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Keine Kleptomanin

Bad Tölz/Wolfratshausen - Vorbestrafte Tölzerin (60) stiehlt Schokolade und muss dafür vier Monate ins Gefängnis - Gutachten bestätigt Zurechnungsfähigkeit.

Eine Rentnerin klaut. Immer wieder wird die 60-jährige Tölzerin auf frischer Tat ertappt. Zuletzt am 4. Januar, als sie drei Tafeln Milka-Schokolade, drei Ritter-Sport und zwei Packungen Süßrahm-Butter in ihrer Mantel-Tasche aus einem Lebensmittel-Discounter entführen wollte. 8,82 Euro hätten die Waren gekostet.

Drei Monate später musste sich die Frau wegen Diebstahls vor dem Amtsgericht verantworten. Sie plädierte auf Schuldunfähigkeit, sieht sich selbst als Kleptomanin. Ein Gutachten auf Anordnung des Gerichts konnte das nicht bestätigen. Sie wurde nun zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. In der neuen Verhandlung stellte die 60-Jährige ihre schwierige Lebenssituation dar.

Vor dreizehn Jahren sei sie von einem Finanzmakler um ihr gesamtes Vermögen betrogen worden. Das habe die ehemalige Hauswirtschafterin nicht verkraftet. Sie habe sich umbringen wollen und massiv zu Tabletten gegriffen. „Ich war nie geistig fit, war immer sediert“, beteuerte die Angeklagte, die zum ersten Mal 2005 eine Geldstrafe wegen Diebstahls kassierte. „Sie merken nichts mehr, sie wissen nichts mehr. Wahrscheinlich habe ich die Sachen unbewusst eingesteckt“, beschrieb sie dem Gericht die Wirkung der am Tattag eingenommenen Medikamente. Der Gutachter hatte jedoch keine Anzeichen einer Bewusstseinsstörung erkennen können. Bei Kleptomanie handle es sich um eine zwanghafte Impulsstörung, erläuterte der Facharzt für Psychiatrie und Nervenheilkunde. „Sie nehmen Dinge, die gerade da liegen. Egal was. Sie müssen in dem Moment einfach zugreifen.“ Das scheide bei der Angeklagten jedoch vollkommen aus. „Sie hat immer die Sachen beschafft, die sie gerne hatte. Gezielt zugreifen hat nichts mit Kleptomanie zu tun.“

Der Griff zu Lebensmitteln bescherte der Tölzerin vier Verurteilungen. Zuletzt 2013: Sie bekam vier Monate auf Bewährung, weil sie Butter, Tortellini und Amarettolikör gestohlen hatte. Die Bewährungszeit läuft noch bis Mitte Januar 2018. „Sie hat psychische Probleme, die behandelt werden müssen. Sie versucht, ihr Leben wieder in den Griff zu kriegen. Eine Freiheitsstrafe wäre da kontraproduktiv“, plädierte Verteidiger Georg Kastenmüller.

Richter Helmut Berger sah das anders: „Sie gönnt sich mal was“, stellte er fest, nachdem er die „klassische Bewährungsversagerin“ zu einer Freiheitsstrafe von vier Monaten verurteilt hatte. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Rudi Stallein

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