Die Broschüre über die Neue Tölzer Hotelkultur weckte 2011 große Erwartungen.

Tourismusexpertin Prof. Felizitas Romeiß-Stracke im Gespräch

Hotelbau ist nicht zu erzwingen

Sie kennt Bad Tölz und den Isarwinkel lange und gut und ist eine ausgewiesene Touristik-Expertin. Als sich für den Tölzer Kurier die Chance bot, mit Prof. Felizitas Romeiß-Stracke über die aktuelle Tourismus-Situation zu sprechen, hat er sie gerne genutzt. Die Antworten sind spannend und provozierend.

Tölz will sich mit Präventionsangebote am Gesundheitsmarkt positionieren. Was halten Sie davon?

Da ist Bad Tölz ein bisschen spät dran! Auf dieser Schiene positionieren sich inzwischen fast alle ehemaligen Kurorte und zusätzlich viele große Hotels. Das hätte man schon Mitte der 1990er-Jahre anschieben müssen, aber da hingen in Bad Tölz noch viele Leistungsträger an der alten Kur. Ich erinnere mich an entrüstete Reaktionen, als meine Studenten damals vorschlugen, in Bad Tölz sollte man Wellness-Wochenenden für Münchner anbieten. Wenn man auf dieser Schiene also noch erfolgreich in einem ziemlich übersättigten Markt sein will, braucht es mehr als ein paar neue Hotels und eine Sauna-Welt. Bezeichnend ist ja auch, dass trotz der Vorlage des Konzeptes „Neue Tölzer Hotelkultur“ der Bettenschwund in der Hotellerie massiv weitergegangen ist, also keine Aufbruchsstimmung erzeugt wurde.

Ist es nachvollziehbar, dass die Stadt Bad Tölz selbst ein Spa bauen will?

Eine Sauna-Themenwelt „Natura Tölz“ neben der Parkgarage an der Isar erscheint von Standort her grundsätzlich okay. Dass ein neues Hotel daneben kaum für Frequenz sorgen wird, also von daher keine Kausalität für den Betrieb der Sauna-Welt vorliegt, haben die Experten bereits belegt. Es müssen also die Gäste anderer Hotels und viele Einheimische kommen.

Für Hotelgäste wird die neue Saunawelt kaum ein zusätzlicher Anreiz sein, um in Bad Tölz zu buchen. Es gibt inzwischen unendlich viele Hotels mit sehr guten, großen eigenen Spas, in denen der Gast im Bademantel vom Zimmer ins Spa gehen kann (und das auch fordert). Der Trend ist: Nicht der Ort oder die Region ist das Ziel, sondern das Hotel mit eigenem Spa, (fast) egal an welchem Ort.

Ob das „Natura Tölz“ von einheimischen Besuchern leben kann? Der anvisierte Eintrittspreis von etwa 21 Euro ist wirtschaftlich sicher notwendig, aber vergleichsweise hoch für ein doch begrenztes Angebot. In der Therme Erding kosten vier Stunden 29 Euro€ bei einem wesentlich breiteren Leistungsspektrum!

Wenn sich bisher kein privater Investor für das „Natura Tölz“ gefunden hat, wird das ja wohl seine Gründe haben.

Kann man die Entwicklung im Badeteil – immer weniger Gästebetten, immer mehr Wohnungen – noch aufhalten?

Man kann dort den Bau von Hotels auch mit Veränderungssperren nicht erzwingen. Neue Hotelbetreiber rennen der Stadt ja offensichtlich nicht gerade die Bude ein, und sie durch Subventionen anzulocken, gehört nicht zu den kommunalen Aufgaben.

Anders gesagt: Wenn ich ehrlich bin, glaube ich nicht an eine touristische Zukunft des Badeteils. Schon deshalb, weil die Entwicklung des Badeteils durch die Konflikte mit der Jodquellen AG (Familie Hoefter) noch immer nachhaltig belastet ist.

Was passiert mit diesen großen Flächen im touristischen Herzen des Badeteils? Meine Frage ist: Will sich die Stadt wirklich auf weiteres jahrelanges Tauziehen einlassen und dem Erscheinungsbild des Stadtteils links der Isar weiter schaden? Die Familie Hoefter hat in der Vergangenheit bewiesen, dass sie ihre Interessen durchsetzt.

Offensichtlich gibt sie dem Tourismus in Bad Tölz keine Chance mehr.

Könnte man durch mehr herausragende Events die touristische Nachfrage ankurbeln? Mir fällt da die heute schon legendäre Beleuchtungsaktion „100 Jahre Tölz“ ein.

Bad Tölz bietet in der Tat übers Jahr überregional interessante touristische Aktionen an – einmal abgesehen von der Leonhardifahrt. Die ziehen aber hauptsächlich Tagesbesucher an, die zum Teil guten Umsatz bringen, die aber auch Probleme verursachen (vor allem Verkehrsüberlastung).

Natürlich tun Aktionen wie die genannte Beleuchtungsaktion, die Rosentage oder das Knabenchor-Festival dem Image von Tölz gut. Die „Festivalisierung“ stößt aber an ihre Grenzen, wenn man sich anschaut, wie viele Events in Oberbayern in der Saison stattfinden. Man kann also hier nicht mehr beliebig aufrüsten. Und ob signifikant mehr Besucher in Tölzer Hotels übernachten, weil sie das eine oder andere Event besuchen wollen, kann ich nicht beurteilen.

Müssten nicht der Landkreis und seine vielfältigen touristischen Stärken viel mehr einbezogen und weniger die rein lokale Kirchturmperspektive eingenommen werden?

Den gesamten Landkreis als „touristisches Produkt“ zu vermarkten, halte ich nicht für realistisch. Die Wahrnehmung ist der Isarwinkel, also von Bad Tölz nach Süden. Deswegen ist eine Zusammenarbeit der Gemeinden entlang der Isar nach Süden absolut notwendig. Den Touristen sind die Gemeindegrenzen egal!

Und da kommen die Einwohner der umliegenden Dörfer ins Spiel. In den über 20 Jahren, in denen ich mich im Isarwinkel zu Fuß, mit dem Fahrrad, in der Loipe bewegt habe, gewann ich den Eindruck, dass sehr viele Einheimische die Touristen und Ausflügler nicht mögen, obgleich doch manche von ihnen leben. Das gibt einfach kein gutes Gefühl. Auch die Gastronomie im Isarwinkel ist, mit wenigen Ausnahmen, nicht optimal. Da wären gemeinsame Initiativen aller Akteure angebrachter als die Subventionierung von Hotelbetten in Bad Tölz.

Christoph Schnitzer

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