Die Versorgung aus dem Nest gefallener Vögel bereitet dem Tierschutzverein Sorgen. 
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Die Versorgung aus dem Nest gefallener Vögel bereitet dem Tierschutzverein Sorgen. 

Jahreshauptversammlung 

Tierschutzverein zieht Bilanz 

  • Patrick Staar
    vonPatrick Staar
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Der Tierschutzverein kritisiert bei der Hauptversammlung das Verhalten mancher Kommunen. Auch finanziell hatte der verein im vergangenen Jahr zu kämpfen. 

Bad Tölz – Tierärztin Brigitte Kempf ist in ihrer Praxis immer wieder mit dem gleichen Problem konfrontiert: Menschen bringen Vögel zu ihr, die aus dem Nest gefallen oder verletzt sind. Die Kunden wünschen sich, dass Kempf die Tiere behandelt und betreut. Doch dazu fehlen ihr Kapazitäten, sagte sie in der Jahresversammlung des Tierschutzvereins im Tölzer „Café am Wald“.

Sie würde sich wünschen, dass sich in Bad Tölz und Umgebung ein Helferkreis zusammenschließt, der sich um diese Tiere kümmert – so wie sie es aus ihrem ehemaligen Wohnort Neuburg an der Donau kennt. Sie arbeite seit fünf Jahren im Landkreis und habe keine Ansprechpartner, wenn es um die Pflege von Vögeln, Fledermäusen oder Igeln gehe, sagte Kempf: „Das ist eine ganz große Misere.“

Mangelnde Kapazitäten: „Das ist eine ganz große Misere“ 

Erst kürzlich sei ein junger Mann mit einem verletzten Specht zu ihr gekommen. Sie habe geantwortet, dass die Behandlung und Betreuung des Tiers bei einer Spezialistin in Taufkirchen 300 bis 400 Euro kosten würde. „Da hat der Mann gesagt, dass er sich das nicht leisten kann.“ Vom Landesbund für Vogelschutz habe es keine Unterstützung gegeben: „Sie haben gesagt, dass wir der Natur ihren Lauf lassen sollen. Aber ich finde, das sind Lebewesen, auch wenn sie nur zwei Gramm wiegen.“ Hilfe habe der Mann schließlich erst in der Rosenheimer Tierklinik gefunden. Kempf hofft auf Mitstreiter: „Man braucht etwas Fachkompetenz. Es ist eine schwierige, aber interessante Aufgabe.“

Der Vereins-Vorsitzende Hans Fichtner berichtete, dass bei einigen Bürgermeistern das Verständnis für die Arbeit des Tierschutzvereins und des Tierheims fehle. So habe eine Frau eine schwer erkrankte Katze mit semmelgroßen Tumoren in Leber und Milz ins Tierheim gebracht. Fichtner wollte sich mit dem Bürgermeister der betroffenen Gemeinde absprechen, was nun zu tun sei: Eine aussichtslose Behandlung durchführen oder einschläfern, „auch wenn wir das als Tierschutzverein natürlich ungern machen“.

Vorschlag von Bürgermeister macht Fichtner fassungslos 

Das Gemeindeoberhaupt sprach sich fürs Einschläfern aus. Der weitere Vorschlag machte Fichtner allerdings fassungslos: „Er hat gesagt, dass ich das tote Tier einfach in den Wald werfen soll. Er ist eigentlich ein gebildeter Mann, aber er hatte offensichtlich noch nie was von einem Tierkörper-Beseitigungsgesetz gehört.“

Finanziell war das vergangene Jahr für den Tierschutzverein nicht einfach. Die Ausgaben (74 000 Euro) lagen um rund 17 000 Euro über den Einnahmen. Dass es finanziell trotzdem einigermaßen rund läuft, hat der Verein den üppigen Rücklagen zu verdanken. „Wir bräuchten aber eine angemessene Regelung, dass wir leben können“, sagte Fichtner.

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Im Jahr 2016 hatten die Bürgermeister das Angebot gemacht, dass die Kommunen des südlichen Landkreises 25 Cent pro Einwohner und Jahr an das Tölzer Tierheim zahlen. Doch dieses Angebot habe der Tierschutzverein nicht annehmen können. „Wir hätten dann auch für die Tierarzt-Kosten komplett aufkommen müssen. Wenn man bedenkt, dass die Behandlung eines Beckenbruchs schon mal mehrere tausend Euro kostet und ein Bänderriss 900 Euro, kann man sich vorstellen, dass man mit dem Geld nicht weit kommt. Wir sind nicht die Versicherung der Gemeinden.“ Erst bei 50 Cent pro Einwohner könnten diese Kosten gedeckt werden.

Finanzlage 2020 noch schwieriger als 2019

Momentan handelt Fichtner die freiwilligen Spenden mit den Gemeinden individuell aus. Mit einigen Kommunen – etwa Benediktbeuern, Bichl und Greiling – gebe es in dieser Hinsicht „null Probleme“.

Im laufenden Jahr sei die Finanzlage noch schwieriger als 2019, berichtete Fichtner. Der Grund dafür sei die Corona-Krise: „Normal versorgen wir pro Jahr 75 Pflegetiere, aber das ist total weggebrochen, weil die Leute nicht mehr in den Urlaub fahren.“ Damit falle auch einer der größten Einnahmeposten weg.

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Der Tierschutzverein fängt dieses Defizit dadurch auf, dass der Personalbestand um 60 Prozent heruntergefahren wurde. „Das Tierheim wird meiner Meinung nach exzellent geführt“, befand Kassenprüferin Charlotte Ettinger. Sie kritisierte aber : „Manche Gemeinden glauben wohl, dass die ganze Arbeit umsonst gemacht werden soll, und dass der Tierschutzverein einen Goldesel im Keller hat.“

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