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Einstieg in die Gastronomie: Kuflom Gebrebrhan (re.) aus Eritrea hat im Arabella Brauneck-Hotel eine Chance bekommen.

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Beenden Flüchtlinge den Azubi-Mangel?

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Bad Tölz-Wolfratshausen – Zum vierten Mal in Folge ist im Landkreis die Zahl der neuen Ausbildungsverträge gesunken. Die Integration von Flüchtlingen sei der Schlüssel für den Mangel an Bewerbern, sagt IHK-Chef Reinhold Krämmel.

Um 1,2 Prozent sank die Zahl der Ausbildungsverträge im Vergleich zum Vorjahr. Sowohl bei kaufmännischen Berufen (minus 11,2 Prozent) als auch bei gewerblich-technischen Berufen (minus 11,7 Prozent) gab es laut IHK einen Rückgang an Lehrlingen. Besonders gravierend ist demnach die Situation im Einzelhandel (61 neue Verträge/Vorjahr 75) und im Bereich Metalltechnik (57/71). 100 der 758 gemeldeten Ausbildungsstellen im Landkreis blieben unbesetzt. „Die Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen ist ungebrochen“, sagt Krämmel. „Doch es gehen ihnen schlichtweg die Azubis aus.“

Das bestätigt Leo Büttner. „Es ist sehr schwierig, geeignete Azubis zu finden“, sagt der Bäckermeister. Obwohl sein Betrieb einiges dafür tue: Anzeigen schalten, in die Schulen gehen, auch beim Job-Speed-Dating war er dabei. „Wir probieren alles mögliche“, sagt Büttner. Interessierten empfiehlt er ein Praktikum, um zu sehen, ob der Beruf zu einem passe.

Bei den Tölzer Stadtwerken gibt es zwei mögliche Ausbildungsrichtungen: Industriekaufmann oder Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik. Für erstere gebe es sehr viele Bewerbungen, sagt Sprecherin Andrea Bacher. Bei den Elektronikern sei es überschaubar. Dabei seien die Anforderungen nicht höher. „Man muss sich für den Beruf interessieren und einen guten Hauptschulabschluss haben“, so Bacher. Beide Azubi-Stellen konnten die Stadtwerke für dieses Jahr besetzen.

Um den Rückgang aufzuhalten, fordert Krämmel: „Es ist höchste Zeit zu handeln. Flüchtlinge könnten der Schlüssel zur Lösung werden.“ Derzeit erlernen im Kreis 63 ausländische Jugendliche einen Ausbildungsberuf.

In der Tölzer Bäckerei Hegmann-Büttner hat im vergangenen Jahr ein Äthiophier seine Ausbildung zum Bäcker beendet. Derzeit steht ein junger Mann aus Eritrea im ersten Ausbildungsjahr. „Im Juli hat er noch keine fünf Wörter Deutsch gesprochen“, sagt Leo Büttner. „Jetzt kann man sich normal mit ihm unterhalten.“ Er sei sehr zufrieden mit den Flüchtlingen, die bisher bei ihm ihre Ausbildung gemacht hätten. „Sie sind alle sehr motiviert und wollen etwas erreichen.“

Allerdings gebe es auch Grenzen: „Man muss schauen: Wie viel verträgt ein Betrieb?“ Denn der Aufwand sei groß. Bis ein Asylbewerber sprachlich so fit sei, dass er alles verstehe, müsste man jeden Schritt mitgehen. Auch gebe es Bereiche, in denen es schwer sei, Azubis einzuarbeiten, die noch kaum Deutsch verstehen. „Im Verkauf ist es essentiell, dass der Azubi den Kunden versteht.“

Die Sprachbarriere könnte sich als Hindernis erweisen, wenn Flüchtlinge bei den Stadtwerken anfangen möchten. Laut Bacher gibt es bei der Ausbildung zum Elektroniker viele fachspezifische Begriffe. Hier wollen die bayerischen IHKs ansetzen und acht Millionen Euro für berufs- und ausbildungsbegleitende Sprachförderung, den Aufbau von Unterstützungsstrukturen oder die spezifische Fortbildung von Ausbildern für Flüchtlinge zur Verfügung stellen.

Es gebe genug Bewerber für die Ausbildung im Groß- und Einzelhandel, heißt es vom BayWa-Baustoffkompetenzentrum in Bad Tölz. Flüchtlinge könnten sich dennoch bewerben. Sie müssen das übliche Verfahren durchlaufen, so das Unternehmen auf Nachfrage: Schriftliche Bewerbung, Online-Test, Bewerbungsgespräch. „Kenntnisse der deutschen Sprache sind unumgänglich“, sagt eine Sprecherin. Auch eine Arbeitserlaubnis sei nötig. Die Empfehlung: „Vor einer Bewerbung zur Ausbildung bietet sich ein Praktikum an.“

Das Brauneck-Hotel in Lenggries hat bereits Erfahrungen gesammelt: Ein junger Mann aus Eritrea hat im Februar seine Ausbildung zum Koch begonnen. „Wenn’s von beiden Seiten her passt“, dann funktioniere es auch, sagt Personalreferentin Simone Heilig. Generell sei der Einstieg als Koch leichter als zum Beispiel im Hotelfach, da dafür auch weniger gute Deutschkenntnisse ausreichen. Aber: „Die Herausforderung bleibt die Schule.“ Beim Mann aus Eritrea hätte sich die Sprache im vergangenen halben Jahr „bombastisch gut“ entwickelt.

Ein ausgebildeter Dreher aus Eritrea hat ein sechswöchiges Praktikum bei Hawe in Sachsenkam absolviert. „Er hat an einfachen Drehmaschinen gearbeitet“, sagt Werksleiter Knut Krekemeyer. „Hawe hat überwiegend komplexe Maschinen, die konnte er nicht bedienen.“ Allerdings wäre nach einer Einarbeitung ein Einsatz in der Montage denkbar gewesen. Auch er sagt: „Gute Deutschkenntnisse wären eine wichtige Voraussetzung. “ Es spreche nichts dagegen, auch Asylbewerber ins Auswahlverfahren für Ausbildungsplätze mit einzubeziehen – auch wenn „Hawe“ insgesamt keinen Mangel an Bewerbern zu beklagen habe.

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