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Online im Unterricht: Gitarrenlehrer Hannes Deißenböck, Leiter des Tölzer Musikzentrums Trommelfell, greift in der Übungsstunde oft auf den Laptop zurück – hier mit seinem Schüler Claudius (13). 

Trends beim Instrumentelernen

Kein Unterricht ohne Internet: Musiklehrer erzählen

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Wie sich Pop-Musik und Gesellschaft wandeln, so verändert sich auch der Instrumentalunterricht. Schüler profitieren von Youtube und Aufnahmeprogrammen. Lehrer klagen über Termin-Probleme mit Gymnasiasten, die das G8 einspannt.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Lehrer, Schüler, ein Instrument und ein Notenheft: Das waren mal die klassischen Komponenten des Musikunterrichts. Längst ist eine weitere dazugekommen. „Unterricht ohne Internet gibt’s nicht mehr“, sagt Gitarrenlehrer Hannes Deißenböck. In seinem Tölzer Musikzentrum Trommelfell ist immer auch ein Laptop oder ein Tablet in der Nähe, wenn Lieder geübt werden.

Deißenböcks Schüler dürfen hin und wieder ihre Lieblingssongs mitbringen: „Mir ist immer wichtig zu wissen: Was hören sie? Wo wollen sie hin?“ Kennt der Gitarrenlehrer die Lieder nicht, macht er sich auf der Videoplattform Youtube schlau, wie er sagt: „Ich höre mir die Akkorde raus oder schlage sie im Internet nach.“ Die Webseite ultimate-guitar.com zum Beispiel liefert Millionen Songstrukturen aus Rock und Pop. Der Einsatz solcher Hilfsmittel nimmt laut Deißenböck zu. „Wir nutzen auch Aufnahmeprogramme, mit denen man Tonarten von Liedern ändern oder die Stücke verlangsamen kann. So haben Schüler schneller ein Erfolgserlebnis.“

Eltern wollen Kindern die Blockflöte ersparen

Die Musik unterliegt Trends – das gilt auch für den Instrumentalunterricht. „Das Schlagzeug ist in den letzten 15 Jahren brutal in Mode gekommen“, sagt Sepp Müller, Leiter der „Müsikwerkstatt“ in Lenggries. Der Ruf des Trommlers habe sich gewandelt, analysiert Müller, der beruflich in die Becken haut: „Das Schlagzeug war den meisten Eltern früher zu laut. Heute ist es als Instrument akzeptiert, auch wenn es keine Töne hervorbringt.“

Zum Tonleitern-Üben ist die Blockflöte ein Klassiker, klein und günstig – aber nach Müllers Eindruck nicht mehr so gefragt wie einst. „Eltern, die selbst Flöte lernen mussten und es gehasst haben, wollen das heute ihren Kindern nicht antun.“ Und das sagt ein ausgewiesener Flöten-Fan. Neben der Querflöte oder dem Saxofon („Beides ziemlich hip geworden“) erlebe die Geige eine Renaissance. „Das hat sicher auch mit Pop-Musikern wie David Garret und Mumford & Sons oder mit Live-Filmmusik-Aufführungen wie der von Harry Potter zu tun“, sagt Müller. Mit den Kindern in der „Müsikwerkstatt“ führt er einen regen Austausch: „Ich frage sie schon, wie sie auf ihr Instrument kommen.“

G8: Keine Zeit mehr für die Musikschule 

Aber nicht nur junge Menschen wollen musikalisch aktiv werden. „Der Unterricht für Erwachsene hat bei uns zugenommen“, sagt „Trommelfell“-Chef Hannes Deißenböck. Das sei ein Trend der vergangenen zwei Jahre. „Viele hatten als Kind nicht die Chance oder durften kein Instrument lernen.“

Dass talentierte junge Musiker den Unterricht wieder aufgeben, musste Harald Roßberger schon mehrmals erleben. „Die gestiegene Belastung in der Schule, speziell im Gymnasium, macht Eltern Angst“, sagt der Leiter der Tölzer Sing- und Musikschule. Es sei schwierig geworden, Schüler für längerfristige Projekte wie Bands, Orchester oder Kammermusik-Ensembles zu begeistern – und gemeinsame Probentermine zu finden. „Es ist mühsam“, sagt Roßberger. „Wir müssen oft auf Wochenenden ausweichen.“ Der Musikschul-Chef freut sich auf die Rückkehr des G9-Modells an bayerischen Gymnasien. „Das lässt den Schülern mehr Luft.“

Wissenschaftler, Politiker und Pädagogen sind sich einig, dass regelmäßiger Musikunterricht nicht nur gesund ist, sondern auch das Gehirn fit macht. Gitarrentechniken kann man online mittlerweile bestens lernen. Youtube liefert auch zu unbekannteren Songs hochwertige Übungsvideos. Eine Konkurrenz für die Musiklehrer? Nein, sagt Deißenböck: „Da ist keiner, der dir sagt, ob du es richtig oder falsch machst.“

Auf die richtige Handstellung ihrer Schüler achtet Klavierlehrerin Natalya Panina-Rummel aus Reichersbeuern penibel genau. „Ich habe die klassische Methode aus Russland mitgebracht“, sagt sie. „Sie hat sich über hunderte Jahre bewährt.“ Die Musik hat eben auch Konstanten.

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