Der Tölzer Kirchenmusiker Christoph Heuberger leitet mehrere Chöre.
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Der Tölzer Kirchenmusiker Christoph Heuberger leitet mehrere Chöre.

Christoph Heuberger im Gespräch

Interview mit Tölzer Kirchenmusiker: Lieber Gesang mit Maske als gar kein Gesang

In der Reihe „Wie geht’s?“ fragen wir bei Menschen aus dem Landkreis nach, wie sie die ungewöhnlichen Corona-Zeiten erleben. Heute: Der Tölzer Kirchenmusiker Christoph Heuberger im Gespräch.

Bad Tölz – Der Tölzer Kirchenmusiker Christoph Heuberger hat in der Corona-Krise neue Konzertformen entwickelt, die mit den Sicherheitsvorgaben vereinbar sind – und so seine musikalischen Mitstreiter wie Konzertpublikum und Gottesdienstbesucher erfreut.

Herr Heuberger, wie geht man als Leiter eines großen Kirchen- und eines Kammerchors damit um, dass Singen in der Corona-Pandemie plötzlich zur hoch gefährlichen Angelegenheit wird?

Christoph Heuberger: Das war natürlich schon erst einmal schockierend, dass Chorsingen nicht nur das Immunsystem stärkt und zur allgemeinen Gesundheit beiträgt, sondern dass man dabei ähnlich häufig wie in Nachtklubs, Kneipen und Fußballstadien dieses Virus überträgt. Aber ich glaube, wir haben schnell gelernt: Singen in kleinen Besetzungen mit mehr als zwei Metern Abstand, ständiges Lüften, kein geselliges Beisammensein nach Proben und Aufführungen, das ist uns schon selbstverständlich geworden. Wir können auf der Empore der Stadtpfarrkirche bis zu acht Sängerinnen und Sänger unterbringen und experimentieren auch immer wieder: An Kirchweih haben wir mit starker klanglicher Wirkung mit 16 Personen, auf die beiden Oratorien und den Altarraum verteilt, gesungen. Stimmbildung machen wir seit Ende Oktober aber nur in Kleingruppen und kurzen Einheiten bei drei Metern Abstand. Auf ein Paradox möchte ich hinweisen: Trotz der räumlichen Distanz empfinde ich eine besondere Nähe zu den Mitwirkenden.

Was ist von den ursprünglich für dieses Jahr geplanten Konzerten übrig geblieben, was musste entfallen?

Christoph Heuberger: In den Lockdown ab Mitte März fiel nicht nur das traditionelle Passionskonzert des Kammerchors, sondern auch die komplette liturgische Feier der Passions- und Osterzeit, bei der alle Chorgruppen sehr stark eingebunden sind. Ebenso die monatlichen Orgelmusiken. Ich habe in dieser Zeit Orgelmusik zu den jeweiligen Anlässen eingespielt und auf unsere Homepage gestellt; ein Solistenteam des Kammerchors hat eine Passion zum Karfreitag eingesungen, der Jugendchor hat einen Ostergruß aufgenommen und ins Netz gestellt. Nach der ersten Öffnung wurde dann das für Oktober geplante Großprojekt „Stabat Mater“ von Dvorak in verkürzter Dauer und verkleinerter Besetzung am 19. und 20. September in zwei sehr bewegenden Aufführungen präsentiert. Und am 17. Oktober gestaltete der Kammerchor zusammen mit einem Streichtrio eine Abendmusik.

Haben Sie zwischenzeitlich auch mal in Erwägung gezogen, die Krise im Wortsinne sang- und klanglos vorüber ziehen zu lassen?

Christoph Heuberger: Nein, das habe ich nie in Erwägung gezogen.

Gottesdienst kann eigentlich ohne Gesang nicht gefeiert werden.

Kirchenmusiker Christoph Heuberger

Welche Bedeutung kommt dem Gesang gerade im kirchlichen Umfeld zu?

Christoph Heuberger: Gottesdienst kann eigentlich ohne Gesang nicht gefeiert werden, ist also nicht nur eine „Verschönerung“ des Gottesdienstes, sondern wesentlicher Bestandteil. Es ist eine große Herausforderung für uns, den Gesang in der Kirche so platziert und reduziert einzusetzen, dass niemand gefährdet wird. Also lieber Gesang mit Maske als gar kein Gesang!

Wird sich das Kulturleben nach Ihrer Einschätzung so erholen können, dass der Stand vor der Pandemie wieder erreicht werden kann?

Christoph Heuberger: Diese Frage beschäftigt uns natürlich sehr und ich kann nur sagen: Ich hoffe es. Für unsere Wahrnehmung hat die Pandemie ja sehr plötzlich begonnen: Am 11. März habe ich noch eine „normale“ Chorprobe gehalten und am 13. März wurde alles abgesagt. Sie wird aber leider nicht so plötzlich und abrupt enden, zunächst einmal müssen wir uns für längere Zeit damit arrangieren. Deswegen halte ich es für sehr wichtig, dass wir, die wir in der Kulturvermittlung tätig sind, alle Möglichkeiten ausschöpfen, um mit Fantasie und Mut die Sehnsucht nach Kunst und Spiritualität – ein menschliches Grundbedürfnis – zu erhalten. Künstler und Publikum lassen ja gemeinsam das Kulturleben erblühen. Diese Gemeinschaft wird zwar momentan auf eine harte Probe gestellt, aber ich bin optimistisch, dass nach einer Zeit der Entbehrung wieder Neues wachsen wird.

Wird der Kultur, gerade in der Krise, die angemessene Wertschätzung entgegengebracht?

Christoph Heuberger: Das knüpft an die vorherige Frage an: Wenn gewünscht ist, dass das vielfältige kulturelle Leben weitergeht, muss auch verhindert werden, dass viele Künstler ihren Beruf aufgeben und nach anderen Erwerbsmöglichkeiten suchen müssen. Auch hier gilt: Wertschätzung durch Klatschen und warme Worte ist sicher sehr wohltuend und genügt, wenn das zum Lebensunterhalt Nötige automatisch weiter fließt. Damit ein freischaffender Künstler sein Level halten kann, muss er ständig trainieren, auch in der Pandemie, hat aber in dieser Zeit keine oder fast keine Einnahmen. Mehr als mit finanziellen Zuwendungen ist aber dem Künstler dadurch geholfen, dass man ihm nicht alle Auftrittsmöglichkeiten nimmt.

Wie sieht Ihre Planung für 2021 aus?

Christoph Heuberger: Das kommende Jahr wird wohl noch durch kurzfristige Änderungen geprägt sein. Ich plane ein Passionskonzert am Palmsonntag und fasse für Ende September wieder ein Konzert mit Chor und Orchester ins Auge. Ansonsten wird es viele kleine, auch spontane Angebote geben.

Und Ihre persönliche Antwort auf die Ausgangsfrage: Wie geht’s?

Christoph Heuberger: Danke, mir geht‘s gut. Ich darf mich ja auch wirklich nicht beklagen als Musiker mit Festanstellung. Ich habe bestimmt nicht weniger Arbeit, bekomme aber auch mein Gehalt – wie vorher. Was mir aber wirklich Sorgen macht, ist die Frage, ob es Politik und Gesellschaft gelingt, einen einigermaßen gerechten Ausgleich zu finden zwischen den doch sehr vielen, die kaum oder keinen materiellen Schaden erleiden, und denjenigen, die unverschuldet vor den Trümmern ihrer Existenz stehen.

Sabine Näher

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