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An einem Lieblingsplatz in Tölz: Josef Janker (67) am Kalvarienberg mit Blick auf Altstadt und die Berge. 

Josef Janker im Gespräch

Interview mit dem scheidenden Bürgermeister: Ohne Verantwortung Tölz genießen

Nach 12 Jahren als Tölzer Bürgermeister und 24 Jahren Kommunalpolitik ist Josef Janker (67) Ende April in den Ruhestand gegangen. Im Gespräch blickt er nochmals zurück.

Wie waren die ersten Tage als Privatmann? Hat man sich das wie Loriots „Papa ante portas“ vorzustellen? Josef Janker als energischer Hausmann?

Josef Janker: (lacht) Gewiss nicht. Ich war auch früher schon im Haushalt integriert. Wenn ich Zeit hatte, habe ich gerne gekocht. Ich mag auch das Brotbacken. Ansonsten habe ich den Job nie als Belastung empfunden. Aber am Freitag, als ich das erste Mal nicht für irgendetwas verantwortlich war, was in Tölz geschieht, war das irgendwie ein befreiendes Gefühl. Da war offenbar doch ein Druck da.

Blick zurück in eigener Sache: Nach 12 Jahren als Tölzer Bürgermeister können Sie‘s ja beurteilen: Sind wir Medien wirklich die Totengräber der Gesellschaft, wie Sie 2008 verkündeten?

Josef Janker: Nein, nein. Ich weiß, das hängt mir immer noch nach. Aber so pauschal würde ich das nie mehr sagen. Das war aus einer kurzzeitigen Verärgerung heraus. Aber ich habe gelernt: Man darf nicht pauschalisieren. Sondern man muss es auf den Punkt bringen, auf eine konkrete Person und Vorgang beziehen.

Was waren die drei wichtigsten erfolgreichen Projekte der Amtszeit für Sie?

Josef Janker: Das Konzept für die Sportanlagen und Hallen in Tölz. Wie wir das geplant und durchgezogen haben, war toll. Als zweites würde ich unseren Umgang mit Asylsuchenden nennen. Ich weiß noch den Anruf vom Landrat, der zwei Dutzend Flüchtlinge unterbringen musste. Wir hätten ablehnen können. Aber wir haben es in die Hand genommen und vier große Dachwohnungen an der General-Patton-Straße angeboten. Dann haben wir uns im Rathaus unterhalten, dass wir mit den Flüchtlingen ja auch etwas machen müssen. Aus drei, vier Freiwilligen hat sich dann ein Helferkreis mit über 200 Leuten entwickelt. Darauf bin ich echt stolz. Wir haben mehr Schutzsuchende als Wolfratshausen und Geretsried untergebracht. Und es gab keine Proteste. Super. Natürlich war auch der Rathausumbau wichtig. Es ging um Brandschutz, die Arbeitsbedingungen und die Barrierefreiheit.

Ihr Umgang mit der Tölzer NS-Geschichte, ich nenne die Beispiele Hindenburgstraße und Projekt Ge(h)denksteine, war überregional wegweisend. Sie sind ja nun kein Historiker. War das reiner Pragmatismus?

Josef Janker: Mich interessiert Geschichte, aber richtig, ich bin kein Mann der Geschichte. Vielleicht war es wirklich Pragmatismus. Ich habe gesehen, wie sich etwa in Garmisch beim Thema Hindenburg zwei Lager gebildet haben. Und ich habe mir überlegt, dass es nicht nur Schwarz und Weiß, sondern auch Grau gibt. Dann habe ich mir Leute für einen Arbeitskreis Hindenburg gesucht. Und ich habe mich nicht eingemischt. Wenn die gesagt hätten, der Straßenname muss weg, hätte ich das mitgetragen.

Pragmatismus zeigten sie auch, als die große Flüchtlingswelle startete. Sie haben als erstes im Landkreis den Bau von Gemeinschaftsunterkünften angeleiert. Diese Unterkünfte werden später einmal günstige Wohnungen für Tölzer. Stolz darauf?

Josef Janker: Ja. Definitiv. Erstens haben wir die Menschen anständig untergebracht. Und wir haben mit der Finanzierung durch den Freistaat etwas Werthaltiges für Tölz geschaffen. Nach zehn Jahren besitzen wir 36 Appartements in guter Lage.

Könnten Sie damit leben, dass in 30 Jahren nur noch eines von Ihnen erzählt wird: Dass nämlich Sie dafür gesorgt haben, dass Tölzer Kinder kostenlos das Schwimmen lernen dürfen?

Josef Janker: (emotional) Ja freilich. Das würde mich sogar unglaublich freuen. Schwimmen ist wichtig. Das ist etwas, was du den Kindern als Stadt mitgeben kannst. Und du kannst indirekt sogar Druck auf die Eltern aufbauen, dass sie selbst mit den Kindern zum Schwimmen gehen. Die 7000 Euro im Jahr kannst du nicht besser anlegen. Auch wenn am Anfang viele darüber gelacht haben. Das Modell hat übrigens einen Nachfolger gefunden. In Neustadt bei Coburg kriegen Kinder jetzt auch kostenlosen Schwimmunterricht.

Was war in Ihrer Wahrnehmung der größte Misserfolg Ihrer Laufbahn?

Josef Janker: Definitiv die Bruckfeld-Geschichte (Die Stadt unterlag vor Gericht mit der Absicht, ein Wohnbauvorhaben zu verhindern, Anm. d.R.). Wir hätten das Wohnen zulassen sollen. Aber E+5 war nicht akzeptabel. Ich habe die Besitzer ja gefragt, ob sie an uns verkaufen. Man hat mir geantwortet: „So viel können Sie mir gar nicht bezahlen.“
Ansonsten: Ich habe die positive Eigenschaft, negative Dinge zu vergessen.

Warum hat die Stadt nicht die einmalige Chance ergriffen, für wenig Geld von Eon den Bichler Hof und alle Flächen zu erwerben und damit auf Jahre hinaus vorzusorgen?

Josef Janker: Mit dem Wissen von jetzt würde ich auch kaufen. Ich würde alles kaufen, was auf dem Markt ist. Die Preise explodieren ja. Aber die Situation war damals so, dass wir erst sehr spät erfahren haben, dass der Hof zum Verkauf steht. Da gab es schon mehrere Interessenten. Die Verhandlungen (mit Hubert Hörmann, Anm.d.R.)waren schon sehr weit gediehen. Zudem haben wir uns zunächst gefragt: Was sollen wir mit dem Hof? Sanieren, Betreiber suchen, all das ist schwierig für eine Stadt. Und an Wohnbebauung hat von uns am Anfang keiner gedacht. Das ist Außenbereich. Noch ein Wort zum Vorkaufsrecht: Die Stadt wird erst gefragt, wenn beurkundet wird, und muss einen berechtigten Grund vorlegen.

Ist das von Ihnen forcierte Projekt Frischzellentrum am Fuße des Kogels ein Fehler gewesen?

Josef Janker: Leider Gottes hat sich das bislang nicht so entwickelt, wie es ursprünglich geplant und vereinbart war. Das stimmt. Das Unternehmen selbst ist ok. Davon profitiert über die Steuer auch die Kommune. Aber insgesamt ist das bislang zu wenig.

Was werden Sie denn am meisten an Ihrem Bürgermeisteramt vermissen?

Josef Janker: Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Rathaus und die Leute im Bauhof. Und der Kontakt zu den vierten Grundschulklassen, die mich regelmäßig besucht haben. Das war herzerfrischend. „Griaß Di, Bürgermoasta“, hat der eine mich begrüßt, und der andere hat gefragt: „Wia oid bist’n Du?“ Sag ich 65. Da meint er: „Bist fei scho ganz schee oid.“ Ehrlich, das war jedes Mal ein Genuss für mich.

Sie haben doch Humor und können sogar über sich selbst lachen. Warum haben Sie sichbeim Reichersbeurer Faschingszug 2015 so eine Blöße gegeben und waren nicht dabei? Das war landauf, landab Tagesgespräch.

Josef Janker: Vielleicht ist es ein bisschen blöd gelaufen. Aber ich hatte wirklich schon vorab eine Urlaubsreise nach Fuerteventura mit Bekannten ausgemacht und die war leider nur mit den Sitzungsterminen abgestimmt. Das wollte ich dann nicht mehr absagen. Bei denen, die sauer waren, habe ich mich entschuldigt. Und die, die gespottet haben, haben schon Recht gehabt.

Apropos: Wo werden Sie am 2. März 2025 sein?

Josef Janker: (lacht) Das weiß ich noch nicht. Ich hoffe erst einmal, dass es mir dann noch gut geht. Aber wissen Sie was, ich werde mir den Termin jetzt sofort aufschreiben. Wenn ich im März 2025 da bin, dann unterstütze ich unsere Tölzerinnen und Tölzer.

Sie hatten mal eine Gesteinssammlung. Was werden denn jetzt Ihre Hobbys sein?

Josef Janker: Als allererstes meine zwei Enkel. Bei denen steht der Opa ganz hoch im Kurs. Dann kommt als zweites mein Garten. Und dann werde ich meinem Sohn im Baugeschäft helfen und Urlaubsvertretung machen. Sonst bin ich nur der Hausl. Wenn er da ist, darf ich nicht auf die Baustelle hinaus. Ansonsten freue ich mich darauf, mit meiner Frau und den Kindern und Spezln beisammen zu sein. Ja und natürlich Tölz genießen.

Werden Sie in Vereinen tätig sein?

Josef Janker: Nicht mehr als bisher. Ich bin bei den Schützen dabei und bei Kolping. Ich werde wieder zum Fischen gehen.

Einen menschlichen Ratschlag für Ihren Nachfolger würde ich noch gerne hören?

Josef Janker: Gelassenheit haben. Leben und leben lassen. Und Mut haben.

Christoph Schnitzer

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