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Mitarbeiter mit Fluchthintergrund: Im Landkreis ist das derzeit noch die Ausnahme. Die Stadt Bad Tölz will mit einem Pilotprojekt Berührungsängste abbauen, aber auch Probleme benennen. 

Jobs für Flüchtlinge

Integration auf Arbeitsmarkt läuft zäh

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Bad Tölz-Wolfratshausen - Noch schleppend geht es mit der Integration von Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkt voran. Diejenigen, die eine Festanstellung in der Tasche haben, sind die Ausnahme. Es laufen viele Bemühungen, das zu ändern.

„Es sind viele, die Arbeit suchen – mit dem Finden hapert es noch.“ So fasst Armin Ebersberger, Sozialplaner der Stadt Bad Tölz, den Stand beim Thema Flüchtlinge und Arbeitsmarkt zusammen. Positive Beispiele gebe es durchaus. Erst vor Kurzem habe eine Tölzer Dachdecker-Firma dringend einen Mitarbeiter gesucht – und einen „heißen Tipp“ aus dem Asylhelferkreis bekommen. Der so vermittelte Geflüchtete erscheine nun täglich pünktlich auf der Baustelle, er habe Aussicht auf eine Festanstellung, „und alle freuen sich über die Situation“, berichtet Ebersberger.

Der Regelfall sind solche Erfolgsgeschichten aber nicht. Das bestätigt Andreas Baumann, Leiter des Tölzer Jobcenters. Wer im Heimatland hochqualifiziert war, etwa als Hochschullehrer, „der kriegt auch einen Job“. Bei der breiten Masse der Geflüchteten laufe die Jobvermittlung aber „zäh“.

So steige die Zahl der Hartz-IV-Empfänger mit Fluchthintergrund im Landkreis kontinuierlich: von 176 Anfang des Jahres auf aktuell 461. Kein Zufall ist es aus Baumanns Sicht, dass diese Zahl ziemlich genau der Menge der „Fehlbeleger“ in den Asylunterkünften des Landkreises entspricht (430 zum Stichtag 8. September). So gut wie alle Asylbewerber mit Bleiberecht seien zunächst auf Hartz IV angewiesen, so Baumann.

Bei der für den Landkreis zuständigen Agentur für Arbeit in Rosenheim sieht man bei dem Thema Licht und Schatten. „Was positiv ist: Die Arbeitgeber in der Region sind prinzipiell offen für die Einstellung von Geflüchteten, insbesondere in der Gastronomie“, sagt Pressesprecherin Silke Stichaner. Im „Helferbereich“ seien auch erste Vermittlungserfolge zu verzeichnen. Ein Hemmnis seien dagegen die fehlenden Sprachkenntnisse und der Mangel an anerkannten Berufsabschlüssen auf Seiten der Flüchtlinge.

Als gute Voraussetzung sieht Baumann immerhin, dass der Arbeitsmarkt im Landkreis „aufnahmefähig“ sei. Das sehe man daran, dass im vergangenen Monat mehr Menschen den Absprung aus Hartz IV in einen Job geschafft haben als neu dazugekommen sind. „Was wir zurzeit vermitteln, ist gigantisch“, sagt Baumann. Und für die Qualifikation der Arbeitsuchenden stehe dem Jobcenter heuer und im kommenden Jahr ein deutlich höheres Budget zur Verfügung als in der Vergangenheit. Für Flüchtlinge kämen hier in erster Linie Bewerbungstrainings mit berufsbezogenen Deutschkursen in Frage. Von den erhöhten Geldmitteln würden übrigens alle Bewerber profitieren: ob nun Geflüchtete oder Einheimische.

Auch die Stadt Bad Tölz ergreift nun die Initiative. Mit einer Info-Veranstaltung am Dienstag, 11. Oktober, startet ein Pilotprojekt. „Wir wollen beiden Seiten – Arbeitgebern und Mitarbeitern mit Fluchthintergrund – eine Hilfestellung und Begleitung anbieten“, erklärt Wirtschaftsförderer Falko Wiesenhütter. Als Partner seien das Mehrgenerationenhaus und die Tölzer Coaches im Boot. Sie könnten für eine befristete Zeit als Ratgeber zur Verfügung stehen – was bürokratische Fragen angeht, vor allem aber in praktischen Fragen des Arbeitsalltags. So soll Arbeitgebern die Entscheidung leichter gemacht werden, die grundsätzlich offen für die Einstellung von Flüchtlingen sind, aber vor dem möglichen Aufwand zurückschrecken oder Vorbehalte haben – „zum Beispiel, was die Arbeitsleistung von Menschen aus einem anderen kulturellen Umfeld angeht“, sagt Sozialplaner Ebersberger. Er räumt auch ein: „Bei einigen Geflüchteten gibt es andere Ideen von Arbeitshaltung als bei uns üblich.“

„Nicht durch die rosarote Brille, sondern kritisch, ehrlich und offen“ wolle man daher über Probleme sprechen – aber eben auch über die Chancen, sagt Wiesenhütter. Beim Auftaktabend am Dienstag berichten drei Tölzer Unternehmen über ihre Erfahrungen mit Mitarbeitern mit Fluchthintergrund. Dazu sind Führungskräfte und Personalverantwortliche aus Bad Tölz und dem Umland ab 19 Uhr in den „WeltRaum“ am Vichyplatz eingeladen. Sie können sich per E-Mail an wiesenhuetter@bad-toelz.de anmelden.

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