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Der Mindestlohn muss seit einem Jahr gezahlt werden. Ein Grund zum Feiern ist der Geburtstag nicht für jede Branche. 

Ein Jahr Mindestlohn

Schlecht für Praktikanten, gut für Taxifahrer

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Bad Tölz-Wolfratshausen –  Der Mindestlohn wird ein Jahr alt. Seit Januar 2015 darf (fast) kein Angestellter mehr weniger als 8,50 Euro in der Stunde verdienen. Ein Geburtstag, den nicht jeder gerne feiert.

„Der Mindestlohn hat den Beschäftigten gut getan und der Wirtschaft nicht geschadet“, sagt Georg Schneider. Er ist von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) und zeigt mit dem Daumen nach oben, wenn es um eine Bilanz nach einem Jahr Mindestlohn geht.

Schneider beruft sich auf eine Analyse des Pestel-Instituts (Hannover). Hotels, Pensionen, Restaurants und Gaststätten hätten neue Kräfte eingestellt. Im Juni gab es dort 1900 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte im Landkreis – zwei Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

Monika Poschenrieder vom „Forellenhof Walgerfranz“ kann das nicht bestätigen. „Mini-Jobs haben sich nicht in Vollzeitstellen umgewandelt“, sagt die Vorsitzende im Fachbereich Gastronomie des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands. Das sei gar nicht möglich, weil bei großen Gesellschaften oder am Wochenende mehr Kräfte gebraucht werden, als eine Vollzeitkraft ausgleichen kann. „Ein Mensch kann sich ja nicht vervielfältigen“, sagt sie.

Ihr Urteil zum Mindestlohn fällt weit weniger positiv aus als das der NGG. „Er ist ein Mittelstandvernichtungs-Programm.“ In ihrem Gasthof habe Poschenrieder zwar schon vorher mehr als 8,50 Euro bezahlt. Dennoch habe der Mindestlohn Auswirkungen, da bei höherem Einstiegslohn auch das Gehalt der Angestellten steigt, die länger im Betrieb sind – die Preise in der Gaststätte werden zwangsläufig teurer. „Wenn es den Gästen zu teuer wird, gehen sie weniger oder gar nicht mehr essen“, fürchtet die Gastronomin.

Ein weiteres Problem für Poschenrieder ist der bürokratische Aufwand, weil die Arbeitszeiten aufgezeichnet werden müssen. „Ich sitze mindestens einen Tag in der Woche im Büro, viele in unserem Gewerbe sind so ausgelastet, dass sie das nachts machen müssen.“ Die Folge: Wirte verlängern ihren Pachtvertrag nicht mehr.

Die vielen Unterlagen und Nachweise kritisiert auch Gerhard Knill. „Das fällt uns immer wieder auf die Füße“, sagt der Vorsitzende der Mittelstandsunion und Geschäftsführer des Geretsrieder Betonwerks Kühne. In seiner Branche seien Jobs weggefallen, zum Beispiel verzichten einige Unternehmen auf Werkstudenten oder Praktikanten, weil der Aufwand zu groß sei. „Das ist schade. Ich war selbst Werkstudent und fand es toll, mich orientieren zu können.“ Für Knill ist es aber noch zu früh für eine Bilanz. „Die Auswirkungen werden sich erst in ein paar Jahren zeigen.“

Für Taxiunternehmen galt der Mindestlohn als Herausforderung. Wurden Fahrer zuvor nach Umsatz bezahlt, wird seit einem Jahr nach Stunden abgerechnet. Entgegen erster Befürchtungen beurteilt Michael Much dieses System nach einem Jahr durchaus positiv. Aber „es gibt noch einige Hürden, an denen wir arbeiten“, sagt der Geschäftsführer des Tölzer Taxiunternehmens Much.

Seine Angestellten haben nun die Sicherheit, mit 1800 Euro brutto im Monat heimzugehen, auch wenn sie mal einen schlechten Tag hatten. Die Motivation leidet aber nicht darunter: „Sie versuchen immer, über den Mindestlohn zu kommen, weil sie am Umsatz beteiligt werden“, sagt Much. Er muss sich seit einem Jahr stärker mit der Lohngestaltung auseinandersetzen. Gut fürs Unternehmen, denn dadurch sind auch die Fahrgastzahlen gestiegen. „Wir konnten drei neue Mitarbeiter einstellen und fahren statt mit fünf Fahrzeugen nun mit acht, am Wochenende sogar mit neun“, sagt Much.

Der Grund: Um die 8,50 Euro in der Stunde zu erreichen, wird mehr darauf geachtet, die Fahrer so einzuteilen, dass Arbeitszeit und Umsatz passen. „Wir stimmen uns immer wieder ab, um dort zu sein, wo viel los ist.“ Immer klappt es allerdings nicht. „Im Dezember haben wir draufgezahlt. Es waren zu viele Fahrer eingeteilt, weil niemand mit dem schönen Wetter gerechnet hat“, so Much.

Eine Erhöhung auf 10 Euro Mindestlohn, wie es die Gewerkschaft fordert, kommt für Much daher erst mal nicht infrage. Über so etwas zu sprechen, sei viel zu früh. „Wir sind immer noch am Einpendeln“, sagt er.

Auch Knill hält nichts von der Forderung. „All das ist eine politische Diskussion geworden, mit dem Markt hat das nichts mehr zu tun.“ Derzeit entwickele sich die Wirtschaft positiv. „Aber es gibt auch andere Zeiten, dann wird der Lohn aber nicht mehr runtergehen.“

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