrage. Die Frage war nur, ob er mit dem Ergebnis zufrieden sein kann. War er nicht: Jan Selnes, Triathlet des WSV Bad Tölz, hatte sich mit der Qualifikation für die Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii einen Traum erfüllt. Der 56-jährige Tölzer war top in Form, hatte sich gut vorbereitet, sich allerdings auch selbst unter Druck gesetzt. „Ich mache diese Reise nicht zum Spaß“, hatte er vor dem Ironman-Klassiker verlauten lassen. „Vor dem Start war ich unglaublich nervös.“

Spaß hatte er vor allem nachher, als er mit seiner Familie zwei Wochen Urlaub dranhängte. Denn mit seiner Zeit von 10:56:16 Stunden (für 3,86 km Schwimmen/180 km Rad, 42,2 km Laufen) und Platz 19 in der AK 60 war er nicht zufrieden. Seine Quali-Zeit war weit über eine Stunde schneller. „Ich wollte was reißen, viel weiter vorne landen. Es war trotzdem ein geiler Wettkampf, ich war glücklich – aber nicht zufrieden.“

Der gebürtige Berliner ist eben nicht nur ein beliebter Spaßvogel, dem das Hawaii-Motto „Hang loose“, locker bleiben, sehr zusagt. Sondern er ist vor allem ein ehrgeiziger Sportler, der von sich selbst am meisten erwartet. Sport war schon immer seins. „Es gibt fast nichts, das ich nicht ausprobiert habe“, sagt Selnes. Sport sollte auch Teil seines Berufs werden, bevor er auf den Bau ging und Eisenflechter wurde: Sport- und Englisch-Lehrer wollte er werden. Auf dem Gymnasium, damals in Berlin, hatte er diese Fächer-Kombination als Leistungskurse gewählt. Doch nicht lange vor dem Abitur musste er den Wunsch begraben: Eine schwere Knieverletzung verhinderte den Abschluss. „Heute wäre man nach ein paar Wochen wieder einsatzbereit, damals zog es sich ewig hin.“ Die Folge: Schulabbruch, die mittlere Reife stockte er später mit einem Aufbauabitur auf.

Glücklich über die Finisher-Medaille, aber nicht zufrieden. Deshalb möchte Jan Selnes 2019 noch mal nach Hawaii.

Trotzdem landete Selnes, der in einem ländlichen Vorort des Berliner Bezirks Spandau aufwuchs, zunächst im Gastro-Wesen und der florierenden Kneipenszene in der Großstadt: Türsteher, Barmann, „Mädchen für alles“, sagt Selnes. Hauptsache Heavy Metal. Später legte er eine Sport-Pause ein, bevor er beim Triathlon landete. „Bei 85 Kilo musste ich Stopp drücken.“ Er kam über das Rollerbladen zum Laufen, fing mit dem Radfahren wieder an und begann Schwimmen beim WSV Tölz. Sein Erweckungserlebnis: „Als ich gesehen habe, dass man alles essen kann, was man will, und trotzdem abnimmt.“ Dazu kam eine gewisses Suchtpotenzial und Befriedigung des Bewegungsdrangs. „Da sind wir Triathleten ein bisschen Egomanen.“ Der erste Ironman kam 2002 in Klagenfurt. Es folgten 17 weitere auf dem Weg nach Hawaii.

Stehenbleiben ist nichts für ihn. Spontan, kurz entschlossen – er besuchte einen Freund in der Kurstadt, die er schon aus der Kindheit kannte. Daraus wurde ein Ortswechsel auf Dauer. „Ich bin begeisterter Tölzer.“ Er fand Freunde, eine Arbeit – „da war noch viel los in der Kneipenszene“ – und später seine Frau Tina, ebenfalls aus Berlin. Zufälligerweise war sie es, die seinen Job dort übernommen hatte, als er 1987 nach Tölz ging. Sie kannten sich nicht, hatten nur gemeinsame Bekannte. Sie trafen sich erst in Tölz, als ein Freund Selnes sie als Freundin vorstellte, mit der er sich eine Beziehung erhoffte. Doch das Feuer entbrannte zwischen Jan und Tina.

„Zieh dir was an, wir gehen zum Turtle-Beach und heiraten“

Und heute, 25 Jahre später, brennt es immer noch. Das machte Tina auf Hawaii klar, als sie den 56-Jährigen mit einer zweiten Hochzeit überraschte. „Zieh dir was an, wir gehen zum Turtle-Beach und heiraten“, hieß es eines Nachmittags nach dem Wettkampf. Vom Ironman hatte sich Selnes schon leidlich erholt – „der zweite Tag ist der schlimmste, da schafft man es kaum während der Grünphase über die Ampel, hat Angst vor dem Treppensteigen.“ Doch die Überraschung haute ihn völlig von den Socken. „Es war fast schöner als beim ersten Mal“ – und er war ganz schön ergriffen bei der Zeremonie. „Ich war schon froh, dass ich meine verspiegelte Sonnenbrille anhatte...“

Tränen beim wilden Tausendsassa und Eisenflechter? Selnes, großflächig tätowiert, Rauschebart, den er manchmal mit drei Haargummis bändigt: eine auffallende Erscheinung bei jedem Wettkampf. Schon vor Hawaii begannen sich Triathlon-Portale und andere Medien für ihn zu interessieren. Es gab Fernsehbilder aus Hawaii – Selnes kam kurz hinter Tagesschau-Sprecher Thorsten Schröder ins Ziel, dem die ARD einen Beitrag widmete. „Ich hatte ihn vorher schon überholt.“ Doch vor dem Zieleinlauf stoppte er bei seinem Sohn Julius (25) und busselte seine Frau, dadurch zog Mr. Tagesschau noch an ihm vorbei. „Normalerweise hätte ich ihn gepackt.“ Man glaubt ihm das, Selnes ist eine ehrliche Haut, offenherzig und zuvorkommend. Diese und ähnliche Geschichten sorgten dafür, dass sein Bekanntheitsgrad weiter zunahm.

Immer einen flotten Spruch auf den Lippen

Doch ihm geht es nicht allzu sehr um das Rampenlicht. Der sympathische 56-Jährige, der immer einen flotten Spruch auf den Lippen hat, will mit seiner Leistung zufrieden sein können. Deswegen hadert er auch mit dem Ergebnis bei seinem 18. Ironman. „Ich hatte mir mehr vorgenommen.“ Für ihn steht fest: „Ich will da noch einmal hin.“ Die Meldung für den Ironman Barcelona, bei dem er sich im Oktober 2016 für Hawaii qualifiziert hatte, ist bereits rausgegangen.

Er bereut es im Nachhinein, auf dem Rad zu vorsichtig agiert zu haben, aus Respekt vor der abschließenden Laufstrecke. „Nach 70 Kilometern kam der gefürchtete Wind – von seitlich vorne, das war brutal.“ Doch spätestens nach dem Wendepunkt hätte er mehr Druck in die Pedale bringen können. Auf der Laufstrecke konnte Selnes an diesem Tag auch nicht mehr herausholen. „Die härteste Laufstrecke meines Lebens. Aber es war cool.“ Und anstrengend. Die Strecke zog sich bei 40 Grad Celsius lange hin, bei einem Abschnitt verlief die Straße kilometerweit geradeaus – und steil nach oben. „Du hast ungefähr eine Millionen Pylonen gesehen – direkt in den Himmel.“ Am Wendepunkt ragte die Bergkette mit dem Mauna Kea auf. „Eine grün-braun-blaue Wand, beeindruckend.“

Der Wettkampf, die Landschaft, das Lebensgefühl: Das alles sagte Selnes sehr zu. „Hang loose, ein gutes Motto.“ Doch in diesem Fall mag er dem Leitspruch „locker bleiben“ nicht treu bleiben. „Ich bin sauer auf mich, dass ich nicht abrufen konnte, was ich wollte.“ Deswegen bleibt er diesmal nicht locker: „Ich versuch’s 2019 noch mal, so kann ich nicht abtreten.“

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