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Laute Stimme, klare Botschaften: Der Penzberger Imam Benjamin Idriz sprach am Dienstagvormittag vor rund 200 Schülern in der Aula der Tölzer Berufsschule.

Imam besucht Berufsschule

Islam und Grundgesetz? „Zu 100 Prozent kompatibel!“

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Der Penzberger Imam Benjamin Idriz sprach in der Tölzer Berufschule über richtige und falsche Auslegungen des Korans. Und die Schüler redeten mit.

Bad Tölz – Für das wichtigste Gebet des Islam schloss Benjamin Idriz die Augen, atmete kurz durch und erhob die Stimme dann zu einem lauten Sprechgesang. Die erste Sure des Korans: „al-Fatiha“ schallte aus den Lautsprechern. Allerdings nicht in seiner Penzberger Moschee, sondern in der Aula der Tölzer Berufsschule.

Eigentlich war der Imam mit mazedonischen Wurzeln am Dienstagvormittag gekommen, um über den Islam und dessen problematischen Ruf zu sprechen. Doch auf Wunsch einer Schülerin praktizierte er ihn auch gleich. Es war ein Live-Erlebnis, das für viele der rund 200 Schüler im Raum neu war – und nicht nur für die Christen unter ihnen. Bevor Idriz das Gebet, das mit dem Vater Unser vergleichbar ist, anstimmte, ging er aber auf Nummer sicher: „Ist das für alle Nichtmuslime im Raum in Ordnung?“ War es.

Offenheit und Toleranz statt falscher Unterstellungen

Gegenseitige Achtung statt Diskriminierung; Offenheit und Toleranz statt falscher Unterstellungen: Darum ging es Idriz. Er macht sich seit mehr als einem Jahrzehnt für eine liberale Auslegung des Islams stark. Mit Anzug, weißem Hemd und jeder Menge Gestik erinnerte seine Ansprache an die eines Politikers. Vielleicht war der Imam gerade deshalb so enthusiastisch bei der Sache, weil er mit Vorurteilen über seinen Glauben aufräumen wollte. Ein Beispiel: „Muslime dürfen Andersgläubige nicht als ungläubig bezeichnen. Das verbietet der Koran. Vor Gott sind alle gleich.“ Hier wendete sich Idriz mit einem „Jetzt passt auf“ direkt an die muslimischen Schüler.

Am passenden Ort war er dafür definitiv: Die Berufsschule beherbergt mittlerweile neun Flüchtlingsklassen mit vielen Schülern aus dem arabischen Raum. Wie legt man den Islam richtig aus? Darüber streiten die jungen Menschen aus Syrien und Afghanistan oft im Klassenzimmer, berichtete Lehrerin Cordula Allgäuer in der anschließenden Diskussion. Sie habe beobachtet, dass traditionell eingestellte Schüler die liberaleren verbal wegen ihrer Meinung angreifen. „Das zu bremsen, ist als Lehrerin manchmal nicht ganz einfach.“

Wie vertragen sich Make-Up und Tattoos mit dem Koran?  

Wie sehr sich die Schüler kontrovers mit dem eigenen und dem fremden Glauben beschäftigen, zeigten auch die Gespräche nach dem offiziellen Teil. Eine große Gruppe scharte sich um Imam Idriz. Mädchen wollten unter anderem wissen, wie sich Make-Up-Schichten und Tätowierungen mit dem Koran vertragen. Idriz hatte hier nicht immer konkrete Antworten.

Der Religionsfachbetreuer Peter Fick hatte ihn vor allem eingeladen, um folgende Frage zu klären: Passen der muslimische Glaube und die gesetzlich verankerten Werte hierzulande zusammen? Idriz’ klare Antwort: „Der Islam ist mit dem deutschen Grundgesetz zu 100 Prozent kompatibel!“ Die in Artikel 1 angesprochene „Würde des Menschen“ zum Beispiel sei auch im Koran zentral.

Lange sprach Idriz zum Thema Gleichberechtigung: In seiner Moschee in Penzberg würden Frauen und Männer im gleichen Raum beten. Im Gegensatz zur Tölzer Moschee: „Das ist eine falsche Auslegung des Korans“, kritisierte Idriz. Ungleichheit sei nicht durch Religion, „sondern durch die Männer“ entstanden. Eine Schülerin erkundigte sich bei ihm, wie der Islam zum Bundestagsbeschluss „Ehe für alle“ stehe. „Der Islam befürwortet das nicht. Aber man muss Gesetzesentscheidungen akzeptieren“, sagte Idriz. Politik und Religion müssten voneinander getrennt werden.

Nach seiner Meinung stehen Muslime unter einem „ständigen Rechtfertigungsdruck“. Einzelne Hassprediger und Extremisten spiegelten nicht die muslimische Gesellschaft wider – genauso wenig, wie Neonazis, Rassisten und AfD-Anhänger mit Anti-Islam-Parolen in Bezug auf die deutsche. Doch Idriz nahm die Muslime auch in die Pflicht: „Wir sind selbst gefordert, unseren Beitrag für ein friedliches Zusammenleben in einer pluralistischen Gesellschaft zu leisten.“

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