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Auf großes Interesse bei den Schülern stieß die Lesung von Tobias Ginsburg aus seinem Buch „Die Reise ins Reich“.

Vortrag an der Tölzer Tölzer FOS/BOS

Insider-Wissen aus der Parallelwelt der „Reichsbürger“

Reichsbürger behaupten, die Bundesrepublik sei eine GmbH und ihre Bürger nur Personal. Das wissen viele. Autor Tobias Ginsburg hat bei seinen  Insider-Recherchen noch viel mehr über die Szene erfahren und berichtete darüber an der  Tölzer FOS/BOS.

Bad TölzDer Autor und Regisseur Tobias Ginsburg hat sich 2017 auf Mission in die Welt der „Reichsbürger“ begeben. Acht Monate recherchierte er inkognito, gelangte unter seinem Pseudonym Tobias Materus sogar bis in die innersten Kreise. Am Donnerstag hielt er für die Schüler der Tölzer FOS/BOS eine Lesung aus seinem daraus resultierendem Buch „Die Reise ins Reich“.

Reichsbürger sind Leute, die nicht daran glauben, dass das Deutsche Reich je geendet habe. Sie behaupten, die Bundesrepublik sei eine GmbH, ihre Bürger nur Personal. Sie lehnen die bestehende Rechtsordnung ab, stellen sich ihre eigenen Ausweise aus, glauben an krude Verschwörungstheorien und sehen sich im Kampf gegen die „Neue Weltordnung“. Als im Oktober 2016 ein Reichsbürger einen Polizisten erschießt, wird deutlich, dass es sich nicht nur um einen Haufen Spinner, sondern um eine höchst gefährliche Erscheinung handelt.

Ginsburg, Jahrgang 1986, wollte mehr wissen und begab sich dazu ins „Königreich Deutschland“, gegründet auf einem Grundstück in Wittenberg in Sachsen-Anhalt. Er gab sich als „erwachter“ Autor aus, der über die Sache schreiben wolle, und erlangte so das Vertrauen der Bewohner.

Skurrile Parallelwelt

In der Aula der FOS/BOS lauschten etwa 200 Schüler aus der 12. und 13. Jahrgangsstufe gebannt seinen Erlebnissen in der skurrilen Parallelwelt der „Reichsbürger“. Ginsburg sagte: „Es ist erschreckend, wie viele stinknormale Leute dabei sind.“ Seinen Vortrag gestaltet er fast wie ein Ein-Mann-Bühnenstück. Lebhaft, eloquent und mit einem guten Schuss Ironie holte er die jungen Leute ins Boot. Er machte auch klar, dass diese Art von Aussteigertum durchaus auch etwas Romantisches an sich habe und man darüber hinaus auch schnell einen gewissen Status erlangen könne in diesen Kreisen. Eine fatale Sache.

Im Unterricht werde das Thema Reichsbürger natürlich auch mal angesprochen, sagte Lehrer Markus Theil, Initiator der Lesung. Diese Ausführlichkeit allerdings gibt der straffe Lehrplan nicht her.

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Man kann das Insider-Wissen von Ginsburg durchaus als einen Blick in den Abgrund definieren, der sich inmitten der Gesellschaft auftut. Er nannte dabei Parteien, Politiker oder auch Popmusiker, die ihre Sympathie dafür kaum leugnen können – auch wenn natürlich keiner das Kind beim Namen nennen will. Neu seien weder Verschwörungstheorien, die Ideologie des Rechtsextremismus, noch die Überzeugung der Anhänger, man stehe auf der richtigen, der aufrechten Seite. Nebulöses Gerede über „das System“ sei an der Tagesordnung, verlange man allerdings klare Aussagen, blieben die Antworten aus.

Ob denn niemand misstrauisch geworden sei, kam die Frage aus den Reihen der Schüler. „Ich habe schnell gelernt, nicht zu lachen, auch wenn die Gespräche noch so absurd waren. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass diese Leute wirklich daran glauben, was sie sagen.“

Aber warum glauben Leute an Chemtrails, Geheimlogen und dergleichen? Diese weitere Frage beantwortete Ginsburg damit, dass man einfache Antworten suche, das eben irgendjemand schuld sein müsse an allem. Er verdeutlichte auch die Nähe zur Esoterik, die den Anhängern der „Sekte“ gemein sei.

Allerdings sei das oft nur ein verschlungener Nebenweg, um Leute auf sich aufmerksam zu machen, und, nebenbei gesagt, oft genug auch eine erkleckliche Einnahmequelle.

Bedrohungen nach Ausstieg aus der Szene

Nach seinem Ausstieg hagelte es zunächst Bedrohungen, „seit drei oder vier Monaten kommt aber nichts mehr“. Allerdings habe niemand aus der organisierten rechtsextremen Szene sowie aus der AfD auf sein Buch reagiert. Für Ginsburg eine klare Sache: „Die haben was zu verlieren und möchten kein Aufsehen erregen.“ (Ines Gokus)

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