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Wachsame Territoriumswächter: Zwei männliche Herdenschutzhunde vom Typ Kangal aus einem arbeitenden Rudel in Zentralanatolien.

Im Gespräch mit Thomas Schoke 

Schutzhunde gegen den Wolf

Der Wolf erobert Mitteleuropa zurück. Almbauern bangen um ihr Vieh, Naturschützer machen sich dabei für Herdenschutz stark. Doch was sind Herdenschutzhunde?

Bad Tölz-Wolfratshausen –  Der Tölzer Kurier hat mit Thomas Schoke gesprochen. Der Saarländer ist Hundetrainer und Autor des Standard-Nachschlagewerks „Herdenschutzhunde“.

Für den Schutz der Nutztiere vor Beutegreifern „werden seit Jahrtausenden sehr robuste, imposante und bis zu 70 Kilogramm schwere Hunde hochspezialisierter Rassen eingesetzt“, sagt Schoke. „Herdenschutzhunde arbeiten in Rudeln; sie sind genetisch und soziologisch perfekt an ihre Aufgaben angepasst.“

Diese Hunde seien Territoriumswächter. Sie bewachen und verteidigen ihr Gebiet und schützen die darauf lebenden Menschen und deren Nutztiere „quasi aus Versehen“ mit, sagt der Experte. Jeder, der in ihr Gebiet eindringe, werde von ihnen gestellt und zurückgedrängt. Das gelte für Beutegreifer, Hunde, gleichermaßen aber auch für Wanderer und Fahrradfahrer. Schoke: „Obwohl Herdenschutzhunde weder grundsätzlich aggressiv gegenüber Menschen sind noch zu überzogenen Reaktionen neigen, bergen Begegnungen mit arbeitenden Hunden immer ein Eskalationspotenzial.“ Gefährlich werde eine Begegnung, wenn Haushunde auf das bewachte Territorium gelangen oder sich Menschen aggressiv verhalten, wenn sie von Herdenschutzhunden gestellt werden.

Wer Herdenschutzhunden begegnet, müsse die Nerven behalten, rät der Experte: „Wer als Wanderer in solch eine Situation gerät, der sollte ruhig bleiben, sich passiv verhalten, schnelle Bewegungen vermeiden, den Blick abwenden und sich langsam in umgekehrter Richtung entfernen.“ Aber er warnt: „Dazu sollte man es besser schon nicht kommen lassen und die bewachten Herden lieber weiträumig umgehen.“

Schoke hat eine klare Meinung: „Gebiete in Südost- und Osteuropa, in denen Herdenschutzhunde eingesetzt werden, sind extrem dünn besiedelt. Ein Rudel kontrolliere dort ein Territorium von 15 Quadratkilometern und mehr. „Die Einheimischen wissen das. Da geht niemand hin.“ Herdenschutzhunde könnten deshalb nicht in jedem Umfeld eingesetzt werden. „In den dicht besiedelten und touristisch stark genutzten Alpen stehen die notwendigen Räume nicht zur Verfügung“, sagt Schoke.

Während in traditionellen Herdenschutzgebieten der Abstand zwischen Gehöften oft 20 Kilometer betrage, bestehe in den Voralpen zwischen Almen und zwischen Höfen meist Sichtkontakt, von Städten und Dörfern ganz zu schweigen.

Thomas Schoke ergänzt noch: „Wo Herdenschutzhunde eingesetzt werden, gerät der Wolf unter Verdrängungsdruck und zieht eine Weide weiter. Das ist das klassische Floriansprinzip.“ Doch je mehr man den Wolf aus Weidegebieten vertreibe, desto näher komme er den Menschen, und das sei nicht wünschenswert.

Sorge bereitet ihm auch das Schicksal von Herdenschutzhunden: „Wenn die Projekte schief gelaufen sind, wird man sie am Ende davonjagen, sich selbst überlassen, in Tierheime abschieben oder einschläfern, denn geeignete Plätze bei privaten Hundehaltern sind jetzt schon Mangelware.“

Wer mehr wissen will: Das Buch „Herdenschutzhunde“ von Thomas Schoke ist im „animal learn“- Verlag erschienen. 

Rainer Bannier

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