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Bayerische Lieder sangen (v. li.) Rosemarie Hämmerle, Elisabeth Kollmuß, Franziska Burghardt und Therese Endres beim Bürgermeisterempfang in Vichy 1988.

50 Jahre Bad Tölz-Vichy

„Die Städtepartnerschaft hat viel bewirkt“

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Bad Tölz – Elf Bürgerfahrten nach Frankreich, Austausch von Schülern und Sportlern: Die Städtepartnerschaft Bad Tölz-Vichy feiert 50. Geburtstag. Einst sollten Ressentiments abgebaut werden. Entstanden ist eine enge Freundschaft mit der Stadt in der Auvergne.

Rosemarie Hämmerle (85) nimmt an den Bürgerfahrten zu den französischen Freunden fast seit Beginn der Städtepartnerschaft teil. Zusammen mit Martin Englert, Vorsitzender des Städtepartnerschaftsvereins, blickt sie zurück.

Frau Hämmerle, bei Vichy kommen einem zunächst Thermalwasser und Salz-Pastillen in den Sinn ...

Rosemarie Hämmerle: Ich habe bei unserem Besuch im Jahr 2000 aus einer Quelle getrunken. Es schmeckt nach faulen Eiern, aber es ist gut für Leber und Nieren.

Was verbinden Sie mit Vichy, Herr Englert?

Martin Englert: Da kommt mir viel in den Kopf. Die begeisternde natürliche Landschaft, die Weite. Die Auvergne ist dünn besiedelt, sie ist von Vulkanen und vielen Flüssen geprägt. Es gibt viele alte Gebäude, weil Napoleon III. das damals gestaltet hat. Aber ich freue mich auch auf die Menschen, die uns erwarten. Es sind lieb gewonnene Freunde.

Hämmerle: Man weiß, dass man mit freundschaftlichen Gedanken hinfährt und Menschen kennenlernt, die einen wieder besuchen.

Das war nicht immer so.

Hämmerle: Ich bin 1951 mit 20 Jahren das erste Mal nach Frankreich gereist. Wir mussten unsere Zelte im Kreis aufstellen, weil man damals mit Überfällen rechnen musste. An einem Abend ist der Taxifahrer durch Paris gefahren und hat so getan, als ob er unseren Zeltplatz nicht finden würde, bis wir unser Geld abgezählt haben, ob wir uns das überhaupt leisten können. Und in einer Crêperie sind wir gar nicht bedient worden.

Wie ist aus dieser kritischen Beziehung eine Freundschaft entstanden?

Englert: Nach dem Élysée-Vertrag lag der Schwerpunkt speziell auf dem Jugendaustausch, um die Ressentiments zu beenden. Früher hat man sich als Erbfeinde bezeichnet, das musste aus den Köpfen wieder raus.

Hämmerle: Man muss sich kennenlernen, um zu sehen, dass jeder ein Mensch ist und jeder die gleichen Probleme hat.

Warum ist die Städtepartnerschaft mit Vichy entstanden?

Englert: Das Gymnasium suchte damals eine Partnergemeinde in Frankreich. Studienrat Ernst Schweinberger hörte schließlich von einem Deutschen, der an der Universität in Clermont-Ferrand Geologie studierte. Der hatte die Tochter einer Französin kennengelernt, deren Bruder von den Nazi-Schergen unschuldig erschossen wurde, weil er sich in Deutsch nicht erklären konnte. Die Französin, Joelle Meunier, fasste den Entschluss, dass ihre drei Kinder Deutsch lernen müssen, damit so etwas nie mehr geschieht. Außerdem wollte sie ihren Beitrag zur immerwährenden friedlichen Koexistenz beider Staaten leisten. Weil die Familie in Vichy lebte, nahm Studienrat Schweinberger Kontakt mit der Stadt auf.

Haben Tölz und Vichy noch etwas gemeinsam?

Englert: Beide waren Bäderstädte, die mit dem Einbruch des Kurwesens zu kämpfen hatten. Angeblich wollte Napoleon III. damals nach Bad Tölz kommen, um sich anzuschauen, wie eine Kurstadt aussehen kann. Leider ist es aber nie dazu gekommen.

Frau Hämmerle, Sie sind bei einer der ersten Bürgerfahrten mit nach Vichy gefahren. Warum?

Hämmerle: Das war 1988 bei der dritten Bürgerfahrt. Ich war einfach neugierig auf die Franzosen. Ich dachte, ich lerne Land und Leute intensiver kennen, wenn ich selbst dort bin. Ich habe ein anderes Frankreich vorgefunden als 1951.

Wie ist es bei Ihnen, Herr Englert?

Englert: Ich bin das erste Mal im Jahr 2001 hingefahren. Als Ernst Schweinberger krank geworden ist, habe ich das als Stadtrat übernommen. Damals wurde schon länger nichts gemacht, und ich habe den Förderverein gegründet, um das wieder aufleben zu lassen.

Hat sich die Beziehung im Laufe der Jahre verändert?

Hämmerle: Jetzt gibt es viel mehr Menschen, die über Deutschland und Frankreich Bescheid wissen. Wir sind Brüdervölker.

Englert: Das Verhältnis ist lockerer geworden. Die Städtepartnerschaft hat viel bewirkt in diese Richtung. Der stellvertretende Bürgermeister von Vichy hat einmal gesagt: „Wir haben die Gräben zugeschüttet, die andere vor uns aufgetan haben.“

2014 wurde die Bürgerfahrt abgesagt. Gibt es zu wenig Interessenten?

Englert: Vielleicht hatten wir zu viele Bürgerfahrten. Wir sind erst jedes Jahr gefahren, dann abwechselnd nach Vichy und San Giuliano Terme. Es ist nicht zuletzt ein weiter Weg und kostet trotz der Förderung durch den Städtepartnerschaftsverein noch eine Menge. Der Austausch von Schülern, Sportlern und Kulturschaffenden läuft nach wie vor zufriedenstellend. Die guten nachbarschaftlichen Beziehungen sind zur Selbstverständlichkeit geworden, gerade die jungen Leute haben keinerlei Probleme miteinander.

Ist die Städtepartnerschaft dann überhaupt noch nötig?

Englert: Unsere Beziehung zu Frankreich muss auf jeden Fall gepflegt werden. Es ist immer eine Gratwanderung zwischen Partnerschaft und Konkurrenz.

Hämmerle: Die Geschichte beweist, dass wir uns kennenlernen und gegenseitig mit Toleranz begegnen müssen.

Englert: Frieden gibt es nicht zum Nulltarif. Und ganz wichtig: So eine Partnerschaft darf nicht nur von den Rathäusern ausgehen, die Politik muss die Bürger mitnehmen.

Wie feiern Sie das Jubiläum?

Englert: Wir haben die Freunde aus Vichy eingeladen. Es kommen fast 100 Menschen, darunter eine Abordnung des Rathauses, die Société Musicale de Vichy und die Folkloregruppe Vichy et ses Sources. Auch aus der zweiten Partnerstadt San Giuliano Terme bekommen wir Besuch und hoffen, dass auch viele Tölzerinnen und Tölzer an dem Fest teilnehmen.

Jubiläumsfeier

Die Stadt feiert mit den Gästen aus Vichy und San Giuliano Terme am Wochenende von 15. bis 17. Juli. Am Samstag treten um 10 Uhr die Musikkapelle und die Folkloregruppe am Vichyplatz und in der Marktstraße auf. Um 15 Uhr beginnt der Festgottesdienst in der Stadtpfarrkirche – mit Festzug zum Kurhaus. Die Gäste treten am Sonntag um 11 Uhr in der Marktstraße auf.

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