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Die Messung des Augeninnendrucks ist eine IGeL-Leistung, die die Patienten selbst bezahlen müssen.

Medizin

IGeL-Leistungen auf Herz und Nieren prüfen

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Bad Tölz-Wolfratshausen - Gut für die Gesundheit oder vor allem fürs Portemonnaie des Arztes? Die „individuellen Gesundheitsleistungen“ – kurz IGeL –, die Patienten selbst bezahlen müssen, rufen Kritik auf den Plan. Ärzte aus dem Landkreis erklären, welche IGeL-Leistungen sie anbieten und warum.

Sie bilden einen wachsenden Markt und stehen immer wieder in der Kritik: die sogenannten IGeL-Leistungen beim Arzt. Das sind Untersuchungen und Behandlungen, deren Nutzen nach Ansicht der Krankenkassen nicht ausreichend belegt ist und für deren Kosten der Patient selbst aufkommen muss. Viele davon seien überflüssig, bemängelte jetzt der Medizinische Dienst der Krankenkassen. Das wollen Ärzte im Landkreis so nicht stehen lassen.

„IGeL-Leistungen generell unter Verdacht zu stellen, ist falsch“, sagt Dr. Andreas Lang, Sprecher der Ärzte im Landkreis. „Richtig angewandt, sind sie in Ordnung. Aber sie sollten natürlich nicht nur der Einnahmeerzielung des Arztes dienen.“ Letzteres sei in seiner Praxis auch nicht der Fall. Als Beispiel nennt er die Feststellung von Nieren-, Leber- und Schilddrüsenwerten im Rahmen des Bluttests beim Gesundheitcheck ab 35. Hierfür gebe es zum Beispiel ein „Laborpaket“ für 22,50 Euro. „Jeder muss selbst wissen, ob er das will“, sagt der Gaißacher Allgemeinmediziner. „Ich erachte es für sinnvoll.“ Auch eine Knochendichtemessung sei bei Patienten in einem bestimmten Alter vernünftig. „Warum soll ich warten, bis sich jemand den Oberschenkelhals bricht?“

„Umstritten“ sei dagegen die Ermittlung des sogenannten PSA-Werts, der sich auf ein prostataspezifisches Antigen im Blut bezieht. Dieser könne auf Prostatakrebs hinweisen – aber eben auch auf harmlose Veränderungen der Prostata. „Wir bieten das nur in einer Gesamteinordnung mit anderen Befunden, Risikofaktoren und dem Alter an“, sagt Lang.

Der Mediziner räumt ein, dass mit IGeL-Leistungen auch „Schindluder“ getrieben werden könne. „Ärzte haben nicht zwingend einen besseren Charakter als andere Berufsgruppen.“ Allerdings gebe es durch die Ärztekammer eine strenge Berufsaufsicht. Keinesfalls dürften medizinische Leistungen vom Arzt „verkauft“ werden.

Wenn jemand behaupte, dass Ärzte den Patienten Unnötiges aufschwatzen, „dann ist das eine Verdächtigung, die ich nicht akzeptieren kann“, erklärt der Tölzer Gynäkologe Dr. Heinz Nitschke. „Ich schlage bestimmte Untersuchungen vor und kläre darüber auf, dränge aber niemanden.“ Ob sie eine IGeL-Leistung in Anspruch nehme, sei die „ureigene Entscheidung“ der Patientin. In der Gynäkologen-Praxis sei eine Kontrolle der Eierstöcke per Ultraschall die häufigste IGeL-Leistung. „Dieses Organ ist durch Tasten sehr schwer zu beurteilen“, sagt Nitschke. „Eine Kassenleistung ist die Untersuchung aber nur, wenn es schon einen Krebsverdacht gibt.“ Allerdings seien die meisten Kassen inzwischen so „vernünftig geworden“, den Patientinnen die Rechnung – um die 40 Euro – im Nachhinein größtenteils zu erstatten.

Die gängigste IGeL-Leistung beim Augenarzt ist die Messung des Augeninnendrucks. Der Tölzer Mediziner Dr. Tomas Schaal empfiehlt Patienten ab 40, sie einmal im Jahr durchführen zu lassen – für je rund 20 Euro. „Die Untersuchung wird von der Fachgesellschaft für Augenheilkunde als wichtig eingestuft“, betont er. Dabei geht es um die frühzeitige Diagnose des Glaukoms („grüner Star“), das laut Schaal lange unerkannt und schleichend verläuft und beim Auftreten erster Symptome bereits Schäden an den Augen angerichtet hat.

Dass solche IGeL-Leistungen in Verruf geraten sind, „das rührt daher, dass sie den Patienten manchmal überfallmäßig dargeboten und nicht ausreichend erklärt werden“, glaubt Schaal. Er selbst gibt den Patienten daher einen Aufklärungsbogen mit, den sie in Ruhe zu Hause lesen können.

Beim Zahnarzt gibt es unterdessen nur wenige IGeL-Leistungen im engeren Sinne, wie Dr. Ralf Angermaier, Sprecher der Landkreis-Zahnärzte, erläutert. Beispiel Zahnstein-Entfernung: Hier sei, anders als bei IGeL-Leistungen, der medizinische Nutzen erwiesen, so Angermaier – doch die Kassen bezahlen die Behandlung nur noch einmal pro Jahr. Das zweite Mal muss der Patient selbst bezahlen – das mache für die reine Zahnstein-Entfernung etwa 18 Euro, sagt der Tölzer. Eine professionelle Zahnreinigung von bräunlichen Belägen, die von Kaffee, Tee, Nikotin oder Rotwein herrühren, koste dagegen je nach Aufwand grob 1,50 Euro pro Minute. Dass dafür die Patienten selbst aufkommen müssen, hält Angermaier für richtig.

Selten wird Angermaier auch nach einer IGeL-Leistung gefragt, die gar keine medizinische Zielsetzung hat: dem Aufkleben eines Glitzersteins auf den Schneidezahn. Für rund 60 Euro übernimmt das der Zahnarzt. „Aber das ist zurzeit nicht der Renner.“

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