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In seinem Atelier zeichnet Hans Reiser jede Woche eine Karikatur für den Tölzer Kurier – wenn es nach ihm geht, auch in den nächsten 50 Jahren.

50. Jubiläum von Karikaturist Hans Reiser

Vom Winzerer aufgespießt: 2500 Mal ein „ganz spezieller Humor“

Vor 50 Jahren hat Hans Reiser als Zeichner des Winzerer beim Tölzer Kurier begonnen. Der heute 68-Jährige blickt anlässlich seines Jubiläums auf die Anfänge zurück. 

50 Jahre Karikaturist für den Tölzer Kurier: Wurde eigentlich schon mal jemand handgreiflich wegen einer Zeichnung? Oder bist Du bedroht worden?

Eigentlich nur Zuspruch, Schulterklopfen und wohlwollende Kommentare. Ich kann mich nur an zwei Zeichnungen mit negativen Leserbriefen erinnern. Das eine Mal hat eine ehemalige Lehrerin von Tölz eine Oster-Karikatur als religiöse Verunglimpfung erkannt. Zu sehen war ein Osterhase, der Ostereier bemalt und eine rundliche Osterhäsin als Model hernimmt. Nix Unzüchtiges. Das andere war eine Zeichnung für den Merkur, als Papst Benedikt Bayern besucht hat. Die Kirchen waren an dem Sonntag alle leer, weil alle zum Benedikt gefahren sind. Und ich habe Jesus aus der Kirchentür rausschauen und sagen lassen: „Ja, wo san s‘ denn alle?“ Da gab‘s auch Leserbriefe. Aber bedroht worden bin ich nie.

Ich erinnere mich an das Buch mit Michi Heim, in dem Du die Wackersberger Gebirgsschützen den vorbeispazierenden Wolpertinger grüßen lässt und dafür ein Foto der grüßenden Schützen bei der Wandlung verwendet hast.

Stimmt. Das war aber keine Winzerer-Zeichnung. Da hat man mir telefonisch bei einer Signierstunde Watschen angedroht.

„Bei zwei Zeichnungen gab es negative Leserbriefe. Bedroht wurde ich aber noch nie“

Apropos: Wie weit darf Karikatur gehen? Ich denke an Charlie Hebdo...

Ich bin ja nur im lokalen Bereich tätig und nicht in der Politik. Aber grundsätzlich darf sich Karikatur natürlich mit religiösen Themen befassen, muss es sogar. Etwa dann, wenn – wie in den Zeichnungen von Charlie Hebdo karikiert – Fanatiker religiöse Glaubensinhalte für sich instrumentalisieren. Ich habe als Karikaturist eher ein Problem mit Obszönität und persönlicher Beleidigung.

Du hast rund 2500 mal die Winzerer-Zeichnung für den Tölzer Kurier gemacht Erinnerst Du Dich an spezielle Zeichnungen?

Nein, eigentlich nicht. Außerdem: Was mir gefällt, gefällt oft den Leuten nicht, und umgekehrt. Eine Zeichnung hat vielen Leuten gut gefallen. Das war die Geschichte, als Wackersberger Bauern der vernachlässigten und völlig entkräfteten Kuh eines Nachbarn den Gnadenschuss gegeben haben. Wenn dieses Beispiel Schule macht, habe ich mir gedacht, und einen entkräfteten Mountainbiker gezeichnet...

Was passiert eigentlich mit Deinen Zeichnungen? Hast Du Dein Haus damit tapeziert?

Die liegen zum großen Teil in vielen Schachteln herum. Früher habe ich manchmal eine Ausstellung gemacht, sie verkauft und den Erlös gespendet. Das will ich auch bei der kommenden Ausstellung im Herbst machen.

„Das hat man mir telefonisch bei einer Signierstunde Watschen angedroht“

Hast Du den Tölzer Kurier entdeckt, oder der Tölzer Kurier beziehungsweise der damalige Leiter Gregor Dorfmeister Dich?

Entdeckt hat mich eigentlich der Bachmair Max (Langjähriger Redakteur beim Isar-Loisachboten, Anm. d. Red.). Der war älter und Mitschüler in Tegernsee. Wir haben beide für die Schülerzeitung gearbeitet. Ich habe viel gezeichnet. Als er dann schon für die Zeitung arbeitete und Dorfmeister mal eine Zeichnung brauchte, hat der Bachmair gesagt: „Da kenn ich jemanden.“ Dann hat Dorfmeister mich gefragt. Im „Amalfi“ haben wir damals die mündliche Vereinbarung geschlossen. 20 Mark Honorar pro Zeichnung.

Denk Dich mal zurück in den Kopf des 18-jährigen Hans Reisers. Hättest Du im März 1970 auch nur im Entferntesten zu denken gewagt, dass Du das 50 Jahre machen würdest?

Nein. Solche Gedanken stellt man nicht an. Das Angebot war eine tolle Sache und hat mich sehr geehrt. Plötzlich war ich in einer Tageszeitung vertreten. Da war ich schon sehr stolz. Und die Arbeit hat meine klamme wirtschaftliche Situation als Gymnasiast dramatisch verbessert.

Oktober 2008: Kirtaganslwitz Nr. 435.

50 Jahre Karikaturist. Hält das auch jung?

Ich denke schon. Aus geriatrischer Sicht ist das sicher eine gute Sache. Man muss sich einmal in der Woche mit einem Thema satirisch auseinandersetzen und einen Gag erarbeiten. Das hält fit.

Achtung Fangfrage: Ist der Tölzer Kurier für Dich so wichtig, wie Du für den Tölzer Kurier?

(Lacht) Ich glaube schon. Durch die ständige Präsenz kennt man meinen Namen. Das ist gut fürs Geschäft. Meine Ausstellungen sind gut besucht. Ein normaler Künstler muss sich erst über Ausstellungen ins Bewusstsein der Leute bringen.

Ausstellung für kommenden Herbst geplant 

Ich habe mal nachgeschaut in Wikipedia: Es gibt noch fünf bekannte Hans Reiser: Einer war fränkischer Heimatpfleger, einer Schriftsteller, einer Schauspieler, einer Journalist und einer amerikanischer Informatiker. Erkennst Du einen Zusammenhang?

Besser nicht. Der Informatiker war der, der seine Frau umgebracht hat. Als das mit dem Internet losgegangen ist, ist das immer als erstes aufgeploppt, wenn man Hans Reiser eingegeben hat. Da bin ich immer wieder drauf angesprochen worden.

Wie lange brauchst Du für eine Zeichnung?

Zwischen zwei und drei Stunden.

Wann und wie kommen Dir die besten Ideen?

Im Bett liegend am Morgen. Da ist das Hirn am beweglichsten.

Bist Du eigentlich Frühaufsteher?

Jeden Tag stehe ich spätestens um 5 Uhr auf. Dann spiele ich erst einmal ein, zwei Stunden Gitarre. Von Klassik bis Pop.

Und wenn Dir beim Zeichnen partout nichts einfällt? Gehst Du dann spazieren?

Nein. Da lenken mich viel zu viele Eindrücke ab. Ich setze mich dann vor das Blatt Papier, stütze den Kopf in die Hände und versuche, mich ganz aufs Thema zu fokussieren und es auf einen Gag abzuklopfen. Nach 50 Jahren habe ich auch die Sicherheit, dass mir immer irgendetwas einfällt.

Hat sich der Winzerer geändert?

Am Anfang haben wir die Themen gerne ins Zeitalter der Ritter transformiert. Wenn es zum Beispiel Jahreszeugnisse gegeben hat, hat der Winzerer Noten für Sengen, Brennen und Vierteilen bekommen und in Religion war er schlecht, weil er sich nicht an den Kreuzzügen beteiligt hat. Die Figur des Ritters hat sich geändert. Früher war er zu 80 Prozent im Harnisch unterwegs, inzwischen kommt er zu 80 Prozent zivil daher. Als einheimischer Normalbürger in Trachtenjoppe.

„Das Frotzeln gehört bei uns zum Tagesgeschäft“

Deine Wurzeln liegen im Isarwinkel. Du bist gebürtiger Lenggrieser und in Fall aufgewachsen. Ziehst Du aus dieser Herkunft bis heute eine Kraft, ein Wissen für Deine Arbeit?

Kraft und Wissen vielleicht nicht. Aber was mir immer wieder auffällt: Wir in Bayern und im Isarwinkel haben schon noch eine ganz spezielle Art des Humors und Derbleckens. Das Frotzeln gehört bei uns zum Tagesgeschäft. In dieser Tradition sehe ich mich auch.

Hat Deine Familie übrigens den Willen, Künstler zu werden, unterstützt? Ich lese, dass Deine Eltern eher das Finanzamt oder eine Banklehre für Dich im Blick hatten.

So konkret war‘s nicht. Aber sie haben sich ganz schön querlegen müssen, dass ich aufs Gymnasium und ins Internat habe gehen können. Vorgestellt haben sie sich dann wohl, dass ich irgendwie die höhere Beamtenlaufbahn einschlage. Mir wurde da aber nichts aufgepfropft. Das rechne ich ihnen hoch an. Denn Maler galt nicht unbedingt als anständiger Beruf. Dass ich damals für den Tölzer Kurier habe arbeiten dürfen, hat mir da schon sehr geholfen. Ein größeres Problem war für meine Eltern meine langen Haare. Da gab‘s jedes Wochenende, wenn ich von Tegernsee heimkam, Stress. Irgendwann haben sie resigniert.

Kam in Deinem Leben je der Moment, wo Du gesagt hast: Blöde Kunst. Hätte ich doch nur etwas Gescheites gelernt? Und was wäre das gewesen?

Nein, überhaupt nicht. Heute weiß ich, dass mich Musik interessieren könnte. Früher war ich da zu schlecht und hatte keinen Probenfleiß. Aber grundsätzlich freue ich mich jeden Tag, wenn ich mich an die Staffelei setzen kann. Das Zeichnen und Malen überwiegt inzwischen fast alle Interessen.

März 2007: Dass da Heigelkopf bei Google im Internet no oiwei Adolf-Hitler-Berg hoast, trifft nur noch veroanzelt auf Zustimmung.

Künstler sind schwierige und eigenwillige Gesellen, liest man. Bist Du auch schwierig und eigenwillig?

Ich bin mir sicher, dass ich das bin. Künstler sind in gewisser Weise Exzentriker und haben narzisstische Tendenzen. Die sind ganz mit ihren Themen beschäftigt und ihnen ergeben. So geht‘s mir auch. Ich gebe zu, dass da das soziale Umfeld ein bisschen verkümmert.

Nicht ganz einfach für Deine Frau Elisabeth, oder?

Sie ist ja als Restauratorin aus der Branche und weiß damit umzugehen. Wenn sie ein Objekt fertigmachen muss, ist sie auch nicht ansprechbar. Wir ticken da ähnlich und wissen den anderen zu handlen.

Es kommt ein Buch und eine Ausstellung, soweit ich weiß?

Die einmonatige Ausstellung beginnt am 24. September im Stadtmuseum. In diesem Rahmen wird auch das Buch vorgestellt. 300 Winzerer-Zeichnungen aus den letzten 30 Jahren.

Du bist ja freischaffender Künstler. Beziehst Du eine Rente oder wirst Du uns wie unser geschätzter Merkur-Kolumnist Herbert Schneider auch noch mit 97 Jahren beglücken?

Ich bin bei der Künstlersozialkasse und beziehe eine bescheidene Rente. Aber wenn die Motorik noch funktioniert und’s Hirnkastl, dann werde ich auch mit 97 noch zeichnen. Gesetzt dem Fall, dass mich der Tölzer Kurier und die Leut‘ noch mögen. Und so ein Tod an der Staffelei wäre ja schön. Einfach beim Malen sanft einschlafen. Ich habe wirklich mein Hobby zum Beruf gemacht. Ich habe Glück gehabt.

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